# taz.de -- Ladenöffnungszeiten: Sollten Läden auch am Sonntag geöffnet sein?
> Das Land ist mal wieder gespalten. Diesmal geht es um die Öffnungszeiten
> von Geschäften am Sonntag. Ein Pro & Contra.
IMG Bild: Könnte hier bald sonntags mehr los sein? Einkaufszentrum in Frankfurt
Mehr Modernität oder mehr Me-Time am Wochenende – [1][darüber kann man sich
streiten]. Hier machen es zwei taz-Redakteur:innen.
Ja, Läden sollten sonntags öffnen,
weil sich selbst Ladungsöffnungszeiten dem Leben anpassen sollten. Ein
Laden, der sonntags öffnen möchte, sollte das auch tun können, der Bedarf
ist da. In der jahrzehntealten Debatte wird meist vergessen, dass es
bereits sehr viele Branchen gibt, für die Sonntagsdienste die Regel sind:
Pflegedienste, Krankenhäuser, Bahn, Gastronomie, Polizei, Feuerwehr,
Theater, Kino, Zoos, Museen, Medien, … Wer am Wochenende mit dem Auto an
den Badesee will, kann selbstverständlich am Sonntag tanken und später mit
den Kindern an einem Stand ein Eis essen. Oh mein Gott, den Geburtstag von
Tante Erna vergessen? Kein Problem, rasch zum Blumenladen geflitzt, der hat
am Sonntag auf. Abends spontan ein Bier zum Fußball? Kein Ding, [2][der
Späti hat alles].
Wer jetzt mit dem katholischen Sonntag-ist-Familientag kommt, dem sei
gesagt: Pfarrer:innen haben nie einen Familiensonntag, weil sie an
diesem Tag brav auf der Kanzel stehen. Wer das Argument der sonntags
geöffneten Shopping-Malls anführt, die kleine Läden verdrängen, sollte
aufhören, im Internet zu bestellen. Kleine Läden gehen nicht zuvorderst
wegen der großen Ketten kaputt, sondern weil Online-Shopping boomt.
Gewerkschaftlicher Einsatz fürs Verkaufspersonal ist immer richtig, könnte
bei der Sonntagsfrage das Ziel womöglich verfehlen: Die meisten Läden in
den Malls würden am Sonntag erfahrungsgemäß gar nicht öffnen. Und ja,
Arbeitgeber:innen könnten Angestellte zwingen, sonntags zu arbeiten.
Kostet mitunter aber Sonntagszuschläge und produziert fehlendes Personal an
anderen Tagen – Stichwort Fachkräftemangel. Wer sonntags arbeitet, hat an
anderen Tagen nämlich frei, es wäre auch nicht jeder Sonntag ein
Pflichtarbeitstag. Es würde sich also gar nicht so viel ändern, aber die
wilde Aufregung könnte sich endlich mal legen.
Simone Schmollack
Nein, Läden sollten sonntags geschlossen bleiben,
weil Arbeit nicht alles sein darf. Längst ist die Sonntagsschließung
fragwürdig geworden. Warum soll der Supermarkt an der Ecke dicht sein,
gleichzeitig Powershopping bei Shein, Amazon, Rewe-Online erlaubt sein?
24/7, Weihnachten, Karfreitag. Kein Wunder, wenn der stationäre Handel
lahmt, die Online-Absätze boomen. Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen
schwächelndem Absatz in den Läden und dem Aufstieg des Internethandels gar
nicht so eindeutig. Häufig liegt es an öden Geschäften und Malls – oder
dreisten Preisen.
Wenn aber DIHK-Präsident Peter Adrian nun die „seelische Erhebung“ der
Sonntagsruhe diskreditiert, zeigt das eine schäbige Doppelmoral. Bitte
ehrlich bleiben, Herr Adrian! Der Lobbyist der Deutschen Industrie- und
Handelskammer argumentiert, das Bedürfnis, einen Tag der Woche pausieren zu
wollen, sei nicht mehr modern.
Tatsächlich kommt die grundgesetzlich geschützte Sonntagsruhe aus der
Weimarer Verfassung von 1919: Sie sei zur „seelischen Erhebung gesetzlich
geschützt“, heißt es. Klingt oldschool, ist aber topaktuell. Abspannen,
Me-Time, Zeit für die Kids dürfen kein Luxus sein. Sie sind das Elixier des
Lebens, das nicht von launigen Chefs abhängen darf. Am siebten Tag muss
auch niemand in die Kirche gehen.
Deshalb sollte Herr Adrian das Seelische nicht kleinmachen, um Konzernen,
die von lockeren Öffnungszeiten allein profitieren würden, nach dem Mund zu
reden. Für kleinere Läden ist die Sonntagsöffnung vielfach unmöglich.
Adrians Verweis auf freiwilliges Öffnen ist angesichts der Konkurrenz mit
den Ketten zynisch. Und ja, [3][Bäckerei-Verkäufer*innen arbeiten bereits
sonntags.] Dass die Koalition angekündigt hat, hier die Öffnungszeiten
liberalisieren zu wollen, ist ein Indiz dafür, dass sie einmal mehr Leuten
wie Herr Adrian auf den Leim gegangen ist.
Kai Schöneberg
15 Jul 2026
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