URI: 
       # taz.de -- Party für Millennials: Aura wieder aufgeladen
       
       > Millennials haben Sorge vor der Zukunft, suchen nach der Liebe und
       > günstigen Mietwohnungen. Doch eine gute Party lässt die Sorgen vergessen.
       
   IMG Bild: Viel Krise, aber auch Liebe liegt in der Luft
       
       Letztens bin ich auf einer Party eingeladen. Es ist der 40. Geburtstag
       einer Freundin, und ich freue mich drauf. Doch als ich vor meinem
       übervollen Kleiderschrank stehe, merke ich mal wieder, dass ich nichts
       Passendes zum Anziehen finde. Nichts! Deshalb trudeln A. und ich dann auch
       zu spät bei meiner Schwester ein.
       
       Ich fühle mich in meinem karierten Trägerkleid und den blauen Plateaucrocs
       mit Blümchenverzierung, die ich wider bessere Ideen trage, wie eine
       Zeichentrickfigur. Meine Schwester sieht in ihrer langen Robe wie immer
       hinreißend aus, aber auch sie wirkt gestresst, immerhin hat sie gerade noch
       schnell ihre Tochter zu einem Kitafreund gebracht.
       
       Auf dem Weg zum Geburtstag überlegen wir, wie A. und ich an diese süße
       Altbauwohnung in Neukölln kommen, die wir über einen Kontakt besichtigt
       haben. Dabei ist nicht mal klar, wer von uns beiden sie beziehen könnte.
       Denn ich liebe meine kleine Butze und kann mir derzeit alleine auch keine
       größere leisten und A. plant zwar, langfristig nach Berlin zu ziehen, ist
       aber momentan nur halbherzig auf der Suche. Und zusammenziehen? „Das kann
       ich mir beim besten Willen noch nicht vorstellen“, sage ich mehrmals im
       Uber, damit es auch wirklich alle verstanden haben, selbst ich, die sich
       über alle Mietmarktzwänge hinweg nämlich doch hin und wieder nach einem
       gemeinsamen Zuhause sehnt.
       
       Einem, das mindestens so viel Platz bietet wie die Erdgeschosswohnung von
       H., die jetzt in der Tür steht und uns begrüßt. Wir übergeben die selbst
       gebastelte Monsterpiñata meiner Schwester. Auf dem Bett lümmeln ein paar
       Gäste, im Innenhof plaudert man angeregt. Es gibt ein mediterranes Buffet
       und literweise Sekt. Ich bin überwältigt von der Großzügigkeit, aber auch
       davon, dass ich endlich mal wieder auf einer Privatparty bin. Denn die sind
       zumindest in meinem Umfeld seltener geworden. Ob es daran liegt, dass jetzt
       alle nur noch Kindergeburtstage feiern, oder daran, dass sie ganz einfach
       keine Kapazitäten mehr für Spaß haben, weiß ich nicht. Und doch, die
       allgemeine Sorge vor der Zukunft ist auch hier omnipräsent.
       
       ## Keine Kinder, keine Arbeit, keine Liebe
       
       Die einen erzählen von ihrer Arbeitslosigkeit, die anderen vom späten
       Kinderwunsch. „Ob ich wirklich bereit dazu bin, ein Kind alleine
       großzuziehen?“, fragt sich F. – J. gibt ihren Dating-Fail mit
       Rennrad-Torben zum Besten: „… und als wir gerade loswollen, zeigt der Typ
       doch ernsthaft auf seine Klickschuhe und sagt: ‚Sorry, hierin kann ich
       nicht laufen, aber ich kann langsam neben dir herfahren.‘ Red flag, red
       flag!“ Großes Gelächter, obwohl es ja eigentlich auch irgendwie traurig
       ist. Besser anekdotisch in die eigene Kindheit hüpfen, die zwar auch nicht
       immer rosig war, aber zumindest in der Vergangenheit liegt. Irgendwann
       steigt T. durchs Fenster und fragt, ob wir etwas mitbestellen wollen –
       gemeint ist weißes Pulver.
       
       Ich trinke zu viel, während nun drinnen ein kleines Grüppchen eine Line
       nach der anderen zieht. Durch H.s liebevoll dekorierten Innenhof wabern
       jetzt Marihuanaschwaden und zeichnen alles weich. Als das Geburtstagskind
       die Piñata zerschlagen hat, stürzen wir uns auf die herausgepurzelten
       Süßigkeiten. T. klagt darüber, dass sie die Jüngeren nicht mehr versteht:
       „Aura? Who the fuck is aura?!“, fragt sie und kriegt eine Lachanfall. Ja,
       als Millennials fühlen sich viele gerade ziemlich abgehängt: als ob man
       nirgendwo wirklich angekommen wäre. Vielleicht sind wir an diesem Abend
       auch deshalb so warmherzig miteinander. Viel Krise, aber auch Liebe liegt
       in der Luft. Neue Freunde gemacht und die Aura wieder aufgeladen.
       
       17 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Anna Fastabend
       
       ## TAGS
       
   DIR Kolumne Midlife Monologe 
   DIR Alltagsleben
   DIR Party
   DIR Mieten
   DIR Kolumne Midlife Monologe 
   DIR Wien
   DIR Kolumne Midlife Monologe 
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Wie Österreich die Hitzewelle erlebt: „Bombay-Wetter“ in Wien
       
       Schwimmen in der Donau, auf dem Fahrrad etwas Grün suchen, die alte Klima
       anschmeißen. Vom verzweifelten Versuch, aus der Hitze in Wien zu fliehen.
       
   DIR Baden in Wien: Sanfte Brise, schwierige Aussichten
       
       Im Wiener Freibad Gänsehäufel streift unsere Autorin den Stress ab. Die
       Aussichten jenseits von Donau und Pappeln sind trüb – wäre da nicht die
       Liebe.
       
   DIR Bandshirts kaufen: Mein Kopf ist wie eine Plastiktüte
       
       Die Kolumnistin geht Bandshirts shoppen und stellt sich die Frage: Darf man
       den Merch einer Band kaufen, deren Musik man kaum kennt?