# taz.de -- SPD in der Koalition: Partei für Lobbyinteressen
> Die SPD trägt die Kürzungen beim Sozialen und bei demokratischen Rechten
> mit. Bezeichnend ist, dass es aus der Partei keinen Widerstand gibt.
IMG Bild: Das SPD-Präsidium vor der Statue von Willy Brandt in der Parteizentrale in Berlin
Zu den [1][Lieblingswörtern von Lars Klingbeil gehört neuerdings
„pragmatisch“]. Wohl kaum einen anderen Begriff hat der SPD-Vorsitzende in
den Interviews der vergangenen Tage öfter benutzt. Diese Rhetorik hat eine
konkrete Funktion: Sie soll verschleiern, dass die Sozialdemokratische
Partei Deutschlands endgültig den Anspruch aufgegeben hat, eine Partei für
die arbeitende Bevölkerung zu sein. Eine Partei für Menschen, die
angestellt arbeiten, die in Mietwohnungen leben, die keine Vermögen haben
und die auf einen funktionierenden Staat angewiesen sind, der nicht
Korruption, sondern Transparenz fördert. Die SPD von heute ist, man kann es
nicht anders sagen, in großen Teilen eine Partei für Vermögende,
Unternehmen und Lobbyinteressen.
So hat die SPD gemeinsam mit CDU und CSU angekündigt, das
Informationsfreiheitsgesetz (IFG) zu „reformieren“ – ein Euphemismus dafür,
dass die Koalition dieses Gesetz faktisch abschafft. Durch die neuen Hürden
wird es in der Praxis wertlos sein. Machtkontrolle und Transparenz sind
eine unbedingte Voraussetzung für jeden demokratischen Staat – in einem
Machtapparat, der nicht kontrolliert wird, werden Korruption und
Machtmissbrauch zwangsläufig systemisch. Darunter leidet in erster Linie
die Bevölkerung; man kennt es aus jedem autoritären Staat: Einzel- und
Lobbyinteressen werden strukturell über die Interessen der Gesellschaft
gestellt.
Journalist:innen, Zivilgesellschaft und Individuen haben dank des Gesetzes
das Recht auf Einblick in staatliche Dokumente. Mithilfe von IFG-Anfragen
konnten in den vergangenen Jahren zahlreiche Korruptionsaffären wie der
Maskenskandal von Jens Spahn aufgedeckt werden. Das soll in Zukunft nicht
mehr möglich sein. So weit ist bisher nicht einmal Trumps Regierung
gegangen. Wer in der SPD in Zukunft noch davon sprechen möchte, auf der
Seite der Demokratie oder gar der Bevölkerung zu stehen, sollte davon
besser Abstand nehmen.
Ein weiteres Beispiel ist das Vorhaben der Koalition, dass
Arbeitnehmer:innen in Zukunft – insofern es keine anderen
unternehmensinternen Regeln gibt – bereits ab dem ersten Krankheitstag eine
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorzeigen müssen. Auch die telefonische
Krankschreibung, die mit der Coronapandemie eingeführt wurde, soll nicht
mehr möglich sein.
Die Prämisse dieser Beschlüsse, dass Deutsche besonders häufig krank seien
oder die telefonische Krankschreibung missbraucht werde, ist haltlos. Oder
anders: eine Lüge. [2][Die Barmer Krankenkasse erklärt in einem ausgiebigen
Faktencheck], dass die durchschnittlichen Krankheitstage in Deutschland im
internationalen Vergleich weder besonders hoch sind, noch dass die
telefonische Krankschreibung etwas mit dem Krankheitsstand zu tun hat. Sie
macht nämlich nur 0,8 bis 1,2 Prozent der Krankschreibungen aus.
Das Signal, das die Koalition mit ihrem Beschluss senden will, ist ein
anderes: Wir stärken Unternehmen, indem wir Angestellten Rechte entziehen.
Die Behauptung von SPD-Vertreter:innen wie Lars Klingbeil, man habe damit
nur größere Härten für Angestellte abgewendet, ist ein offensichtliches
Ablenkungsmanöver.
Ein weiterer Beschluss: das geplante Verbot der Vergesellschaftung von
Wohnungen großer Immobilienkonzerne. Dieses Gesetz kann als eine Lex Berlin
verstanden werden: Dort haben 2021 fast 60 Prozent der Wähler:innen in
einem Volksentscheid für eine solche Vergesellschaftung gestimmt. Die
schwarz-rote Landesregierung hat dieses Votum schlicht ignoriert, nun
übernimmt der Bund. Lobbyvereinigungen der Immobilienbranche warnen vor
einer Vergesellschaftung, weil sie den Neubau behindern würde.
Auch SPD, CDU und CSU führen das als Begründung für das Verbot an. Dabei
ist es ein Mythos, dass Neubau zu niedrigeren Mieten führen würde. Aber
genau darauf zielen Vergesellschaftungspläne ab: Mieten für die allgemeine
Bevölkerung bezahlbar zu machen. Selbst wenn die SPD der Vergesellschaftung
kritisch gegenüber steht – Kritik wäre auch möglich, ohne sich komplett an
den Interessen der Immobilienlobby zu orientieren.
Interessant ist bei alldem, mit welchem Selbstbewusstsein Lars Klingbeil
trotz aller dieser Maßnahmen behauptet, die SPD diene der arbeitenden
Bevölkerung. [3][Er betont dabei besonders gern], dass durch die geplante
Reform der Einkommensteuer Familien dank der SPD um 600 Euro im Jahr
entlastet würden. Selbst wenn diese Entlastungen standhielten und nicht
durch andere Belastungen, zum Beispiel steigende
Sozialversicherungsbeiträge, aufgefressen würden – 600 Euro im Jahr ändern
nichts an den grundlegenden Problemen, die Menschen in diesem Land haben.
## Keinerlei Bezug zu den Lebensrealitäten
Weder daran, dass sich Menschen die horrenden Mieten in Städten nicht
leisten können, noch daran, dass Eigentumserwerb durch hohe Kaufpreise und
hohe Zinsen für die meisten Menschen praktisch unmöglich ist. Sie ändern
nichts daran, dass Zehntausende Lehrkräfte fehlen und Schulen baufällig
sind, dass Pflege unbezahlbar ist, dass die Lebenshaltungskosten steigen
und steigen, dass 30 bis 40 Prozent der Menschen keinerlei Spareinlagen
haben. Die Liste ist endlos. Die Chuzpe, 600 Euro – die am Ende vermutlich
nicht einmal übrigbleiben – als Entlastung zu bezeichnen, zeigt, dass der
SPD-Vorsitzende und seine Partei keinerlei Bezug zum Großteil der Menschen
in Deutschland haben.
Auffällig ist außerdem, dass es aus der SPD keinen nennenswerten Widerstand
gibt. Bisher hat die Partei zumindest in Teilen noch mit sich gerungen,
Verschlechterungen für die arbeitende Bevölkerung mitzumachen. Das ist
vorbei. Die jüngsten Beschlüsse der Koalition legen nahe, dass diejenigen,
die eine Sozialdemokratie bewahren wollten, den Kampf gegen die
Selbstaufgabe der Partei verloren haben.
Für Menschen, die nicht vermögend sind, gibt es kaum noch Gründe, die
Sozialdemokratie zu wählen. Und so scheint es, dass der eingeschlagene Weg
der Partei in deren Niedergang führen muss. Zumindest bleibt die Hoffnung,
dass dadurch Neues entstehen kann.
15 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/sommerinterview-klingbeil-100.html
DIR [2] https://www.barmer.de/verantwortung/transparenz/transparenzbericht6/faktencheck-krankenstand-1506360
DIR [3] https://www.youtube.com/watch?v=qN8UvJqVuFw
## AUTOREN
DIR Gilda Sahebi
## TAGS
DIR Schlagloch
DIR Reden wir darüber
DIR SPD
DIR Schwarz-rote Koalition
DIR GNS
DIR Vergesellschaftung
DIR Wohngeld
DIR Bundesministerium der Finanzen (BMF)
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Verbot von Vergesellschaftungen: Das doppelte Spiel der SPD
Beim Plan der Bundesregierung, die Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen
zu verhindern, spielt die SPD eine viel größere Rolle, als bislang bekannt.
Sie folgt dem Druck der Immobilienlobby.
DIR Kürzungen beim Wohngeld: NRW-SPD protestiert gegen Klingbeil
Schwarz-Rot will beim Wohngeld kürzen. Die GenossInnen an Rhein und Ruhr
befürchten deshalb eine „vertiefte soziale Spaltung“.
DIR Das bisschen Haushalt: Schuld allein ist nicht die SPD
Der SPD-Finanzminister saniert den Haushalt mit Krediten und Geld für
Klimaschutz. Doch die Union verhindert, dass Vermögende einen Beitrag
leisten.