# taz.de -- Utopische Lyrik: Zwischen Stoppelfeldern und Stotterfehlern
> Rettet uns das Tagträumen? Warum es sich lohnt, an das Gute zu glauben,
> zeigt eine neue Anthologie zur utopischen Gegenwartsdichtung.
IMG Bild: Dem Utopischen der Gegenwart nähert man sich in der Gedichtsammlung aus verschiedenen Blickwinkeln
Es gibt Orte, die nur in Gedanken existieren. Utopien sind solche
Nicht-Orte, die immer nur verheißen, aber nie real werden. Und doch steckt
im Utopischen ein Aufbruch, ein Umdenken, ein Freilegen der Möglichkeiten.
Mit „Utopia“ verfasste Thomas Morus das literarische Fundament einer
Gemeinschaft der Guten und Gerechten. Dass utopisches Denken auch fehlbar,
brüchig, unvollständig sein kann, zeigt eine neu erschienene Anthologie zur
utopischen Gegenwartsdichtung, herausgegeben vom
[1][Literaturwissenschaftler Björn Hayer], der mitunter auch in der taz
publiziert.
„Aus einer geschützten Ecke heraus läßt du den Raum entstehen“ lautet der
Titel des Bands mit knapp 100 Gedichten. Sie führen von den Ursprüngen der
Utopie bis in die Zukunft, die zwischen den Zeilen beginnt. „szenisch
gesehen ist der anfang absturz“, schreibt der Gegenwartslyriker Alexander
Kappe in seinem Gedicht „sache mit drache“. Ist das Ende dann ein
Höhenflug? Fragt man sich im Umkehrschluss.
Dem Utopischen der Gegenwart nähert man sich in der Gedichtsammlung aus
verschiedenen Blickwinkeln: mal konkret, mal verborgen. Da geht es ums
Schreiben selbst und die Melancholie, die immer auch künstlerischer
Treibstoff ist – sie wohnt dem utopischen Denken in seiner Unmöglichkeit
sogar inne. Oder um Entdeckungen längst verschwunden geglaubter Wesen, wie
etwa einer alten schamanischen Katze vor Aldi Nord in einem Gedicht von
Dominik Dombrowski. Hier kramt das lyrische Ich seinen Tabak hervor „und
verlor sich / im Schlaf des Tiers“. Auch als Leserin verliert man sich
entlang der Verse in Assoziationen, die bildhaft vor dem inneren Auge
erscheinen.
Während die Autor:innen utopischer Erzählungen der vergangenen
Jahrhunderte Entwürfe perfekter Gesellschaften konzipierten, sei es die
Besonderheit der Lyrik, utopische Gedankenspiele in freie Formen zu
bringen, schickt Björn Hayer seiner Gedichtsammlung im Nachwort hinterher:
„Lyrik braucht keine Grammatik, sie schafft sich ihre eigene.“ Tatsächlich
blättert man hier durch eingerückte und entrückte Verse, kämpft sich auch
mal durch „dürre wortwüsten“, aus deren Dünen sich trotz gelegentlicher
Verirrung im Abstrakten immer wieder Erhellendes wie Humorvolles auflesen
lässt. In Julia Trompeters „Sonnenwende“ etwa „murmeln multiple Metaphern /
ungefragte Worte in den Schoß“ und aus den „Stoppelfeldern“ wird eben mal
der „Stotterfehler“.
## Die Sprache als Architektur
Die Anthologie bündelt einen ausgewogenen Kanon poetischer Stimmen der
Gegenwart: Neben prominenten Literatinnen wie Esther Kinsky oder [2][Marion
Poschmann] mit ihrem titelgebenden Gedicht liest man auch von
Newcomer:innen. Nasima Sophia Razizadeh etwa schreibt in fließenden
Sprachbildern von der Dichtung als „Vorhof eines ungebauten Hauses“.
Die Sprache wird hier gewissermaßen zur Architektur der Utopie. „Ich bau
eine Stadt / aus Sätzen nicht zu betreten“, schreibt auch [3][Mirko Bonné].
Das Unzugängliche steckt ja bereits im Wort „Utopie“, das sich aus dem
Altgriechischen mit „Nicht-Ort“ übersetzen lässt. Und doch nähert man sich
durch die Gedichte den Koordinaten des Utopischen, schlängelt sich am
Türsteher vorbei, den das Lyrische Ich bei Martin Piekar noch fürchtet. Und
vielleicht, so legen die Texte auf unterschiedliche Weise nahe, befinden
wir uns dann schon mittendrin, in der gelebten Utopie. Denn auch aus den
„schmalblättrigsten Trümmerblumen“, wie Razizadeh schreibt, lässt sich noch
ein Strauß pflücken.
Utopie, so macht diese gelungene lyrische Sammlung spürbar, birgt
Zuversicht. Um wiederum nicht anfällig für ideologisches Denken zu werden,
müssen wir uns in Hoffnung üben, schrieb schon der Philosoph Ernst Bloch.
In seinem „Prinzip Hoffnung“ befasste er sich als einer der ersten
Theoretiker umfassend mit der Utopie in der modernen Gesellschaft.
Das Prinzip der Hoffnung als ambivalenter Zustand: Vom „Hoffnungsschlimmer“
schreibt Manon Hopf, und man liest zweimal, um diesen gewitzten Neologismus
zu verstehen. In einer Zeit, in der die Gegenwartslyrik viel Düsteres,
Abgründiges vorweist, macht der Band auf die hellen Stimmen aufmerksam,
ohne zu verklären.
23 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Ella Rendtorff
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