# taz.de -- Autor über die spanische Nachkriegszeit: „Der Hunger ist Teil der Logik des Sieges“
> Miguel Ángel del Arco Blanco ist Experte für die Zeit unmittelbar nach
> dem Spanischen Bürgerkrieg. Hunger und Repression gehörten damals
> zusammen.
IMG Bild: Späte Auseinandersetzung mit der Diktatur: Eine Statue von Franco wird 2008 in Santander entfernt
taz: Herr del Arco, war der Spanische Bürgerkrieg nur der Beginn von vielen
Jahren der Grausamkeit?
Miguel Ángel del Arco: Die Motive für den Staatsstreich und die im
Bürgerkrieg ausgeübte Gewalt formierten den franquistischen Staat bereits
während des Kriegs. Und die Nachkriegszeit war geprägt vom Begriff „Sieg“.
Der Bürgerkrieg wurde nicht durch ein Friedensabkommen beendet, sondern
durch einen totalen Sieg einer Diktatur.
taz: Und Sieger haben Recht?
Del Arco: Ja, die Besiegten mussten für das bezahlen, was sie getan hatten.
Die Schuld für alles lag demnach bei den Republikanern und ihrem
demokratischen Projekt.
taz: Was bedeutete das für die Menschen?
Del Arco: Vielen wurden Verbrechen vorgeworfen, die sie nicht begangen
hatten, anderen wurde ihr Eigentum beschlagnahmt, sie verloren ihre
Arbeitsplätze. Die kulturelle Repression traf die Frauen besonders hart,
weil man sie zwang, ihr Verhalten in der Öffentlichkeit zu ändern. Dieses
europäische Frauenbild, modern, mit kurzen Haaren, einen Beruf außerhalb
des Hauses ausübend, war ein Frauenbild, das das Franco-Regime hasste und
als unspanisch betrachtete.
taz: Frauen sollten zu Hause bleiben, Kinder kriegen und sich um die
Familie kümmern.
Del Arco: Dieses Frauenbild herrschte in ländlichen Gebieten und in den
wohlhabenderen Schichten vor, war aber vor allem mit dem Katholizismus
verbunden. Ein Wandel ging vor dem Bürgerkrieg vom liberalen,
demokratischen und in vielen Fällen auch vom sozialistischen,
kommunistischen und anarchistischen Denken aus.
taz: In Ihrem Buch über die spanische Hungersnot in den 15 Jahren nach dem
Krieg schreiben Sie, dass die Diktatur in der Nachkriegszeit
Nahrungsmittelknappheit genutzt hat, um die Menschen zu bestrafen.
Del Arco: Das Franco-Regime wollte die Menschen nicht verhungern lassen,
änderte aber auch nichts, um das zu ändern. In den Gefängnissen und
Konzentrationslagern war der Hunger zweifellos Teil der Bestrafung.
taz: Was hatte die Diktatur davon, wenn die Menschen unter Hunger leiden?
Del Arco: Der Hunger ist Teil der Logik des Sieges. Diejenigen, die den
Krieg gewonnen haben, essen, haben Zugang zu Lebensmitteln, kontrollieren
sie, sind privilegiert und können auf dem Schwarzmarkt Geschäfte machen,
wie die in den 1940er Jahren total korrupte Armee. Auf der anderen Seite
stehen die Republikaner, die versuchen zu überleben.
taz: Warum war die Hungersnot im ländlichen Andalusien am größten?
Del Arco: Im Süden war die soziale Polarisierung am stärksten und der
Reichtum am ungleichsten verteilt. Die Landwirtschaft produzierte gut und
exportierte, aber sie basierte auf dem Einsatz vieler billiger
Arbeitskräfte. Viele dieser Tagelöhner waren Republikaner gewesen. Mit der
Hungersnot sanken die Löhne und die Preise auf dem Schwarzmarkt stiegen so
stark an, dass diese Menschen sich keine Lebensmittel mehr leisten konnten.
taz: Franco wollte Spanien in der Nachkriegszeit zu einem autarken Land
ausbauen, was fatale wirtschaftliche Folgen hatte.
Del Arco: Das Wirtschaftskonzept war falsch, aber für das Franco-Regime
standen soziale Kontrolle und der Sieg im Vordergrund, und daher diente die
autarke Politik politischen Zielen, nicht wirtschaftlichen. Die Mitglieder
des Regimes wurden reich, litten keinen Hunger und vernichteten
andererseits die Republikaner.
taz: Wann endet diese gewalttätige Nachkriegszeit?
Del Arco: 1952, als die Autarkie endet. Die Lebensmittelkarten werden
abgeschafft, die wirtschaftliche Lage bessert sich. Aber die brutale Gewalt
geht weiter. Schätzungen zufolge wurden nach 1939 rund 30.000 Menschen
erschossen. Hinzu kommen die mehr als 200.000 Menschen, die an den Folgen
der Hungersnot starben. 300.000 Exilanten, dann die Menschen, die vom Land
in die Stadt flohen, weil sie verhungerten und weil im Dorf die Atmosphäre
so erdrückend war, dass ein Leben ohne Arbeit und in sozialer Ausgrenzung
unmöglich war.
taz: Franco regierte bis zu seinem Tod 1975, blieb also zeitlebens
„Sieger“. Wie hat sich das auf die Demokratisierung ausgewirkt?
Del Arco: In der transición, im Übergang zur Demokratie, gab es keine
Debatte über die Schuld, sondern ein Schweigen, ein Vergessen. Es gab
zaghafte Wiedergutmachungsmaßnahmen für Kämpfer seitens der Regierung, aber
über Verantwortlichkeiten wurde nicht gesprochen. Aber es gab Menschen in
den Dörfern, die ihre Angehörigen ausgruben, mit einer Schaufel, nachts und
ohne jegliche Anerkennung.
taz: Wann hat Spanien mit der Aufarbeitung der Geschichte begonnen?
Del Arco: Das begann ab dem Jahr 2000, als die Bewegung zur
Wiederherstellung des historischen Gedächtnisses Druck auf die Regierungen
in Madrid und in den Provinzen ausübte. Das waren Menschen meiner
Generation, also Enkel der Bürgerkriegsteilnehmer, die von ihren Eltern
wissen wollten: Warum habt ihr meinen Großvater am Straßenrand
liegengelassen? Man schätzte, dass etwa 40.000 Leichen von Opfern in
Massengräbern begraben sind.
17 Jul 2026
## AUTOREN
DIR Ulrike Fokken
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