# taz.de -- 90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg: Als die Stadt ihren Dichter ermorden ließ
> Im andalusischen Granada wurden besonders viele Menschen von den
> Anhängern Francos getötet. Lange tat sich die Stadt mit der Aufarbeitung
> schwer.
IMG Bild: Junge republikanische Gefangene werden 1936 von Francos Soldaten abgeführt
Bedächtig nickt der Friedhofsgärtner auf die Frage, ob er den „sitio de
memoria“ kennen würde, die Gedenkstätte. „Si, este lugar – dieser Ort“,
sagt er, zieht seine Arbeitshandschuhe aus und steigt im blauen Overall aus
dem Beet eines Mausoleums, in dem er Pflanzen jätet. Mit ernster Miene
begleitet er die Besucherin zum Tor des parkartigen Friedhofs San José, der
direkt neben der berühmten Alhambra in Granada liegt.
Er weist auf den mit Steinplatten belegten Weg außerhalb der Friedhofsmauer
zu einer staubigen Piste an der Längsseite des Areals. Immer geradeaus,
sagt er, 200 oder 300 Meter entlang der Mauer. Mit schweigendem Gruß nimmt
er den Dank entgegen und geht in den Schatten der Bäume zurück.
Die Löcher der Einschüsse blicken durch den roten Staub auf der einst weiß
gekalkten Lehmwand. Manche sind so groß, wie eine Patronenhülse sein mag,
an anderen Stellen haben Zeit und Verfall den Lehm zerbröckelt und
faustgroße Löcher in die Wand gerissen.
Mehr als 4.000 Menschen haben die nationalistischen Anhänger von General
Franco, Francisco Franco Bahamonde, an dieser Wand erschossen, die Schüsse
waren durch die Olivenhaine bis in die Zimmer des Hotels Washington Irving
gegenüber der Alhambra zu hören, wie Ohrenzeugen später berichteten.
Männer, Frauen, Jugendliche, Greise, Großmütter, Familien karrten die
Soldaten der aufständischen Truppen ab August 1936 Nacht für Nacht in Autos
und später in offenen Lastwagen den Alhambrahügel hinauf, raus aus der
Stadt über die staubige Piste zum Friedhof.
Stille liegt an diesem heißen Junimorgen über der Mauer und einer
rostroten, fast zart wirkenden Eisenkonstruktion. 3.720 aus Eisen gegossene
Namen der namentlich bekannten Hingerichteten formen den Gedenkort Tapias
del Cementerio de Granada.
Am 15. November 1956 erschoss die Guardia Civil, Spaniens nationale
Gendarmerie, den antifranquistischen Widerstandskämpfer Ricardo Beneyto
Sapena als letzten Gefangenen an der Mauer des Friedhofs San José. Ricardo
Beneyto war bereits im Juni 1947 verhaftet und als „militanter Kommunist“
zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt worden.
Die Guardia Civil wusste damals nicht, dass Beneyto Chef der Guerilla-Armee
Andalusiens der Spanischen Kommunistischen Partei war. Im Bürgerkrieg
kämpfte er gegen die Franco-Truppen, ging 1939 nach Algerien, saß dort in
einem französischen Konzentrationslager und kam über Toulouse 1945 nach
Spanien. Er hatte den Auftrag der Parteiführung, eine Guerilla in
Andalusien aufzubauen und vereinte mehrere kämpfende Einheiten, die
insbesondere in den Bergen von Málaga und Granada bis Anfang der
1950er-Jahre kämpften.
Sie setzten dem Franco-Staat zu, töteten Polizisten der militärischen
Guardia Civil, entführten einen Oberst der Militärverwaltung. Auch in
anderen Regionen Spaniens kämpften militärische Verbände nach dem
Bürgerkrieg weiter, hofften, dass die demokratischen Alliierten auch
Spanien vom Faschismus befreien würden. Doch für die USA war Diktator
Franco nützlich als Bollwerk gegen den Kommunismus.
Granada und Málaga waren um 1950 die letzten Provinzen mit Aufständischen.
Die Franco-Diktatur antwortete mit Terror: Sie brannte einzeln stehende
Bauernhäuser ab, damit die Guerilla sie nicht nutzen konnte. Sie schloss
die Bewohner:innen nachts in ihren Häusern ein, folterte und erschoss
Bauern noch auf ihrem Hof. Ein Verräter aus der Guerilla-Armee half der
Guardia Civil schließlich, die Truppen zu zerschlagen und Ricardo Beneyto
Sapena zu enttarnen. Beneyto wurde als militärischer Chef der Guerilla
angeklagt und zum Tode verurteilt.
Die nationalistischen Franco-Truppen nahmen Granada am 20. Juli 1936 als
eine der ersten Städte Spaniens unter ihre Herrschaft. Das Militär in
Granada war sofort dem Aufruf zum Staatsstreich von General Francisco
Franco am 17. Juli 1936 gefolgt. Die Verteidiger der Republik kämpften ein
paar Tage in den Gassen des Albaicín gegen das Militär, doch konnten sie
Granada nicht halten. Die aufständischen Militärs und Faschisten der Stadt
durchkämmten zunächst die republikanisch gesinnten Bürgerhäuser.
Zu den ersten Mordopfern der Nationalisten gehörte Manuel Fernández
Montesinos, sozialistischer Bürgermeister der Stadt und verheiratet mit
Concepción García Lorca, der Schwester von Federico García Lorca. Sein
Vorgänger stand ebenfalls auf der faschistischen Todesliste, sowie
Universitätsdozenten, Lehrerinnen, Journalisten, Richter, Ärzte,
Intellektuelle, Mitglieder der demokratischen Parteien.
Die Acción Católica unterstützte den franquistischen Aufstand und durfte
die ihr missliebigen Bürger auf die Todeslisten setzen, ließ alle
Freimaurer abholen und vom Militär ermorden. Auch der protestantische
Pfarrer von Granada überlebte die klerikal-faschistische Säuberung nicht.
Ebenso wenig wie die Briefträger der Stadt, deren Posten unter der neuen
Ordnung der Diktatur andere haben wollten. Allein im August 1936 erschossen
die Franco-Anhänger in Granada 582 Menschen an der rot-verstaubten Wand von
San José.
In den Jahren nach dem blutigen August 1936 karrten die Faschisten ihre
Opfer aus der ganzen Region heran: aus Iznalloz, Baza, Capileira, Alhama de
Granada. Landarbeiterinnen und Landarbeiter waren darunter, Apotheker,
Hausfrauen, Wirte – ganz normale Menschen. Wer ein Grab mit Namen bekam,
verdankte das oft nur dem Geld der Angehörigen. Viele andere landeten in
Massengräbern oder in einem ehemaligen Wasserbecken.
Heute weiß man: 3.720 Tote sind identifiziert, weil die Täter selbst genau
Buch führten – Namen, Alter, Herkunftsort, Todestag. 594 weitere Skelette
bleiben namenlos. Historiker:innen schätzen die Gesamtzahl der
Erschossenen inzwischen auf rund 5.000. Nicht alle Namen sind erhalten, da
die Registerbücher der Friedhofsverwaltung 1966 auf Anordnung des damaligen
Bürgermeisters von Granada vernichtet wurden.
Nach jahrelangen politischen Querelen und Jahrzehnten des Schweigens
während der Diktatur und in den Jahrzehnten danach konnte der schlichte
Gedenkort Tapias del Cementerio de Granada im Jahr 2017 eingeweiht werden.
3.720 Namen in Eisen geschnitten, dazwischen immer wieder Desconocido,
Unbekannter, oft mit Datum der Ermordung.
An manchen Namen klemmt eine Kunststoffblume oder eine
Schwarz-Weiß-Fotografie, gegen Regen und Staub in Plastik laminiert, die
vielleicht die Nachfahren der Ermordeten an das Denkmal geheftet haben. Ein
Foto zeigt Antonio Carmona Muriel im hellen, wollenen Anzug mit gestreifter
Krawatte, die dunklen Haare mit Brillantine nach hinten gekämmt.
Skeptisch, aber mit einem Lächeln, blickt er in die Kamera, im Hintergrund
ein eher ländlich wirkendes Haus. Er wurde 32 Jahre alt. Erschossen am 4.
März 1941. Torcuato Mártinez Suarez aus Guadix trägt eine Galauniform der
Kavallerie auf dem laminierten Foto, das jemand mit grünem Kabelbinder an
seinen Namen befestigt hat. Mit 47 Jahren wurde er am 29. August 1938
erschossen, mitten im Bürgerkrieg.
Der Tod gehört zum Leben von Soldaten. Aber warum musste Maria Pareja
Martín am 8. August 1936 an der Mauer sterben? Warum wurde Josefa Sánchez
Portes aus dem Bergdorf Válor mit 62 Jahren am 22. April 1941 an der
Außenmauer des Friedhofs San José erschossen?
Einer der Augen- und Ohrenzeugen der Massenhinrichtungen ist Robert
Neville, der als Korrespondent für den New York Herald Tribune aus dem
Spanischen Bürgerkrieg berichtete. Vom Balkon seines Zimmers im Hotel
Washington Irving auf dem Alhambrahügel konnte er eines Tages in die
offenen Militärlastwagen schauen, die auf der Straße zum Friedhof fuhren.
Er sah, dass Landarbeiter und Bauern umzingelt von Soldaten auf den
Ladeflächen standen. Als Passant auf der Straße hatte er immer nur die
Soldaten sehen können, die die Landarbeiter bewachten. Kamen die Lastwagen
nach einiger Zeit aus Richtung Friedhof zurück, waren nur noch die Soldaten
auf den Ladeflächen.
## Eine fast grausam anmutende Leere
„Es scheint die Überzeugung zu herrschen, dass in Granada die Anzahl der
Hinrichtungen im Verhältnis zur Bevölkerung höher war als an jedem anderen
Ort“, schreibt der englische Hispanist Gerald Brenan, der mit seiner Frau
1949 zu den ersten ausländischen Reisenden nach dem Bürgerkrieg gehört.
Granada kennt er gut, hat er doch seit den 1920ern immer wieder dort
gelebt. „Der Wechsel in der Atmosphäre war überraschend“, schreibt Brenan
in „The Face of Spain“.
Er hatte die Stadt als ernsthaft und konventionell in Erinnerung, mit
freundlichen Menschen und einem Hauch andalusischer Leichtigkeit. Zehn
Jahre nach dem Bürgerkrieg erscheint ihm Granada nicht ernsthaft, sondern
traurig. Die Gesichter der Menschen seien hohl, die Geschäfte leer, die
einstige Fröhlichkeit auf der von Blumenkiosken und Ständen mit Süßigkeiten
belebten Plaza Bib-Rambla erstorben.
Er wandert durch die Gassen des Albaicín, sieht einer Alten zu, die einen
Wasserkrug trägt und empfindet eine fast grausam anmutende Leere der
stoppeligen, vertrockneten Weite, in die die Stadt ausläuft. Ja, sagt sich
Brenan, so war das schon immer hier, was also hat sich verändert? „Während
ich dasaß und dem Krähen eines Hahns zuhörte, kam die Antwort. Dies ist
eine Stadt, die ihren Dichter ermordet hatte.“
Brenan beschließt einen Strauß Blumen auf das Grab von Federico García
Lorca zu legen. Der Tod des Dichters hatte sich gleich nach dessen
Ermordung vermutlich am 18. August 1936 in der Welt herumgesprochen. Lorca
war zu dem Zeitpunkt bereits der berühmteste Dichter und Dramatiker in
spanischer Sprache und war von Granada bis Buenos Aires und New York
international anerkannt.
Brenan geht zum Friedhof San José, dorthin, wo seit Generationen alle
Granadinos beerdigt worden waren. Die Friedhofswärter zeigen ihm die
Massengräber und das Grab von Montesinos, sprechen von angeblich 8.000
Hingerichteten, deren Namen sie in den Registerbüchern haben, aber der Name
von Federico García Lorca sei nicht darunter. Sie erzählen Brenan, dass der
von ihm Gesuchte in Víznar, rund 20 Kilometer nordöstlich von Granada,
erschossen und verscharrt worden sei.
Der Brite Gerald Brenan war nicht der erste Ausländer, der nach dem
Bürgerkrieg nach Lorca gesucht hatte. Auch der französische Hispanist
Claude Couffon hatte 1948 das Grab des Dichters besuchen wollen. Nach den
beiden kamen weitere Journalisten, Schriftsteller, Historiker. Doch sowohl
der Mord an Federico García Lorca als auch sein Name waren während der
Franco Diktatur Tabu.
Das bleierne Schweigen war noch in den 1980er-Jahren spürbar. Manche
Granadinos drehten sich weg und verstummten, wenn es um Lorca ging. Die
Stadt sprach nicht über Lorca, bis die Provinzverwaltung von Granada 1986
mit der Erinnerungsarbeit begann und einen ersten Gedenkort nahe des damals
vermuteten Hinrichtungsplatzes einweihte.
Seit einigen Jahren haben die Touristiker:innen das touristische
Potenzial von Lorca gehoben, bieten Touren durch Stadt und Provinz Granada
auf den Spuren des Dichters bis zum Ort der Ermordung an. Dank der
historischen Aufarbeitung in Spanien seit Beginn der 2000er Jahre und dem
Gesetz zur historischen Erinnerung von 2007 haben Historiker:innen
rekonstruiert, wer Federico García Lorca zwischen dem 17. und 19. August
1936 an der Straße zwischen Víznar und Alfácar erschossen hat.
Seit 2015 ist auch belegt, wer Lorca angezeigt, wer ihn aus dem Haus von
Freunden abgeholt hat und dann mit zwei anarchistischen Stierkämpfern und
einem einbeinigen Dorfschullehrer in einem Schullandheim in den trockenen
Hügeln nördlich von Granada gefangen hielt. Sein Grab ist bis heute nicht
gefunden.
17 Jul 2026
## AUTOREN
DIR Ulrike Fokken
## TAGS
DIR Spanien
DIR Diktatur
DIR Erinnerungspolitik
DIR Spanischer Bürgerkrieg
DIR GNS
DIR Reden wir darüber
DIR Bürgerkrieg
DIR Spanien
DIR Politisches Buch
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Historiker über Faschismus auf Mallorca: „Es ging darum, das Patriarchat wiederherzustellen“
Das Buch „Mallorca 1936“ erinnert an die Kämpferinnen im Spanischen
Bürgerkrieg. Sie provozierten Faschisten und Konservative – und tun es bis
heute.
DIR Autor über Spanischen Bürgerkrieg: „Meine Generation kennt die Geschichten kaum“
David Uclés hat einen Roman über den Spanischen Bürgerkrieg geschrieben,
der vor 90 Jahren mit einem Putsch begann. Er fordert echte Aufarbeitung.
DIR Buch über Erinnerungskultur in Spanien: Erinnern, um zu vergessen
Spanien tut sich schwer mit dem Erbe der Franco-Diktatur. Thomas Stölting
plädiert für ein Ende des Schweigens und eine produktive Erinnerungskultur.