# taz.de -- Russische Angriffe auf die Ostukraine: Die Front rückt immer näher
> Die Städte Slowjansk und Kramatorsk im Gebiet Donezk werden immer
> häufiger Ziel russischer Luftangriffe. Doch der Wille, sich zu
> verteidigen, ist ungebrochen.
IMG Bild: Ins Netz gegangen: Drohnenabwehr in der Stadt Kramatorsk
In diesem Sommer erinnern die Städte Kramatorsk und [1][Slowjansk] im
ostukrainischen Gebiet Donezk immer mehr an die Kulisse eines
postapokalyptischen Films. Entlang der Hauptstraßen installieren Arbeiter
der Stadtverwaltung und das Militär Betonkeile – sogenannte Drachenzähne –
und spannen Stacheldraht drumherum.
Lücken in diesen Barrieren werden nur für Fußgänger gelassen, die in
Richtung von Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs unterwegs sind. Über
den Straßen sind Netze zur Drohnenabwehr gespannt. In der Umgebung werden
neue Gräben, die Panzer aufhalten sollen, und Schützengräben ausgehoben.
Die Frontlinie rückt jedoch immer näher.
„Wir gehen nicht mehr früh am Morgen oder nach Sonnenuntergang nach
draußen, da russische Drohnen inzwischen die Stadt erreichen. Wir gehen
auch nicht mehr in den Seen schwimmen, weil Artillerie mittlerweile bis in
dieses Gebiet hineinreicht und man direkt am Ufer getötet werden könnte.
Wir fahren nicht aus der Stadt heraus, weil Drohnen die Straßen angreifen
und FPV-Drohnen in der Nähe der Fernstraßen lauern könnten. Meine Kinder
spielen nicht unbeaufsichtigt draußen, da Trümmerteile im Gras verborgen
sein könnten“, sagt die 47-jährige Buchhalterin Marija Smolkowa, die an
einer Wasserverteilungsstelle in Slowjansk wartet.
Der Kurort Slowjansk ist eines der ältesten Schlammbäder der Ukraine und
blickt auf eine über 190-jährige Geschichte zurück. Mittlerweile ist er für
Besucher geschlossen. Die Stadt kämpft darum, sich in Frontnähe zu
behaupten, was eine Badesaison unmöglich macht. Am 8. Juli wurde ein
59-jähriger Mann beim Schwimmen in einem der Seen durch russischen Beschuss
verletzt. Große Warnschilder an den Gewässern weisen nun auf die Gefahr
hin.
## Bereits zehn Verletzte
Nach Angaben der Regionalen Militärverwaltung Donezk wurden in der
vergangenen Woche 9 Zivilisten durch russischen Beschuss getötet und
weitere 46 verletzt. Seit dem Beginn dieser Woche sind bereits 10 Verletzte
zu beklagen.
Ukrainische Militärangehörige führen die sich verschlechternde Lage in
Kramatorsk und Slowjansk auf das Eintreffen von „Rubikon“ zurück – eine
russische Elite-Drohneneinheit, die an den Stellungen auf der russischen
Frontseite stationiert wurde.
„Abgefangene Kommunikation und OSINT-Daten bestätigen dies. Sie haben die
Drohnenangriffe auf Kramatorsk tatsächlich verstärkt und nehmen gezielt
Tankstellen sowie zivile Fahrzeuge ins Visier. Allein in der vergangenen
Woche haben sie auf drei zivile Autos geschossen. Auch die Frontlinie ist
näher an Slowjansk und Kramatorsk herangerückt. Sie ist nun nur noch acht
bis 15 Kilometer entfernt“, sagte Witaliy OWtscharenko, ein 37-jähriger
ukrainischer Soldat, der in diesem Frontabschnitt kämpft.
## Schwarzer Rauch
Während Maria und ihr zehnjähriger Sohn Plastikflaschen mit Wasser füllen,
sind erneut Explosionen über der Stadt zu hören. Russische Streitkräfte
werfen mehrere Lenkbomben auf Slowjansk ab. Am Horizont steigt schwarzer
Rauch auf. Die Luft ist vom Brandgeruch erfüllt. Diesmal wird eine
Tankstelle getroffen. Tankstellen, Straßen sowie die Energie- und
Wasserinfrastruktur geraten zunehmend ins Visier russischer Angriffe.
„Die Lage verschlechtert sich. Die Zahl der Angriffe nimmt zu. Der Feind
setzt Lenkbomben und Mehrfachraketenwerfer ein. Immer häufiger fliegen
Drohnen in die Stadt“, sagt Wadym Ljach, Leiter der militärischen
Stadtverwaltung von Slowjansk. Sein Team sorge jedoch weiterhin dafür, dass
Slowjansk funktionsfähig bleibe.
Selbst jetzt laufen im Stadtzentrum Reparaturarbeiten – dort, wo im April
eine 1,5-Tonnen-Fliegerbombe eingeschlagen war. Unter den klaffenden
Löchern in der Fassade eines Hochhauses prangt eine große schwarze
Aufschrift: „Ich hasse das verdammte Russland.“
## Die Geburtsklinik ist geschlossen
„Derzeit leben 39.000 Menschen in Slowjansk. Deshalb ist die Stadt
weiterhin lebendig. Die städtischen Dienste, das Krankenhaus und das
Bankensystem funktionieren. Das Leben geht weiter. Die Entbindungsstation
ist in Betrieb“, sagt Ljach. Er fügt hinzu, dass schwangere Frauen nach
einer ärztlichen Untersuchung zur Entbindung in sicherere Städte in
benachbarten Regionen geschickt würden. Die Geburtsklinik in Kramatorsk ist
aufgrund der Gefahrenlage schon lange geschlossen.
Bislang ist eine Evakuierung von Kindern nur für bestimmte Gebiete von
Kramatorsk und Slowjansk verpflichtend. „Es wird immer schwieriger, mit
Kindern in der Stadt zu leben. Kleidung und Medikamente bestelle ich
online. Die Geschäfte haben zwar geöffnet, aber dort gibt es größtenteils
nur Waren für das Militär. Wir wollen unbedingt zu Hause bleiben, aber mir
ist klar, dass ich wohl langsam über eine Evakuierung nachdenken muss“,
sagt Maria, bevor sie die Wasserflaschen nach Hause trägt, um für ihre
Kinder Mittagessen zu kochen.
In beiden Städten halten sich weiterhin viele Kinder auf: rund 3.000 in der
Gemeinde Slowjansk und fast 4.000 in der Gemeinde Kramatorsk. Die Zahlen
verringern sich täglich. Jeden Tag verlassen Hunderte von Menschen mit
Evakuierungsbussen den Donbas. Die Zurückgebliebenen sind damit
beschäftigt, Dinge zu reparieren und nicht ihre Hoffnung zu verlieren.
Versorgungsarbeiter verlegen heute in Slowjansk eine neue Wasserleitung.
Ihre in die Jahre gekommenen Einsatzfahrzeuge sind zum Schutz vor Drohnen
mit Metallgittern versehen.
## Effekt der Gewöhnung
„Wenn wir zu den Feldern vor der Stadt fahren, teilen der Traktorfahrer und
ich uns seine Tschuika“, sagt Nikolai, ein 60-jähriger Fahrer eines
städtischen Geländewagens. Tschuika ist die Bezeichnung [2][für einen hier
eingesetzten Drohnendetektor], der hilft, russische FPV-Drohnen
aufzuspüren. Genau diese Art von Drohnen greift am häufigsten kommunale
Wartungsfahrzeuge, Evakuierungskonvois und zivile Pkws an.
„Man gewöhnt sich an den Beschuss. Die Menschen bleiben so lange in der
Stadt, wie es Wasser und Strom gibt. Doch im Winter, wenn die Heizung
ausfällt, wird niemand mehr an seinem Zuhause festhalten“, sagt Olexander
Pogrebnoy, Ingenieur bei den Wasserwerken von Slowjansk. Gerade geht er an
einem langen Graben entlang, in dem bereits neue Rohre verlegt werden.
Während in Slowjansk die Wasserversorgung repariert wird, laufen in
Kramatorsk Arbeiten zur Wiederherstellung der Stromversorgung und des
Mobilfunknetzes. In diesem Sommer waren infolge russischen Beschusses
regelmäßig 50.000 Einwohner der Stadt ohne Strom.
## Kurze Pause vom Krieg
Die Musiklehrerin Natalija Semak lädt jeden Abend die Powerbanks für die
ganze Familie auf. Heute ist sie in die Kunstschule Nr. 1 in Kramatorsk
gekommen, um einen ihrer Schüler abzumelden. Der 60-Jährige hatte mit dem
Unterricht nach Kriegsbeginn begonnen – in der Hoffnung, Akkordeon spielen
zu lernen. Er wurde jedoch im Frühsommer durch eine russische Drohne
getötet.
„Während des Krieges haben sich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene
an uns gewandt, weil sie singen oder Gitarre beziehungsweise Akkordeon
spielen lernen wollten. Doch in Wirklichkeit sehnen sich die Menschen
einfach nach einer kurzen Pause vom Krieg. Sie wollen sich an etwas in
ihrem Leben festhalten – jenseits von Drohnen und Beschuss“, sagt Natalija.
Nachdem sie alle Formalitäten erledigt hat, schließt sie ihr Büro ab und
macht sich auf den Heimweg, um ihre Sachen zu packen. Die Familie verlässt
Kramatorsk, um bei Verwandten unterzukommen. Es sei nur für den Sommer,
sagt Natalija.
Aus dem Russischen Barbara Oertel
15 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Julia Surkowa
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