# taz.de -- Kinderstadt in Hamburg: Die Stadt regiert von Kindern
> Für zwei Wochen gestalten 500 Kinder ihre eigene Stadt mit Arbeitsamt,
> Theater und Bank – nach eigenen Regeln. Der erste Beschluss: mehr Lohn
> für alle.
IMG Bild: Schon am zweiten Tag war Einlassstopp: großer Andrang bei der Hamburger Kinderstadt
In der Sonne sitzen drei Jungs im Kreis auf dem Asphaltboden. Neben ihnen
liegen eine Packung Würstchen und eine Packung Sandwich-Toasts. Sie zünden
einen kleinen, tragbaren Grill an, der vor ihnen auf dem Boden steht. Im
Vergleich zu anderen Stationen, die um sie herum unter
[1][Wellblechdächern, Pavillons und in Containern] aufgebaut sind, wirkt
das Vorhaben improvisiert – aber es ist erlaubt: In der Hamburger
Kinderstadt können die Kinder auch spontan Projekte starten.
[2][Die Kinderstadt] ist ein offenes, kostenloses Ferienprogramm, an dem
500 Kinder und Jugendliche zwischen 7 und 15 Jahren teilnehmen können.
In Hamburg findet die Kinderstadt jedes Mal an unterschiedlichen Orten
statt, in diesem Jahr auf dem Gelände des Baakenhöfts in der Hamburger
Hafencity. Dort sind über 30 Spielbereiche aufgebaut, die die
Gesellschaftsbereiche einer „echten“ Stadt abbilden: Es gibt ein Arbeitsamt
und eine Bank, eine Holz-, Fahrrad- und Kunstwerkstatt, ein Theater und
eine Graffitistation.
An jeder Station sind Kinder in ihren Projekten versunken, erst auf den
zweiten Blick ist je eine betreuende Person zu entdecken. Eines der
teilnehmenden Kinder ist Lara. Sie hält eine handschriftlich gestaltete
Zeitung hoch, als sie die Station „Zeitung und Druckerei“ vorstellt. Lara
war schon bei der Kinderstadt vor zwei Jahren dabei und führt
Pressevertreter*innen und Projektförderer über das Gelände. „Die
Zeitung kostet 3 Flocken“, berichtet sie. So heißt die eigene Währung der
Kinderstadt.
## Kinder verdoppeln ihren Stundenlohn
Geld bekommen die Kinder, wenn sie arbeiten. Bei der Ankunft landen sie
zunächst im Arbeitsamt. Dort erhalten sie einen Ausweis, den „Baakenpass“,
und bekommen einen Arbeitsplatz zugewiesen. In den Pass trägt jedes Kind
seinen Namen, das Geburtsdatum, die Arbeitsstelle und die gearbeiteten
Stunden ein. Für eine Stunde Arbeit bekommt jedes Kind 10 Flocken. Abholen
können sie sich die bei der stadteigenen Bank, dem „Tresor“.
In der Kinderstadt zeigt sich, was entstehen kann, wenn Kinder frei
entscheiden dürfen. Zum Beispiel haben sie direkt am ersten Tag den
Stundenlohn von 5 auf 10 Flocken verdoppelt. Die Kinder veranstalten
täglich eine Stadtversammlung, in der sie die Regeln neu aushandeln.
Das Ziel der Kinderstadt formuliert die erwachsene künstlerische Leiterin
Lisa Marie Zander so: „Wie sehr können wir uns zurücknehmen, damit
möglichst viel Freiraum für die Kinder bleibt?“
Auch [3][die Gestaltung dieser Kinderstadt haben Kinder und Erwachsene im
Vorhinein gemeinsam ausgearbeitet]. Besonders beliebt seien Projekte wie
Film, Radio oder Druckerei, erzählt Marius Mandery, der das Projekt mit
Zander künstlerisch gestaltet.
Ins Leben gerufen hat die Kinderstadt im Jahr 2021 die Hamburger
Organisation Patriotische Gesellschaft von 1765. [4][Ähnliche Projekte gibt
es in vielen anderen Städten auch]. Die in Hamburg findet mittlerweile alle
zwei Jahre statt. Seit 2024 ist der Trägerverein für Kinder- und
Jugendarbeit „Dock Europe“ an Bord. Geld kommt von der Schul- und
Familienbehörde, der Hafencity GmbH und weiteren Förderern.
## Auch Kinder aus Hamburger Randbezirken dabei
Das Angebot wird gut angenommen – auch von Kindern, die in Randbezirken
Hamburgs wohnen. Grund dafür seien auch die Gruppenanmeldungen, sagt Lisa
Marie Zander, da dadurch viele Kinder gemeinsam hingebracht werden können.
Die Kinder können sich anmelden, aber auch spontan vorbeikommen.
Schon am zweiten Tag mussten Kinder in diesem Jahr abgewiesen werden, weil
schon alle Stationen belegt waren. Für mehr als 500 Kinder gleichzeitig ist
kein Platz. Es gibt aber die Chance, noch reinzukommen, wenn Kinder wieder
gehen.
Bei der Pressekonferenz für die Journalisten*innen und
Geldgeber*innen blickt Andreas Kleinau, der Vorsitzende der HafenCity
GmbH, auf die Zukunft des Baakenhöfts: die umstrittene Kühne-Oper, die hier
gebaut werden soll. Später einmal, sagt er, könnten sich die Kinder in der
Oper an die Kinderstadt auf dem Gelände zurückerinnern. Von seinen
Träumereien bekommen die Kinder der Gegenwart nichts mit.
Die Gruppe von Erwachsenen, die Lara über das Gelände führt, wird von den
Kindern kaum wahrgenommen. Als sie vor einer probenden Hip-Hop-Tanzgruppe
halten, beachtet keines der Kinder das plötzliche Publikum. Ein paar Meter
weiter sind die grillenden Jungs schon wieder verschwunden. Nur der Grill
steht noch da und erinnert daran, wie spontan spontane Projekte hier auch
wieder beendet werden können.
## Großes Fest geplant
Die Kinderstadt geht noch bis zum 24. Juli. Am Ende der zwei Wochen wollen
die Kinder entscheiden, ob die restlichen Flocken in Form von echtem Geld
an gute Zwecke gespendet werden.
Das diesjährige Motto „Feste feiern“ hatten sich die Kinder schon länger
gewünscht. Sie haben ein Festkomitee gegründet, das für jeden Freitag ein
großes Stadtfest plant. Die Erwachsenen wissen noch nicht, was sie dort
erwartet.
16 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Bauspielplatz-mit-trans-Angebot/!6020131
DIR [2] https://kinderstadt.hamburg/
DIR [3] /Kinder-planen-Stadt-in-Berlin/!5298745
DIR [4] https://kinderstadt-halle-2025.de/
## AUTOREN
DIR Martje Menzel
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