# taz.de -- Demokratieprojekte: Hört auf mit den Projekten
> Überall sind Projekte, nichts geht mehr im normalen laufenden Betrieb.
> Das ist alles andere als sinnvoll. Es braucht Geld für langfristige
> Arbeit.
IMG Bild: Waren Sie auch schon mal Teil eines solchen Energieverschwendungsprojekts?
Wenn ich den Begriff Projekt höre, überfällt mich je nach Tagesform eine
depressive Verstimmung, eine Fristenpanik oder eine inhaltliche Ermüdung.
Ich kann es nicht mehr hören. Alle haben Projekte, überall sind Projekte,
nichts geht mehr im normalen laufenden Betrieb. Auch wenn manches davon
nervige Rhetorik ist (oder ist ein Kind wirklich ein Projekt?), gibt es
eine real existierende strukturelle Projektifizierung. Alles, was Projekt
ist, hat ein Ende! Aber passiert vor dem Ende etwas Sinnvolles?!
Nehmen wir ein fast aktuelles Beispiel, bei dem mein Projekthass
überraschend hochkam. Die Kritik an den Veränderungen, die
Bildungsministerin Karin Prien am [1][Programm „Demokratie leben!“]
vorgenommen hat, ist berechtigt, denn Zusagen müssen eingehalten werden.
Aber völlig unabhängig von der inhaltlichen Argumentation habe ich
innerlich auch eine ganz andere Reaktion: Ja, endlich weg mit all den
Projekten! Bezahlen Sie gefälligst endlich die Organisationen langfristig
für ihre Arbeit! Projekte werden uns keine [2][stabile Zivilgesellschaft]
bescheren. Schon mal gar nicht zu einem Zeitpunkt, an dem alle meinen,
jetzt müsste man aber mal was machen. Ein Projekt!
Was sind Projekte eigentlich? Projekte sind durch das Bermudadreieck von
Kosten, Terminen und Leistungen definiert. Projekte sind also nur temporäre
Einrichtungen, und zwar ganz absichtlich. Sie sollen bestimmte Ziele
erreichen. Strukturen, die in (zumal öffentlich geförderten) Projekten
immer hübsch aufgebaut werden sollen, sind aber keine Ziele. Sie verenden
ganz überraschend meistens mit Projektablauf.
Behauptet, angestrebt und wortreich in Projektanträgen vorgeschlagen werden
natürlich immer unglaublich langfristig verstetigbare Impulse, die dann
etwas „bewirken“. Super, mehr davon!
## Projekte sind nicht die richtige Organisationsform
Aber Geld gibt’s dann halt nicht mehr. Puff! Lieblingsfloskel: Prototyp.
Ja, lasst uns mal in Workshops die Zeit von ausgebildeten und motivierten
Menschen verschwenden, eine Idee aufschreiben und dann nichts machen! Waren
Sie auch schon mal Teil eines solchen Energieverschwendungsprojekts?
Projekte sind nicht die richtige Organisationsform für grundlegende soziale
Infrastrukturen. Jedenfalls nicht die Billig-und-kurz-Projekte, mit denen
Förderer mittlerweile meinen, die Welt verändern zu können. Hier sind 5.000
Euro, aber wir brauchen einen Projektplan von euch! Mit Meilensteinen!
Nehmen wir noch ein Beispiel der Projektinflation. Bei der
Gemeinschaftsinitiative Zukunftswege Ost, einem, ähm, Projekt der
westdeutschen Stiftungselite für die Rettung der Demokratie in
Ostdeutschland, gibt es für die Verwaltung der Mikroförderung
Projektleiter, Projektkoordination, Projektmitarbeiter, Projektmanagement.
Unter dem geht’s einfach nicht mehr. So ein Projekt hat Ansprüche!
Auf der Empfängerseite gibt’s bis zu 5.000 Euro auf die Kralle für
bürgerschaftliches Engagement. Ein Wintermarkt oder ein Co-Working-Space,
eine Gemeinschaftsküche und ein Begegnungsort sind dann „Projekte“. Sollen
die etwa alle wieder aufhören?! Wer hat hier in Management 101 nicht
aufgepasst? Kosten, Termine, Leistungen! Mal ein Vorschlag zur Güte.
Statt insgesamt 1.5 Milliönchen in Mikroprojekte zu vergießkannen, wie
wär’s stattdessen mit einer anständigen Überweisung aus den über 100
Milliarden Euro Stiftungsvermögen an [3][zivilgesellschaftliche
Organisationen im Osten?] Sozusagen zur Selbstverwaltung statt zur
Projektgönnerei?
## Alles muss neu
Der Fetisch der Projektförmigkeit war nämlich nicht immer da. Es ist eine
Erscheinung der Flexibilisierung in der Produktion, die in den 80er Jahren
das Experimentieren mit neuen Koordinations- und Organisationsformen
brachte. Und eben „Outsourcing“, das Einkaufen von Leistungen, die dann
eben nur manchmal abgerufen werden, oder die Forschung und Entwicklung im
(förderfähigen) Projektformat.
Die Koordinationsform des Projekts passt ganz wunderbar zur
Marktförmigkeit: Alle naselang muss neu entschieden werden, wer den
Zuschlag bekommt. Ständiger Wettbewerb um Projektgelder, ständige
Antragsprosa, alles bleibt spannend, immer alles ein bisschen neu. Hier
soll es sich keiner bequem machen! Wir sind dynamisch, und Veränderung ist
immer gut!
Dass Menschen in Forschung und Sozialsektor mittlerweile gut ein Viertel
ihrer wertvollen Lebensenergie in das Beantragen von Projekten stecken
müssen, von denen die allermeisten per Definition nichts werden, ist
deprimierend. Doch Organisationsstruktur wäre nicht sie selbst, wenn sie
nicht auch unser Handeln ändern würde.
Wir sind ja nicht blöd. Wir passen uns an. Komm, lass uns einfach das
letzte Projekt recyceln, da sind wir ja eh nicht fertig geworden. Nee, wir
kalkulieren das jetzt ein bisschen knapper, du weißt doch, soundso haben
den und den Satz, da müssen wir darunterbleiben. Damit müssen dann die
Studis klarkommen, die wir befristet einstellen.
## Das Projekt ist böse
Aber da müssen wir jetzt noch ’ne Innovation mit Impact einbauen. Wollen
die ein Wirkungsmodell? Angst, Unsicherheit, Mittelmäßigkeit,
Arschlosigkeit. Das Projekt ist nicht neutral. Das Projekt ist böse! Es ist
der wahr gewordene Markt. Und zwar mittlerweile in Räumen und Feldern, in
denen der Markt nichts zu suchen hat, weil sie eigentlich nach einer
anderen Logik produzieren.
Vielleicht entlang von spontaner Kreativität oder von Entdeckung. Oder von
Vertrauensbildung und Beziehungspflege. Diese Logiken passen nicht ins
Projekt. Für jedes Projekt wird das Blaue von Himmel erfunden und
versprochen. Die soziale Infrastruktur ist aber das Grüne vom Gras.
Es muss sich dauerhaft und unterbrechungsfrei entwickeln können. Vertrauen
in eine gemeinsame Zukunft statt Fristenpanik! Es wird Zeit, die
Projektförderung als Organisationsform der Wahl in immer mehr
gesellschaftlichen Handlungsfeldern zu überdenken. Oder wie sagt man heute
in Projektparlance? Projekte sind leider nur: nice to have.
19 Jul 2026
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