# taz.de -- Natur im Fadenkreuz: Krieg und Wirtschaftskrise setzen iranischen Wildtieren zu
> Der Krieg in Iran ist auch für die Natur eine Katastrophe: Vom Aussterben
> bedrohte Arten geraten durch Explosionen und Ölverschmutzungen zusätzlich
> unter Druck.
IMG Bild: Ein Sakerfalke – auch Würgfalke genannt
ap | Wenige Tage [1][nach Beginn der Angriffe Israels und der USA] brach
Resa Kiamarsi zu einer Wanderung in die Berge auf. Der Tierarzt und
Greifvogelforscher aus der iranischen Stadt Isfahan wollte nach Nestern von
selten gewordenen Falken suchen. Der Ausbruch des Krieges war mit der
Brutzeit der extrem schnell fliegenden Vögel zusammengefallen. Kiamarsi
wusste, dass sich zwei Nester ganz in der Nähe von getroffenen
Militäranlagen befunden hatten.
Für Kiamarsi ging es darum zu prüfen, wie sich die Vibrationen und der Lärm
der Explosionen auf die örtlichen Saker- und Shahin-Falken, die gerade
brüteten oder Junge aufzogen, ausgewirkt hatten. Dafür nahm er einige Mühen
in Kauf. „Der Aufstieg bis zum Fuß der Klippen ist lang. Und dann müssen
wir richtig klettern, um zu den Nestern zu gelangen“, sagt er.
## Aktuelle Lage verschärft bestehende Probleme
Der [2][Krieg und die seit Jahren anhaltende Wirtschaftskrise] haben die
Bemühungen von iranischen Tierschützern erheblich erschwert. Auch im Iran
machen sich zudem bereits seit längerer Zeit die Folgen des Klimawandels
bemerkbar. In vielen Teilen des Landes, das von feuchten, bewaldeten
Gebieten im Norden bis hin zu der sehr heißen und trockenen Küste am
Persischen Golf reicht, ist die Artenvielfalt stark gefährdet.
Mindestens 86 Tierarten sind im Iran vom Aussterben bedroht, darunter der
Asiatische Gepard, der Mesopotamische Damhirsch, Braunbären, Leoparden,
Schwarzbären, der Persische Wildesel, die Großtrappe und diverse Raubvögel,
wie aus einem Bericht des iranischen Umweltministeriums aus dem Jahr 2024
hervorgeht. Da einige Gebiete des Landes auch wichtige Rastplätze für
Zugvögel auf dem Weg zwischen Eurasien und Afrika sind, ist der Naturschutz
vor Ort auch international von Bedeutung.
„Es ist eine große Frage, wie lange wir und andere
Naturschutzorganisationen überhaupt noch arbeiten können. Wir warten ab,
was passiert, von einem Moment zum nächsten“, sagt Iman Ebrahimi, Gründer
einer in Isfahan ansässigen Organisation namens Awaje Boom, persisch für
„Aufschrei der Erde“.
## Wilderer machen mit Falken Geschäfte
Die größte Bedrohung für die iranischen Falken waren bis zum Beginn des
Krieges Schmuggler. Durch den Verfall der nationalen Währung sei der
illegale Handel mit den Tieren umso lukrativer geworden, da Kunden aus den
Golfstaaten in begehrten ausländischen Währungen gezahlt hätten, sagt
Kiamarsi. Ironischerweise seien gerade militärische Sperrgebiete wichtige
Schutzräume für die Vögel gewesen. Denn diese seien oft „ein gesichertes
Gebiet, dem sich niemand zu nähern wagt – weder Wilderer noch Schmuggler“,
sagt der Forscher.
Der in den USA lebende iranische Wildtier-Experte Jamshid Parchizadeh sagt,
dass die israelisch-amerikanischen Angriffe auf Militäranlagen in
entlegenen Wüsten- und Bergregionen auch die Lebensräume von Geparden und
anderen bedrohten Raubtieren stark beeinträchtigt haben könnten.
„Zweifellos führt dies zu Wasser- und Landverschmutzung, Bodenkontamination
sowie zu einer Zerstörung der Vegetationsdecke“, betont er. Manche Tiere
verließen die betroffenen Gebiete aus Angst für immer.
## Wichtige Brutplätze nahe der Ölindustrie
Seit Beginn des Krieges sind viele Lebensräume für Wildtiere, insbesondere
die [3][auf den Inseln im Persischen Golf], auch für Tierschutzexperten
nicht mehr zugänglich. „Leider handelt es sich bei zwei der für die
Artenvielfalt bedeutendsten Inseln im Persischen Golf um kleine Inseln, die
in der Nähe der für den Iran so wichtigen Ölinseln liegen“, sagt Ebrahimi.
Es gebe Berichte, laut denen ein Ölteppich mindestens ein Gebiet auf der
unbewohnten Insel Schidwar erreicht habe, die eine wichtige Brutstätte für
Schildkröten und Zehntausende Vögel sei.
Grundsätzlich gibt es in der iranischen Kultur eine enge Verbundenheit mit
den in der Region lebenden Wildtieren. In der Teppichweberei und in anderen
Künsten spielen sie als Motive eine wichtige Rolle. Und als eines der
ersten Länder weltweit gründete der Iran bereits zu Beginn der 70er Jahre
eine Umweltschutzbehörde. In manchen ländlichen Regionen, in denen
Schutzgebiete ausgewiesen wurden, kam es allerdings auch zu Konflikten mit
der örtlichen Bevölkerung, aus deren Sicht die lokale wirtschaftliche
Entwicklung durch Beschränkungen behindert wurde.
Vor vier Jahren startete Awaje Boom eine Kampagne, mit der in der südlichen
Provinz Fars in der Umgebung eines Naturschutzgebiets das Bewusstsein der
Bevölkerung für die Tierwelt geschärft werden sollte. Nach der
Waffenruhe-Vereinbarung im April kehrten Mitglieder der Organisation in ein
Dorf zurück, in dem sie zuvor aktiv gewesen waren. „Trotz des Krieges fand
der Großteil der Menschen die Umwelt, die nahegelegenen Feuchtgebiete und
die dortige Tierwelt sehr wichtig“, sagt Fateme Kasemi, die Leiterin von
Awaje Boom.
## Tierschützer fürchten um eigene Sicherheit
Die brutale Reaktion der iranischen Regierung auf die Protestbewegungen der
vergangenen Jahre und nun der Krieg haben die Möglichkeiten von
Tierschützern jedoch stark eingeschränkt. Eine Wildtier-Fotografin, die
sich auf die Vogelwelt am Persischen Golf spezialisiert hat, macht seit
einigen Monaten aus Sicherheitsgründen keine Bilder mehr. „Eine der
wirklichen Gefahren für den Umweltschutz ist die, dass Menschen ihre
Verbindung zur Natur verlieren“, sagt die Frau, die mit der
Nachrichtenagentur AP sprach.
Organisationen wie Awaje Boom sind zudem auf finanzielle Unterstützung
angewiesen. Lokale Spender seien wegen der Wirtschaftskrise zurückhaltender
geworden und die internationalen Sanktionen machten es praktisch unmöglich,
Spenden aus dem Ausland zu erhalten, sagt Ebrahimi. Er fürchte, dass
angesichts der Krise „der Umweltschutz keine Priorität mehr“ habe. Aber
bisher „sind unsere Türen nicht geschlossen, und wir haben unsere Arbeit
fortgesetzt“.
15 Jul 2026
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