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       # taz.de -- Ältester selbstverwalteter Club in BaWü: 60 Jahre schon Club Alpha 60
       
       > Das alternative Zentrum ist heute nicht mehr aus Schwäbisch Hall
       > wegzudenken. Ein Ort kultureller und politischer Geschichte und
       > Auseinandersetzungen.
       
   IMG Bild: Club Alpha 60 in Schwäbisch Hall
       
       11. Februar 1968: Rudi Dutschke, damals 27 und Kopf der Studentenrevolte in
       Westdeutschland, kommt nach Schwäbisch Hall, [1][um den sozialistischen
       Revolutionsgeist] in die hohenlohische Provinz zu tragen. Eine Stadt im
       Ausnahmezustand. Die Veranstalter*innen vom Verein Alpha 60 hatten in
       einem Brief an Dutschke geschrieben: „Von der Veranstaltung versprechen wir
       uns eine wertvolle Unterstützung unserer Aufgabe, die Bevölkerung unseres
       Gebietes zu unabhängig-politischem Denken anzuregen.“ Der Verein fing groß
       an.
       
       Dutschke spricht in der Stadthalle vor etwa 1.000 Menschen über den „langen
       Marsch“ der Revolution. Ernüchtert stellt jedoch einer der
       Veranstalter*innen nach dem Besuch fest: „Leider waren es zum größten
       Teil Bürger, die den Dutschke einmal angaffen wollten, aber ein kleiner
       Teil kam aus echtem Interesse.“
       
       Der Verein Alpha 60 hatte Dutschke eingeladen. Heute liegt sein Club am
       Stadtrand etwas versteckt am Bach. Er beherbergt Bar, Konzertraum und
       Ateliers. Hier und da Poster, etwa für das Camp von Fridays for Future in
       Schwäbisch Hall. Eigentlich begann die Organisation eher unpolitisch: Ein
       paar Schwäbisch Haller, die in Heidelberg studierten, kamen – inspiriert
       von den Studentenclubs der Unistadt – auf die Idee, einen Raum für
       kulturelle Veranstaltungen zu schaffen.
       
       Sie gründeten am 16. Juli 1966, heute vor 60 Jahren, einen Verein. Der Name
       Alpha 60 geht auf die Science-Fiction „Alphaville“ (Jean-Luc Godard)
       zurück. Im Film herrscht der Supercomputer Alpha 60 über eine futuristische
       Stadt.
       
       ## Vom Sexklub zum Kommunistenklub
       
       Am 3. September 1966 öffnete das Clublokal seine Türen. Der Andrang war
       enorm, rasch zählte der Verein mehr als 200 Mitglieder. Ältere waren
       misstrauisch: Popmusik, Tanzen – Drogen? Der Vorwurf kam auf, im Club
       würden Orgien gefeiert.
       
       [2][1967 setzte mit der Studentenrevolte] die Politisierung ein: Im Club
       fanden erste politische Veranstaltungen statt. Der frisch gegründete AK
       Politik schrieb einen offenen Brief an den Bundestagspräsidenten. „Wir
       lehnen die [3][Notstandsgesetzgebung] ab.“ Er forderte einen Wandel in der
       Ostpolitik und die Wiederzulassung der KPD. Nun machte die städtische
       Öffentlichkeit aus dem „Sexclub“ einen „Kommunistenclub“. In anonymen
       Briefen wurde er als „Keimzelle der Linken“ und „DDR-bezahlte Agentur“
       bezeichnet.
       
       Nach der Dutschke-Veranstaltung forderte der lokale AWO-Vorsitzende, das
       Clublokal solle „lieber einem sozialen als einem radikalen Zweck“ dienen.
       Mit dem Anliegen, aus den Räumlichkeiten ein Altenheim zu machen, konnte er
       mehr als 700 Unterschriften in der Stadt sammeln. Doch Bürgermeister und
       Gemeinderat lehnten den Antrag des SPD-Mannes ab.
       
       Die Anfeindungen trieben die Politisierung im Club voran. Doch die
       politische Arbeit verteilte sich auf wenige Schultern. So musste ein
       Positionspapier, das eine „Abschaffung jeglicher Klassengesellschaft“ und
       „Vergesellschaftung aller Produktionsmittel“ anstrebte, verworfen werden.
       Zu groß waren die ideologischen Differenzen.
       
       ## Ideologische Grundsatzdiskussionen, kulturelle Blüte
       
       Die radikalen Forderungen trieben die Demokratisierung in dem Verein
       insgesamt voran: Mitte 1968 fand die erste öffentliche
       Jahreshauptversammlung statt, nun begann der Aufbau basisdemokratischer
       Strukturen. Neben dem Arbeitskreis Politik entstand in den Folgejahren mit
       dem AK Alpha Press eine Gruppe, die bis 2010 eine Monatszeitschrift
       herausgab. Der Arbeitskreis Film beitreibt bis heute das Kino im
       Schafstall. Disco, Konzerte, Lesungen, Kabarett, Filme: Das Programm wuchs
       rasant.
       
       Doch politisch knirschte es. Rückblickend schreiben Mitglieder über die
       Anfangsjahre: „Es gelang kaum, die Barrieren zwischen den aktiven Machern
       und den passiven Konsumenten aufzureißen. Es gibt im Club zu viel
       persönliche Aggressionen, Schreiereien, zu wenig menschliche Solidarität,
       Gemeinschaftsgefühl und Bereitschaft zum Engagement.“ Die politische
       Debatte komme zu kurz, lautete ein Vorwurf.
       
       Einer, der in den Anfangsjahren im Club politisiert wurde, ist Siegfried
       Hubele. Er kam mit etwa 16 Jahren erstmals in den Club. Im Gespräch mit der
       taz berichtet der heute 72-Jährige, die Ausbeutung der Lehrlinge habe ihn
       beschäftigt. Im Kampf um Arbeitsrechte fand er in die kommunistische DKP.
       
       Über Jahrzehnte hinweg half der gelernte Drucker im AK Alpha Press mit. In
       dieser Zeit hat er mehrere Umzüge des Clublokals erlebt. 2017 folgte der
       vorerst letzte Umzug: Nach aufwendiger Kernsanierung bezog der Club ein
       mehrstöckiges Gebäude am Stadtrand. „Dass der Verein seit 60 Jahren
       besteht, hängt mit dem Prinzip der Selbstverwaltung zusammen“, sagt Hubele.
       Es lade Menschen ein, Teil des Ganzen zu werden. Er betont, mit einer
       Geschäftsführung, die Profite maximieren will, wäre die Offenheit
       gefährdet.
       
       ## Ohne Selbstverwaltung wäre der Club zu teuer
       
       „Die Selbstverwaltung kennt Grenzen“, mahnt Hubele. Etliche Vereine nutzen
       die Räumlichkeiten des Clubs. All das zu verwalten, koste Energie und Zeit.
       Er beklagt, der Club sei „in der Mehrheitsgesellschaft angekommen“. In der
       Tat genießt der Verein ein hohes Ansehen. Oberbürgermeister Daniel
       Bullinger (FDP) teilt der taz mit, er sei ein „unverzichtbarer Kulturakteur
       in unserer Stadt“.
       
       Seit ein paar Jahren ist Angelina Sebek, 35, die Sprecherin des Vereins.
       Zum ersten Mal war sie mit etwa 14 Jahren im Club. Zu ihrem 16. Geburtstag
       organisierte Sebek bereits hier ihr eigenes Konzert. Im Gespräch mit der
       taz betont sie: „Der Club ist basisdemokratisch, die Arbeitskreise sind
       frei. So kann jede und jeder eine Barschicht übernehmen, eine Sitzung
       besuchen oder einen Vortrag organisieren.“ Hinzu kommen niedrige Preise für
       Getränke und Veranstaltungen. „Zur Lebensrealität gehört: Nicht alle können
       sich alles leisten“, erklärt Sebek.
       
       Rund 550 Mitglieder hat der Club heute. Neue Mitglieder zu finden, sei
       einfach. Schwer hingegen sei es, Mitglieder zu finden, die sich wirklich
       engagieren, heißt es. Gerade junge Menschen wüssten nicht, dass die Arbeit
       ehrenamtlich geschieht, heißt es. „Es passiert manchmal, dass ich gefragt
       werde, wie viel ich hinter der Theke verdiene“, berichtet Sebek.
       
       Der Club ist mehr als ein Ort, an dem man kulturell berieselt wird. Seit
       jeher ist er ein Hort des Widerstands. Mal leiser, mal lauter. Abhängig
       davon, wer aktiv ist. Als die neonazistische NPD im Wahlkampf 1968 in die
       Stadt kam, initiierte der AK Politik ein „Aktionszentrum Demokratisches
       Schwäbisch Hall“. Der Initiative folgten Hunderte Menschen, um gegen die
       Veranstaltung zu demonstrieren. Antifaschistisch ist der Club bis heute.
       
       ## Ein wichtiger Ort in schlechter werdenden Zeiten
       
       Seit einigen Jahren organisiert ebenjener AK Politik einen Christopher
       Street Day (CSD). Erst kürzlich wieder ist der CSD durch die Innenstadt
       gezogen, um für die Rechte queerer Menschen zu demonstrieren.
       
       Sebek und Hubele wünschen sich, der Club wäre noch politischer. „Für mehr
       Politik sind mehr Engagierte nötig“, merkt Sebek an. Nachwuchs zu gewinnen,
       sei eine Herausforderung. Die internen politischen Auseinandersetzungen,
       die im Verein herrschen, seien eine weitere. Sie drehen sich im
       Wesentlichen um die altbekannten außenpolitischen Konflikte der deutschen
       Linken: Die Art und Weise, die israelische Regierungspolitik zu
       kritisieren, und die Positionierung gegenüber Russland.
       
       Im Gespräch mit der taz erzählt Sebek, in diesen Konflikten liege auch eine
       Chance. Denn nur dadurch würden unterschiedliche Perspektiven sichtbar.
       Angesichts der Militarisierung und des Rechtsrucks ist Hubele überzeugt:
       „Wenn die Zeiten schlechter werden, hat der Club das Potenzial zum
       Widerstand.“ Das habe die 60-jährige Geschichte des Vereins bewiesen.
       
       16 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Im-Gespraech-Gretchen-Dutschke-Klotz/!6056267
   DIR [2] https://www.spiegel.de/geschichte/kommune-1-und-taz-wie-ein-tisch-geschichte-schrieb-a-1244394.html
   DIR [3] /1968er-Glossar/!5189242
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Timo Büchner
       
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