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       # taz.de -- Wahlkampf der Berliner CDU: Für die Tonne
       
       > Der Rückzug von Kai Wegner ist auch ein finanzielles Debakel für die
       > Berliner CDU. Plakate, Flyer und andere Materialien sind auf einmal
       > unbrauchbar.
       
   IMG Bild: Auch diese Druckerzeugnisse sind jetzt nicht mehr zu gebrauchen: Szene vom CDU-Parteitag am 9. Juni
       
       Berlin darf sich freuen: Schon bald, ab dem 2. August und damit punktgenau
       sieben Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September, beginnt die
       große Materialschlacht der Parteien: Dann werden wieder Hunderte riesige
       Posterwände und Abertausende Plakate aufgehängt, sowie unzählige Flyer und
       andere Werbematerialien verteilt, von Kugelschreibern, Notizblöcken bis zu
       Bonbons und Kondomen. Hinzu kommen digitale Inhalte: Die Wahlkampfteams
       produzieren Videos, Werbespots für Radio und Fernsehen,
       Social-Media-Beiträge. Die Kosten dafür gehen in die Millionen.
       
       Was die Parteien den Berliner:innen mitteilen wollen, ist dabei an
       Austauschbarkeit kaum zu überbieten: „Wieder Berlin“ will die SPD
       plakatieren, „Berlin wird“ dagegen die CDU – wer da noch einen Unterschied
       erkennt, möge sich gerne an die taz wenden. Sprachlich anspruchsvoller,
       inhaltlich aber genauso leer sinnieren die Grünen etwas von einem „Raus aus
       dem Rückwärts“. Nur die Linke setzte bei ihrem Wahlmotto auf eine Parole,
       aus der sich ein Inhalt erahnen lässt: „Berlin bezahlbar machen.“
       
       Alle Parteien operieren dabei mit der These, dass die Plakatflut
       tatsächlich auch etwas bringt. Eine These ist das, weil der Einfluss von
       Plakaten auf die Wahlentscheidung des Einzelnen kaum nachzuweisen ist. „Es
       hat schließlich noch nie ein Wahlkampf ohne Sichtwerbung stattgefunden“,
       sagt der Politologe Nils Diederich zur taz. Die Massenwerbung sei für die
       Wähler:innen vor allem eine Erinnerung: „Da ist eine Wahl, da ist dieser
       Kandidat“, sagt er. Diese Wirkung dürfe man nicht unterschätzen.
       
       Entsprechend groß dürfte dieser Tage der Stress bei der Berliner CDU sein.
       Denn der Name auf den Plakaten sollte doch zumindest mit jenem auf dem
       Wahlzettel identisch sein. Nach dem [1][Rückzug von Spitzenkandidat Kai
       Wegner] muss die Kampagne jetzt aber auf dessen Ersatz,
       [2][CDU-Finanzsenator Stefan Evers], umschwenken.
       
       Dabei war das auf Wegner zugeschnittene Werbematerial vermutlich schon
       längst fertig: Ihre Kampagne hatte die CDU schon Anfang März vorgestellt.
       Spätestens nachdem ein Parteitag im Mai den Regierenden Bürgermeister
       [3][trotz Lügen und Skandalen] mit 93 Prozent auch offiziell zum
       CDU-Spitzenkandidaten gekürt hatte, dürften die Druckerpressen angeworfen
       worden sein.
       
       ## Umstrittenes Video ist verschwunden
       
       Tausende Plakate landen jetzt also mutmaßlich in der Tonne. Aber nicht nur
       das: Auch andere Inhalte werden unbrauchbar. Da ist etwa [4][ein
       umstrittenes Wahlkampfvideo], in dem die CDU suggerierte,
       palästinasolidarische Demonstrierende seien allesamt Judenhasser. Nach
       einer ersten Überarbeitung, weil darin ein Rednerpult der
       Wohnungsbaugesellschaft Gewobag auftauchte, ist das Video inzwischen
       gänzlich von der CDU-Webseite verschwunden: Wohl, weil darin zu oft Kai
       Wegner auftauchte.
       
       Wie sehr das alles ins Geld geht, will die Berliner CDU nicht sagen.
       Angaben zum Wahlkampfbudget mache man nicht, heißt es aus der
       Geschäftsstelle auf Nachfrage der taz. Man werde aber „natürlich mit
       aktuellen Plakaten in den Wahlkampf gehen“, so Landesgeschäftsführer Dirk
       Reitze. Klar ist: Der Wegner-Rücktritt ist ein finanzielles Debakel für die
       CDU. Die Partei dürfte einen Millionenbetrag verloren haben.
       
       2021, als auch in Berlin gewählt wurde, gab die CDU bundesweit 73 Millionen
       Euro für Wahlkämpfe aus. Mindestens 20 Millionen davon waren für die
       Bundestagswahl bestimmt – bleiben aber trotzdem noch 53 Millionen Euro
       unter anderem für die vier weiteren Landtagswahlen jenes Jahres. 2023 dann,
       dem Jahr der Wiederholungswahl, waren es 13 Millionen Euro für Wahlkämpfe
       bundesweit. Auch in dem Jahr gab es neben Berlin noch drei weitere Wahlen
       auf Landesebene.
       
       Die Grünen berichten, Plakate, Flyer und Merch seien größtenteils bereits
       produziert oder würden aktuell hergestellt. Die Partei plant mit rund 5.000
       Plakaten, die ihren Bürgermeisterkandidaten Werner Graf zeigen, das Budget
       für den Wahlkampf liegt bei rund 2,8 Millionen Euro. Auch die SPD betont,
       ihr Spitzenkandidat Steffen Krach werde analog und digital „zigtausendfach“
       im Stadtbild zu sehen sein. „Sichtbarkeit ist nach wie vor eines der
       wichtigsten Elemente im Wahlkampf, auch wenn die Onlineaktivitäten
       natürlich stark an Bedeutung gewonnen haben“, erklärt SPD-Parteisprecher
       Matthias Kuder.
       
       ## Das Meme-Game der CDU
       
       Immerhin sind im digitalen Raum Inhalte leichter auszutauschen als im
       Stadtbild. Für die CDU ist ihr Kampagnenfiasko deshalb vielleicht auch eine
       dornige Chance, sich an den digitalen Raum heranzutasten, den die Partei
       bisher ziemlich stiefmütterlich behandelt. Beim Scrollen durch den
       offiziellen Account des Landesverbands auf Instagram fallen einem
       jedenfalls die Augen zu. Einen ersten Gehversuch in Sachen Meme-Kultur der
       Konservativen darf man dagegen auf dem Account „berlinsocialclub030“
       bewundern.
       
       Auf dieser Seite, die offenbar von Mitglieder:innen der Jungen Union
       betrieben wird, ist die CDU dem Zeitgeist immerhin nur knapp 20 Jahre
       hinterher: Im Stil der Obama-Kampagne von 2008 wird da versucht, Stefan
       Evers als ähnliches Symbol der Hoffnung zu inszenieren, wie es einst der
       erste Schwarze Präsident der USA gewesen ist. In anderen Videos steigt
       Evers mit Hype-Musik unterlegt aus teuren Autos aus, dann wiederum wird
       sein Kopf mit KI in Filmplakate generiert. Das Credo: „Let’s Fucking Go“,
       mit dem sich der CDU-Mann zuletzt auch auf Twitter als energetische Kraft
       präsentierte.
       
       Für alle, die von so was Kopfschmerzen bekommen, könnte es im Übrigen
       ratsam sein, sich in den Wochen vor der Wahl verstärkt in Treptow-Köpenick
       aufzuhalten. Hier hat die Bezirksverordnetenversammlung bereits im
       vergangenen April eine Plakatobergrenze für alle Parteien beschlossen –
       nicht mehr als 17.500 sollen es insgesamt werden, die nach einem bestimmten
       Schlüssel verteilt werden. Es bleibt spannend, ob dabei dann schon am 2.
       August CDU-Plakate zu sehen sein werden, die für Stefan Evers als
       Bürgermeisterkandidaten werben.
       
       16 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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   DIR Timm Kühn
       
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