# taz.de -- Ultraorthodoxe in Israel: Thora statt Wehrdienst
> Die israelische Regierung befreit Ultraorthodoxe, die nicht zur Armee
> gehen, vor Strafverfolgung. Das Oberste Gericht könnte einen Riegel
> vorschieben.
IMG Bild: Der Druck hat gewirkt: Ultraorthodoxe Juden blockieren eine Straße in Jerusalem aus Protest gegen die Einführung der Wehrpflicht
„Schande!“ rufen Oppositionsmitglieder am Dienstag in der Knesset im Chor
dem israelischen Premier Benjamin Netanjahu entgegen. Bei der Abstimmung
selber ist dieser dann nicht anwesend. Und am Dienstagabend verabschiedet
seine rechtsreligiöse Regierung dann ohne ihn das umstrittene Gesetz.
Es geht, wie so oft in diesen Tagen in Israel, um die Wehrpflicht für
Ultraorthodoxe. Dem verabschiedeten Gesetz zufolge können Strenggläubige
nun nicht mehr festgenommen werden, wenn sie sich dem Wehrdienst entziehen.
Denn eigentlich müssten sie: Der Oberste Gerichtshof hatte im Sommer 2024
das Urteil gefällt, dass ultraorthodoxe Yeshiva-Studenten zum Militärdienst
eingezogen werden müssen. Es gebe keinen rechtlichen Rahmen mehr für die
Ausnahmen, die Ultraorthodoxen pauschal seit Jahrzehnten gewährt wurden.
Im Juli 2024 begann das Militär dann, Einberufungsbefehle für
wehrpflichtige Ultraorthodoxe zu verschicken; die allerwenigsten
Strenggläubigen folgten ihnen. Mit dem nun beschlossenen Gesetz sollen auch
laufende Strafverfahren gegen Personen ausgesetzt werden, gegen die bereits
rechtlich vorgegangen wird.
Das Gesetz ist Teil einer ganzen Reihe von Vorhaben, die die Regierung noch
vor der Sommerpause der Knesset und vor den Parlamentswahlen Ende Oktober
durchbringen will. Viele davon sind Zugeständnisse an die ultraorthodoxen
Koalitionspartner Netanjahus. Einen Tag vor dem Gesetz zur Einberufung
wurde etwa das sogenannte Thora-Gesetz beschlossen, das das Studium
religiöser Texte offiziell zu einem „Grundwert des jüdischen Volkes und des
Staates Israel“ erklärte.
## Straßenschlachten mit der Polizei
Im Gegenzug sollen die ultraorthodoxen Parteien den Regierungschef bei
Gesetzesvorhaben unterstützen. Der hat großes Interesse an der
[1][Einsetzung einer Regierungskommission statt einer staatlichen,
unabhängigen] zur Untersuchung der Versäumnisse rund um den Angriff der
Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Seine Befürchtung dürfte sein, dass er
in einer unabhängigen Untersuchung in keinem guten Licht dastehen würde.
Ein weiteres Wunschgesetz Netanjahus sieht vor, die Befugnisse der
Generalstaatsanwaltschaft, einer der wichtigsten staatlichen
Kontrollinstanzen, zu schwächen.
Die Auseinandersetzung um die Wehrpflicht für Ultraorthodoxe sorgt schon
seit Jahren für Wirbel. In den letzten Monaten hat sich die Situation
zugespitzt. Immer wieder blockierten die Strenggläubigen in ihrer
klassischen Kluft – schwarze Anzüge und Hüte, weiße Fäden an ihren
Hosenbeinen – wichtige Straßen und [2][lieferten sich Straßenschlachten mit
der Polizei.]
Unter liberalen und säkularen Israelis stoßen die Proteste auf großen
Unmut, genauso wie die in den letzten Tagen verabschiedeten Gesetze. In
ihren Augen trügen sie, die Liberalen und Säkularen, die selber oder deren
Kinder als Soldat*innen dienen, die Kosten für die zahlreichen Kriege,
während die Regierung ihre schützende Hand über die Ultraorthodoxen halte.
Auch das israelische Militär kritisiert das Gesetz scharf. Es stehe
„eindeutig in Widerspruch“ zu dem, was die israelische Armee benötige,
sagte Militärchef Eyal Zamir. Derzeit gelten schätzungsweise 72.000
ultraorthodoxe Männer im Alter von 18 bis 24 Jahren als wehrpflichtig. Die
Armee hat in den letzten Monaten wiederholt betont, dass sie angesichts der
anhaltenden Kriege an mehreren Fronten dringend 12.000 neue Rekruten
benötige.
Nur wenige Stunden nach Verabschiedung hat das Oberste Gericht angeordnet,
dass das Gesetz bis zu einer weiteren Entscheidung nicht in Kraft treten
dürfe. Die große Frage ist nun, ob sich die Regierung an diese Verfügung
des Gerichts halten wird. [3][Erst vor einer guten Woche hat diese zum
ersten Mal in der israelischen Geschichte öffentlich erklärt, einem anderen
Urteil nicht Folge leisten zu wollen.]
15 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Nach-dem-7-Oktober/!6193220
DIR [2] /Ultraorthodoxe-in-Israel/!6186717
DIR [3] /Verfassungskrise-in-Israel/!6193786
## AUTOREN
DIR Judith Poppe
## TAGS
DIR Israel
DIR Ultraorthodoxe
DIR Benjamin Netanjahu
DIR Militär
DIR Israel Defense Forces (IDF)
DIR Schwerpunkt Nahost-Konflikt
DIR Israel
DIR Israel
DIR Israel
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Israel vor den Parlamentswahlen: Zwei Rechte, zwei in der Mitte
In drei Monaten wird in Israel gewählt. Zu Netanjahus aussichtsreichsten
Herausforderern gehören ein General und ein Ex-Regierungschef – aber kein
Linker.
DIR Verfassungskrise in Israel: Regierung gegen Gericht
Die israelische Regierung weigert sich, einer Entscheidung des Obersten
Gerichts zu folgen. Kritiker befürchten eine Zuspitzung der
Verfassungskrise.
DIR Ultraorthodoxe in Israel: Mit Gottes Hilfe gegen die Wehrpflicht
Strenggläubige Juden blockieren am Donnerstag Autobahnen in Israel. Es geht
um ihre Wehrpflicht – dabei hätten sie eigentlich Grund zum Feiern.
DIR Israel vor Neuwahlen: Netanjahu treibt Auflösung der Knesset voran
Die ultrarechte israelische Regierung kündigt an, das Parlament vor Ablauf
der Amtszeit aufzulösen. Ein entsprechendes Gesetz ist auf dem Weg.