# taz.de -- Syrischer Autor Robin Yassin-Kassab: „Es gibt tiefe Feindschaften“
> Nach dem Sturz Assads wachsen in Syrien neue Hoffnungen. Darunter brodeln
> aber auch neue Konflikte. Robin Yassin-Kassab weiß davon zu berichten.
IMG Bild: Trotz Feindschaften hält nun ein neues Syrien Einzug
Der syrisch-schottische Autor und Analyst Robin Yassin-Kassab ordnet in
seinem Buch „The Blood Between Us“ die politische und gesellschaftliche
[1][Lage Syriens nach dem Sturz Assads] ein. Im Gespräch warnt er vor einer
unzureichenden Aufarbeitung von Kriegsverbrechen sowie vor einem
politischen Übergang ohne klare demokratische Perspektive.
taz: Herr Yassin-Kassab, wie wird der Sturz Assads heute von Syrer:innen
wahrgenommen? Ist etwas von der Hoffnung der Anfangszeit übrig?
Robin Yassin-Kassab: Ich denke, es gibt weiterhin sehr viel Hoffnung. Was
mir Hoffnung gibt, ist der Enthusiasmus vieler Syrer. Ich war ein Jahr nach
der Befreiung dort. Am Flughafen sah ich Menschen mit der
Revolutionsflagge, manche trugen sie als Kleidung. Gleichzeitig wächst die
Enttäuschung, besonders bei Angehörigen von Minderheiten – etwa Alawiten
und Drusen. Nach den Massakern in Latakia und Suwaida fühlen sich viele
verängstigt und unsicher. Es gibt viel „schlechtes Blut“, also tiefe
Feindschaften und Verletzungen zwischen Gemeinschaften. Auch die
wirtschaftliche Lage bleibt sehr schwierig. Vieles hängt davon ab, wer man
ist und wo man lebt.
taz: Sie sprechen auch in Ihrem neuesten Buch mit dem Titel „The Blood
Between Us“ über das Blut, das es zwischen den unterschiedlichen Gruppen
Syriens gibt. Besteht die Gefahr, dass sich die Spaltungen des Krieges
fortsetzen?
Yassin-Kassab: Leider werden bestehende Spaltungen reproduziert. Das ist
bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich. Man kann nicht sagen: Der Krieg
ist vorbei, also sind auch alle Spannungen verschwunden. Gleichzeitig
spielt Identitätspolitik eine große Rolle. Zu viele Menschen geben ganzen
Gemeinschaften die Schuld, etwa den Alawiten für das Assad-Regime. Das ist
eine einfache Erklärung, aber keine faire. Viele Sunniten waren ebenfalls
Teil des Regimes – in der Armee, den Geheimdiensten und als Informanten.
Dieses vereinfachende konfessionelle Schuldzuweisen ist sehr schädlich für
alle. Es wird die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft untergraben.
taz: Die syrische Revolution begann mit Forderungen nach Würde, politischer
Teilhabe und Freiheit. Inwieweit spiegeln sich diese ursprünglichen Ziele
heute wider?
Yassin-Kassab: Meiner Ansicht nach viel zu wenig. Es gibt heute zwar
deutlich mehr Freiheiten als unter Assad, aber das liegt vor allem daran,
dass das alte Repressionssystem verschwunden ist. Die neuen Behörden haben
nicht genug getan, um echte demokratische Freiheiten und Menschenrechte zu
fördern. Niemand erwartet sofortige freie Wahlen. Das wäre derzeit
unrealistisch. Es braucht zunächst eine Volkszählung, den Wiederaufbau
grundlegender Infrastruktur und die Wiederherstellung von Strom- und
Versorgungsnetzen. Erst dann können faire nationale Wahlen stattfinden.
Doch die Regierung unternimmt bislang zu wenig, um diesen Weg
vorzubereiten. Es sollte beispielsweise ein Gesetz geben, das politischen
Parteien erlaubt, sich offiziell zu gründen, Bankkonten zu eröffnen und
legal zu arbeiten. Ein solches Gesetz existiert bisher nicht. Es gab zwar
einen „Nationalen Dialog“, aber der dauerte nur einen Vormittag und war
eher eine Inszenierung als echte Beteiligung.
taz: Nach dem Sturz Assads hofften viele Syrer:innen, endlich Gewissheit
über das Schicksal von Angehörigen und Freunden zu erhalten, die [2][im
Gefängnis-] und Repressionsapparat des Regimes verschwunden waren.
Yassin-Kassab: Es wurden zwar erste Schritte unternommen, etwa die
Einrichtung einer Nationalen Kommission für Vermisste und einer Kommission
für Übergangsjustiz. Dort arbeiten engagierte Fachleute, die auch den
Kontakt zur Zivilgesellschaft suchen. Der Eindruck bleibt jedoch, dass die
Regierung den Prozess nicht aktiv führt, sondern vor allem auf öffentlichen
Druck reagiert. Stattdessen müsste sie stärker führen – oder
zivilgesellschaftlichen Akteuren mehr Verantwortung übertragen. Eigene
Initiativen entstehen erst, wenn die Unzufriedenheit wächst. Zudem darf die
Aufarbeitung nicht einseitig bleiben: Neben dem Assad-Regime haben auch der
sogenannte Islamische Staat, die SDF und das Milizenbündnis Haiʼat Tahrir
asch-Scham schwere Verbrechen begangen. Übergangsjustiz bedeutet nicht
zwangsläufig, jeden einzelnen Täter zu bestrafen. Aber sie bedeutet, die
Wahrheit ans Licht zu bringen. Und sie bedeutet, Mechanismen zu schaffen,
die verhindern, dass sich solche Verbrechen jemals wiederholen.
taz: Welche Rolle kann die syrische Diaspora beim [3][Wiederaufbau] und der
zukünftigen Entwicklung Syriens spielen?
Yassin-Kassab: Viele Exilsyrer:innen verfolgen die Entwicklungen
aufmerksam, und ein Teil – vor allem aus Nachbarländern – wird vermutlich
zurückkehren. Andere bleiben dauerhaft im Ausland, etwa wenn sie familiär
stark integriert sind. Auch ohne Rückkehr können sie aber beitragen: durch
Fachwissen, internationale Kontakte, Kapital und unternehmerische
Erfahrung. Viele könnten investieren, Unternehmen gründen und den
Wiederaufbau unterstützen – vorausgesetzt, die politischen Bedingungen
verbessern sich und Korruption nimmt ab. Zudem engagieren sich zahlreiche
Diaspora-Syrer:innen bereits in Bildung, Journalismus und Medizin durch
Trainings, Austausch und materielle Unterstützung. Insgesamt verfügt die
Diaspora über erhebliches Potenzial für Syriens künftige Entwicklung.
taz: Syrien wird teils als Instrument westlicher Migrationspolitik und von
Trump unlängst sogar als möglicher Partner im Kampf gegen die Hisbollah
gesehen. Wie realistisch sind solche Erwartungen?
Yassin-Kassab: Westliche Staaten haben ihre Haltung gegenüber Ahmed
al-Scharaa und der neuen syrischen Führung gelockert, auch weil eine
Stabilisierung Syriens im internationalen Interesse liegt. Die Regierung
präsentiert sich als Partner gegen iranischen Einfluss und die Hisbollah,
im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat sowie beim Vorgehen gegen
den Captagon-Handel. Das macht sie für viele Staaten anschlussfähig und
nährt Erwartungen, auch in der Flüchtlingspolitik.
Anders verhält es sich jedoch mit der Vorstellung, Syrien könne gegen die
Hisbollah in den Libanon ziehen. Als Donald Trump andeutete, Al-Scharaa
könne dort erreichen, was selbst Israel nicht gelungen sei, hielt ich das
für völlig unrealistisch. Man kann Al-Scharaa in vieler Hinsicht
kritisieren, aber er ist kein dummer Mensch. Ich sehe nicht, wie Syrien
einen solchen Konflikt gewinnen könnte, wenn selbst Israel die Hisbollah im
Südlibanon nicht dauerhaft besiegen konnte. Eigentlich versteht das jeder
Syrer. Al-Scharaa hat bereits erklärt, dass er kein Interesse an einem
solchen Vorgehen hat. Er hat sogar dem libanesischen Präsidenten geraten,
gegenüber Israel keine Zugeständnisse zu machen. Die Vorstellung, Syrien
würde im Interesse Israels einen neuen Krieg beginnen, während Israel
gleichzeitig syrisches Territorium besetzt hält, ist daher schlicht absurd.
15 Jul 2026
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## AUTOREN
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