# taz.de -- Vorläufige Klimabilanz der WM: Zu heiß? Dann trinkt doch!
> Trotz sengender Hitze von über 40 Grad und kollabierenden Fans plant die
> Fifa die nächste WM 2030, als gäbe es keine Klimakrise.
IMG Bild: Klar kühlen auch Rasensprenger – wenn es denn Wasser gibt. In Marokko ist das jetzt schon knapp
Für Norwegen geht es um alles in dieser zweiten Hälfte der Verlängerung im
[1][Viertelfinale gegen England], aber nicht mehr für Superstar Erling
Haaland. Der Hitzeindex – berechnet aus Lufttemperatur und Luftfeuchtigkeit
– zeigt an diesem frühen Abend des 11. Juli 2026 im Hard Rock Stadium in
Miami 42 bis 44 Grad. Haaland muss vom Platz, „völlige Erschöpfung“ sagt
sein Coach.
Solche Beobachtungen sind inzwischen mehr als Randnotizen der
Turnierberichterstattung. Sie zeigen, wie die Erderhitzung zurückschlägt.
Seit etlichen Jahren gilt der Fußball-Weltverband Fifa als einer der
populärsten Treiber des Klimawandels – wegen unzähliger Flugreisen von
Fans, Charter- und Privatflügen von Funktionären und Stars, wegen
gigantischer Neubauten, klimatisierter Wüstenstadien in Katar, wegen
Nachhaltigkeitsversprechen, die nicht lange hielten.
Nachdem die WM 2022 in Katar in den unauffälligen Wintermonaten
stattgefunden hatte, zeigt sich bei diesem Turnier in den USA, Kanada und
Mexiko ganz deutlich auch die Kehrseite: Die Teams, der Staff, vor allem
aber die Zuschauer:innen gehören längst selbst zu den Leidtragenden des
Phänomens, das sie mitverursachen. Am deutlichsten werden die Folgen der
Erderhitzung dort, wo die wenigsten genauer hinschauen: in den Fanzonen
brütend heißer Städte.
Wie sehr die Klimakrise schon vorangeschritten ist, zeigt eine [2][Analyse
des Forschungsnetzwerks World Weather Attribution (WWA)], die die zu
erwartenden Wet-Bulb-Globe-Temperature-Werte (WBGT) mit den Bedingungen der
letzten WM in den USA von 1994 vergleicht. Der WBGT rechnet zu
Lufttemperatur und -feuchtigkeit auch Wind und Strahlungswärme mit ein. Ab
26 Grad WBGT verlieren Fußballer:innen laut Sportmediziner:innen
bereits 5 bis 15 Prozent ihrer Ausdauerleistung, das Reaktionsvermögen
lässt nach, Konzentrationsfehler häufen sich. Zwischen 28 und 30 Grad
drohen Muskelkrämpfe, Dehydrierung, im Extremfall Hitzschlag. Bei 30 bis 32
Grad besteht ein „extremes Risiko“ und „Lebensgefahr durch Hitzschlag“.
## Keine klaren Regeln bei Hitze
Während die Profifußballergewerkschaft Fifpro deswegen ab 28 Grad WBGT
Spielverlegungen oder -abbrüche fordert, hält die Fifa das erst ab 32 Grad
WBGT für gerechtfertigt – und selbst dafür gibt es keine verbindliche
Regel. Letzteres entspricht unter direkter Sonneneinstrahlung einer
gefühlten Lufttemperatur von 40 bis 45 Grad.
Anders als bei Gewitter gibt es offenbar auch keine Vorgaben der Kommunen
oder Bundesstaaten. Schlägt ein Blitz im Umkreis von acht Meilen um ein
Stadion ein, muss die Veranstaltung sofort für 30 Minuten unterbrochen
werden. Diese Regel hatte während des Turniers [3][zu einer
Spielunterbrechung] und zwei Verschiebungen des Anpfiffs geführt. Bei Hitze
gibt es zwar Warnungen der US-Wetterbehörden, es entscheidet aber der
Veranstalter, in diesem Fall die Fifa.
Das WWA-Team schätzte, dass 26 der 104 Spiele die 26-Grad-Grenze reißen
könnten und bei 5 Partien 28 Grad WBGT drohten. Unabhängigen Analysen
zufolge wurde diese Prognose weit überschritten. Die Nachrichtenagentur
Reuters veröffentlichte nach 94 Spielen [4][Berechnungen, dass bereits bei
27 davon die WBGT-Grenze von 28 Grad überschritten] worden sei. [5][Daten
des Guardian] zeigten, dass der WBGT bei den Spielen Uruguay gegen
Saudi-Arabien und Uruguay gegen Kap Verde sogar über 32 Grad lag. Die Fifa
selbst erklärte später, die offiziellen Werte hätten knapp unter der Grenze
gelegen. Livemessungen dazu veröffentlicht sie nicht.
## Kaum Transparenz
Das Problem: Die Fifa hat zwar angesichts der zu erwartenden Temperaturen
verpflichtende Trinkpausen eingeführt, die einfach pauschal gelten, bei den
WBGT-Werten ist sie aber nicht transparent und veröffentlicht keine
Live-Messung. Medien und Wissenschaft müssen sich mit Modellschätzungen und
Satellitendaten behelfen.
Noch weniger systematische Daten gibt es über die Zustände außerhalb der
Stadien. Ein bekanntes Problem ist die „letzte Meile“, wo es zu Fuß und
ungeschützt bis zum Einlass geht. Aber auch die Fifa-Fanzonen in den
Innenstädten sind Hotspots, für die keine WBGT-Schätzungen und -messungen
existieren oder zumindest nicht offiziell einsehbar sind.
Hier gibt es nur lokale Momentaufnahmen. Berichte vom Eröffnungstag etwa,
als beim Fanfest in Houston mehr als 100 Besucher:innen mit
hitzebedingten gesundheitlichen Problemen behandelt werden mussten, vier im
Krankenhaus. Oder aus Kansas City, wo Meteorologen Kunstrasentemperaturen
von 42 Grad maßen, aus Dallas, wo der National Weather Service warnte, dass
der Asphalt bis zu 50 Grad heiß werden könne. Selbst beim „Lemon
Hill“-Fanfest in Philadelphia, das bereits in der Planung auf Hitze als
Top-Risiko ausgelegt war, stand der Hitzeindex zwischen 38 und 41 Grad.
Hier besteht offenbar noch Forschungsbedarf, sowohl zur Systematisierung
wie auch für bessere Adaptionskonzepte.
Die Fifa zeigt derweil wenig Veränderungsbereitschaft. Die unabhängige
britische Organisation [6][Scientists for Global Responsibility etwa
rechnet in einer Studie bei der laufenden WM mit einem insgesamten
CO₂-Ausstoß von 9 Millionen Tonnen] – nicht eingerechnet bis zu 30
Millionen weitere Tonnen durch Geschäfte, die Saudi Aramco, der weltgrößte
Ölförderer, durch seine Partnerschaft mit der Fifa generieren könnte.
Zum Vergleich: die Turniere zwischen 2010 und 2022 hatten im Schnitt
jeweils 4,7 Millionen Tonnen CO₂ verursacht. Fast 8 Millionen Tonnen CO₂
steuern bei der aktuellen Dreiländer-WM die vielen Flüge bei.
## WM 2030 im Klimahotspot
Was sich 2026 erstmals so sichtbar manifestiert, dürfte 2030 längst die
Regel sein. Dann tragen Spanien, Portugal und Marokko gemeinsam die WM aus,
ergänzt um drei Eröffnungsspiele in Uruguay, Argentinien und Paraguay zum
hundertjährigen Jubiläum des ersten Turniers. Der [7][Mittelmeerraum gilt
im aktuellen Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC als Klimahotspot,]
der sich schneller erwärmt als der globale Durchschnitt.
Laut der spanischen Wetterbehörde AEMET ist es in dem Land seit 1961 1,7
Grad wärmer geworden, fast doppelt so viel wie im globalen Mittel. Sevilla,
einer der künftigen Austragungsorte, kommt schon heute im klimatologischen
Julidurchschnitt auf Höchstwerte um 34 Grad, mit regelmäßigen Ausreißern
über 36 Grad. Noch deutlicher wird es in Marrakesch, wo der
Julidurchschnitt bei 37 Grad liegt und Spitzenwerte bis 40 Grad keine
Seltenheit sind.
Immerhin haben die WHO und die Fifa gemeinsam eine Initiative namens „Beat
the Heat“ angekündigt. Jede Gastgeberstadt soll demnach eine eigene
Hitzerisiko-Bewertung und einen maßgeschneiderten Aktionsplan erstellen,
statt sich auf starre Pauschalregeln zu verlassen. Das ist eine sinnvolle
Ankündigung – aber eben auch nur das. Zum Problem der Fanzonen gibt es
nicht einmal die.
Bei den Stadien zeigt sich ein ähnliches Bild wie 2026 – mit noch dünnerer
Ausstattung. Von den 20 Spielstätten in den drei Hauptgastgeberländern
verfügt bislang nur ein einziges Stadion über ein funktionierendes
Schließdach: das Estadio Santiago Bernabéu in Madrid, komplett mit einem
unterirdisch klimatisierten Rasenlager. Das für den Camp Nou in Barcelona
geplante Dach verzögert sich, ob es bis 2030 fertig wird, ist unklar.
## An der erlebten Realität vorbei
Alle sechs marokkanischen und drei portugiesischen Stadien sind offene
Konstruktionen. Marokko setzt beim neuen Grand Stade Hassan II bei
Casablanca auf ein zeltartiges, lichtdurchlässiges Aluminiumdach, das
passiv kühlen und ein eigenes Mikroklima erzeugen soll – mit dem
klimafreundlichen Ziel, im Betrieb 45 bis 60 Prozent weniger Energie zu
verbrauchen als ein konventioneller Bau.
Auch der Ausbau von Schieneninfrastruktur und ÖPNV sind geplant. Im
Mittelpunkt stehen aber die Modernisierung mehrerer Flughäfen und der
Ausbau von Autobahnen und Schnellstraßen. Zusammen mit den Flügen, die ja
dann nicht nur zwischen den drei Ländern, sondern auch noch zwischen Europa
und Südamerika statt finden werden, dürfte das die Klimabilanz gewaltig
belasten.
Wenn Fifa-Präsident Gianni Infantino vor diesem Hintergrund über ein noch
größeres Turnier mit noch mehr Mannschaften sinniert, das theoretisch schon
2030, wahrscheinlicher aber 2034 in Saudi-Arabien umgesetzt werden könnte,
wirkt das wie an der erlebten Realität vorbei. So drängt sich nicht nur die
Frage auf, was man tun muss, damit dieses von aller Welt verfolgte
Leistungssport-Spektakel unter freiem Himmel in einer immer heißeren und
von Extremwettern geprägten Welt noch fair und sicher stattfinden kann.
Zuallererst müsste die Frage sein, ob es überhaupt noch stattfinden sollte.
16 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Portraet-des-norwegischen-Keepers/!6195395
DIR [2] https://www.worldweatherattribution.org/climate-change-big-player-at-fifa-world-cup-2026/
DIR [3] /WM-Rekord-bei-Frankreich-gegen-Irak/!6189933
DIR [4] https://barlamantoday.com/2026/07/11/reuters-analysis-finds-no-2026-world-cup-match-has-reached-fifas-extreme-heat-threshold/
DIR [5] https://www.animalagricultureclimatechange.org/2026-world-cup-heat/
DIR [6] https://www.sgr.org.uk/resources/2026-fifa-men-s-world-cup-be-most-polluting-ever
DIR [7] https://www.ipcc.ch/report/ar6/wg2/chapter/chapter-13/
## AUTOREN
DIR Beate Willms
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