# taz.de -- Tagebuch aus Polen: Fünf Jahre lang hat Maria auf den Bus gewartet
> Auf dem Warschauer Busbahnhof kommt es zu ganz besonderen Wiedersehen.
> Wie Olga und ihre Tochter endlich ihre Mutter und Oma begrüßen konnten.
IMG Bild: Internationaler Busbahnhof Zachodnia in Warschau
Der Busbahnhof Warszawa Zachodnia. Unter den [1][belarussischen Exilanten]
in Warschau gibt es kaum jemanden, der diesen Ort nicht kennt. Hier kommen
die Busse aus Belarus an, am Steig 8.
Heute Morgen bin ich hierhergekommen, um jemanden abzuholen, der mit dem
Bus aus Minsk ankommen soll. Der Fahrplan wird fast nie eingehalten, weil
die Wartezeiten an der Grenze stark variieren.Bus oder Pkw, das sind
inzwischen die einzigen Möglichkeiten, um nach Belarus zu reisen. Der
Eisenbahnverkehr zwischen Polen und Belarus wurde bereits im Frühjahr 2020
eingestellt, und Flugverbindungen gibt es seit Sommer 2021 nicht mehr.
Ich warte auf Maria. Sie ist die Schwester meiner Freundin. Ich kenne sie
seit meiner Kindheit. Mit mir stehen Marias Tochter Olga und ihre
siebenjährige Enkelin Anja am Busbahnhof. Maria hatte zwischendurch
angerufen und gesagt, dass sie die Grenze passiert habe. Erst da konnten
wir aufatmen. Bis zu diesem Telefonat hatten wir etliche Tage in
Ungewissheit gelebt.
Seit 2021 hat Maria ihre Tochter und ihre Enkelin nicht mehr gesehen, als
die beiden gezwungen waren, Belarus zu verlassen. Eine typische Geschichte
von Zehntausenden [2][belarussischen Familien,] auch von mir.
## Wer Gewalt verurteilt, beleidigt den Staat
Maria sollte schon im April nach Polen kommen. Doch ein Vorfall
durchkreuzte ihre Pläne: Sie geriet in eine der regelmäßigen Razzien.
Sicherheitskräfte entdeckten, dass sie auf ihrem Telefon „extremistische“
Kanäle abonniert hatte. In Belarus werden alle Kanäle mit Ausnahme der
staatlichen Medien als extremistisch eingestuft.
Daneben fanden sie auch einen älteren Facebook-Kommentar, in dem Maria
Gewalt verurteilt hatte – für die Behörden eine Beleidigung von
Staatsvertretern. Anschließend wurde ihre Wohnung durchsucht. Fünf Jahre
später ist Maria nun ihrer Tochter ins Exil gefolgt.
Marias Tochter Olga ist [3][Journalistin]. Sie war erstmals im September
2020 festgenommen worden. Am Rande eines der sonntäglichen
[4][Protestmärsche], nur wenige Schritte vom Eingang ihres Wohnhauses
entfernt. Maskierte Sicherheitskräfte ohne irgendein Hoheitsabzeichen waren
von hinten auf sie zugerannt und hatten sie zu Boden gerissen. Dann wurde
sie in einen blauen Gefangenentransporter geworfen.
Als der Wagen losfuhr, sagte sie den Männern, dass zu Hause ihr Kind auf
sie warte. Die Antwort: ein Schlag mit dem Gummiknüppel auf den Rücken.
„Halt die Fresse, Schlampe, bevor wir dir den Schädel einschlagen!“, schrie
einer der maskierten Sicherheitskräfte. Der nächste Schlag traf ihre Beine.
## Eine halbe Stunde Zeit
Erst am frühen Morgen wurde Olga wieder freigelassen. Weil sie ein kleines
Kind hatte, kam sie nicht in Untersuchungshaft, sondern erhielt eine
Geldstrafe.
Olga arbeitete erfolgreich als Journalistin. Als sie zum zweiten Mal
festgenommen wurde, verlor die junge Mutter ihre Arbeitsstelle. Kurz darauf
informierten Nachbarn sie, dass Polizeibeamte nach ihr gesucht hätten. Sie
wusste, was das bedeutete: Sie war zum Verhör einbestellt.
Nur eine halbe Stunde Zeit hatte sie, um ihre Sachen zu packen. Dann nahm
sie ein Taxi zum Busbahnhof, kaufte das Ticket für den nächsten Bus – in
irgendein Land der Europäischen Union. Der nächste Bus fuhr nach
[5][Warschau].
Während wir am Busbahnhof auf Maria warteten, erinnerten Olga und ich uns
an diese Zeit. Dann endlich fuhr der Bus ein, in dem Maria sitzen sollte.
Unter den Wartenden auf dem Bahnsteig kam Bewegung auf. „Oma!“ – „Mama!“ –
„Maria!“ – „Olga!“ Wir alle riefen durcheinander.
Endlich waren sie wieder zusammen. Und endlich waren alle in Freiheit.
[6][Ljubow Lunjowa] ist eine belarussische Journalistin, die im politischen
Exil in Warschau lebt und arbeitet. Sie berichtet unter anderem für den
oppositionellen belarussischen Fernsehsender [7][Belsat]. Sie ist
Teilnehmerin eines [8][Osteuropaworkshops] für Journalist:innen der taz
panterstiftung.
Aus dem Russischen von [9][Tigran Petrosyan].
Durch Spenden an die [10][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
17 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Ljubow Lunjowa
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