# taz.de -- Melonis Wahlrechtsreform in Italien: Abstimmungspleite beim Herzensprojekt
> Italiens Regierungschefin Meloni hat bei einer Abstimmung zur
> Wahlrechtsreform eine schwere Niederlage erlitten. Dutzende Abgeordnete
> des Regierungslagers stimmten gegen ihren Plan.
IMG Bild: Alles andere als glücklich: Giorgia Meloni
Mit einer schweren Niederlage für Italiens Ministerpräsidentin [1][Giorgia
Meloni] endete am Dienstagabend die Abstimmung über einen wichtigen Passus
des von ihr vorgeschlagenen neuen Wahlgesetzes. Eigentlich hat ihre
Koalition im Abgeordnetenhaus eine komfortable Mehrheit von 235 der 400
Sitze – doch sie unterlag mit 187 zu 188 Stimmen.
Kaum wurde das Ergebnis mitgeteilt, brandete auf den Oppositionsbänken
lauter Jubel auf, ganz so, als hätte Italien gerade im Finale der
Fußball-WM den Siegtreffer erzielt, begleitet von Rufen „Nach Hause! Nach
Hause!“ in Richtung der Regierungsbank. Entsetzte Gesichter waren dagegen
in den Fraktionen des Regierungslagers zu sehen. Dort wurde schnell
ausgerechnet, dass bei der auf Antrag der Opposition geheimen Abstimmung
bis zu 50 Abgeordnete des Regierungslagers mit der Opposition gestimmt
hatten.
Das neue Wahlgesetz ist ein Herzensanliegen Giorgia Melonis, die das
Paragrafenwerk unbedingt noch vor der Sommerpause durch beide Häuser des
Parlaments bringen will. Bisher wählt Italien die beiden Kammern mit einem
gemischten System. 63 Prozent der Sitze wurden über Proporzlisten vergeben,
37 Prozent dagegen in Personenwahlkreisen.
Dieses System hatte der Meloni-Koalition bei den Wahlen von 2022 zwar eine
komfortable Mehrheit von knapp 60 Prozent der Sitze sowohl im
Abgeordnetenhaus als auch im Senat eingetragen. Doch dieser Erfolg
verdankte sich allein der Tatsache, dass die Rechte geeint, die Opposition
dagegen gespalten angetreten war – und dass so der Meloni-Block fast alle
Personenwahlkreise erhielt.
## Meloni will Mehrheitsbonus
Damit ist in Zukunft nicht mehr zu rechnen. Deshalb will Meloni jetzt ein
neues Wahlrecht. Mit ihm sollen die Personenwahlkreise abgeschafft und die
Sitze allein über Proporzlisten vergeben werden. Mit einem verzerrten
Proporz allerdings: Die Partei oder Parteienallianz, die mehr als 42
Prozent der Stimmen erobert, soll einen Mehrheitsbonus von 70 der 400 Sitze
im Abgeordnetenhaus und von 35 der 200 Sitze im Senat erhalten. [2][Da die
Rechte in so gut wie allen Umfragen knapp vor dem Mitte-links-Lager liegt,]
hofft Meloni, so auch in der nächsten Legislaturperiode mit einer großen
Mehrheit regieren zu können.
In der Abstimmung am Dienstag ging es um einen – wenn auch wichtigen –
Unterpunkt: um die sogenannten Präferenzstimmen. Danach sollte, auf Wunsch
von Melonis Partei Fratelli d’Italia, den Wähler*innen ermöglicht
werden, innerhalb der von ihnen gewählten Liste bis zu drei
Kandidat*innen per Präferenzstimme nach oben wählen zu können.
Meloni wollte diesen Unterpunkt nicht nur, weil er ein altes
Wahlversprechen ihrer Partei darstellt. Das neue Wahlgesetz sähe auch einen
Mechanismus vor, in dem allein die Parteivorstände per Aufstellung der
Kandidatenlisten darüber entscheiden, wer am Ende ins Parlament einzieht,
ohne das geringste Mitspracherecht der Wähler*innen darüber, wer sie
denn am Ende in Rom vertritt.
Doch in mehreren Urteilen hatte das italienische Verfassungsgericht
verlangt, dass ein solches Mitspracherecht zumindest teilweise gegeben sein
muss. Bisher wurde es über die Personenwahlkreise gewährleistet – doch die
sollen ja ersatzlos wegfallen.
## Meloni macht weiter
Meloni hat jedoch das Problem, dass von Beginn an [3][ihre
Koalitionspartner Forza Italia und Lega] nicht viel von der Wahlreform
hielten, da bei einem Proporzverfahren ihr relatives Gewicht in der
Rechtskoalition wahrscheinlich sinken würde. Alles andere als begeistert
sind sie auch von den Präferenzstimmen, die den Wahlvorgang für die
Parteiführungen weniger kalkulierbar machen.
Und offenbar haben sie am Dienstagabend trotz aller späteren Dementis
Giorgia Meloni das Abstimmungsdebakel beschert. Sie selbst reagierte mit
der Feststellung, wieder einmal habe in Italien „der Sumpf“ gesiegt – und
sie konnte nur den Sumpf innerhalb ihrer Koalition gemeint haben. Dennoch
heißt es, sie denke nicht an Rücktritt und sie wolle auch das Wahlgesetz
wie geplant durchbringen.
15 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Meloni-zwischen-dem-Papst-und-Trump/!6193154
DIR [2] https://www.youtube.com/watch?v=c68LhNPgJk0
DIR [3] /Neue-rechte-Partei-in-Italien/!6151478
## AUTOREN
DIR Michael Braun
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