# taz.de -- Die Wahrheit: Simpel in Südhessen
> Bundeskulturmini Wolfram Weimer will das „Literarische Wort des Jahres“
> küren, doch die Presse schweigt ihn tot. Bis auf eine Ausnahme.
IMG Bild: Verkündet einen Geniestreich: Wolfram Weimer Foto: dpa
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer tut einem beinahe leid. Seit über einem
Jahr fallen Öffentlichkeit und Presse über ihn her, sobald er nur den Mund
aufmacht. Da er es dabei freilich nicht belässt, sondern anschließend meist
dumme Sachen sagt und selbstherrliche Entscheidungen verkündet, rapportiert
die Medienwelt inzwischen nur das Nötigste und Skandalträchtigste aus dem
Haus des Kanzlerkumpels. Ansonsten breitet sie den Mantel des Schweigens
über sein Wirken aus.
Das ist freilich schade. Dabei gehen möglicherweise wichtige und wertvolle
Impulse unter, die der hochgewachsene Reaktionär der deutschen Kultur zu
geben vermag. Gut beobachten ließ sich dies anlässlich einer Tagung im
südhessischen Gelnhausen, bei der Weimer zur Jahresmitte mit einem kühnen
Vorstoß glänzte. Über diesen mochte allerdings lediglich die Gelnhäuser
Neue Zeitung berichten – wahrscheinlich auch nur, weil die Kreisstadt
zwischen Frankfurt und Fulda mit rund 20.000 Einwohnern Geburtsort des
halbseidenen Ex-Verlegers ist.
In Gelnhausen wurde jedoch auch der große deutsche Barockautor Hans Jakob
Christoffel von Grimmelshausen geboren, weshalb die
Grimmelshausen-Gesellschaft ihre Tagung zum 350. Todestag des
Schriftstellers dort abhielt. Diese Gelegenheit nutzte wiederum Schöngeist
Weimer, um spontan eine geniale Idee zu präsentieren. Erstaunt schrieb die
Gelnhäuser Neue Zeitung im späten Juni: „Das ‚Unwort des Jahres‘ soll
Konkurrenz bekommen: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer schlägt ein
'Literarisches Wort des Jahres’ vor.“
## Geistesblitz in Gelnhausen
Dass der Staatsminister damit bei sämtlichen Anwesenden für eine
Riesenüberraschung sorgte, konstatierte das Blatt ebenso verblüfft: „Denn
dass eben jene Grimmelshausen-Gesellschaft als Jury auserkoren wurde,
erfuhr sie erst vor Ort.“ Wahrscheinlich, weil Weimer, typisch
Kulturmensch, den Geistesblitz erst in allerletzter Sekunde hatte!
Die Gelnhäuser Neue Zeitung konnte er mit seinem inspirierenden Einfall
jedenfalls hellauf begeistern; über das „Unwort des Jahres“ (2025 hieß es
„Sondervermögen“) berichtet sie ja ebenfalls gern: „Die Idee, künftig das
'Literarische Wort des Jahres’ zu küren, soll wieder die Lust an der
Literatur steigern und Debatten auslösen. In einer Zeit, in der das
literarische Erbe laut Weimer im Zeitgeist zu verblassen drohe.“
Den Vorsitzenden der Grimmelshausen-Gesellschaft und die wissenschaftliche
Organisatorin der Tagung habe er jedenfalls „noch vor Ort“ in sein Vorhaben
eingeweiht und sie damit ohne Umschweife auf seine Seite gezogen. Gewiss
auch, weil Weimer dabei „betonte, dass die Grimmelshausen-Gesellschaft
besonders geeignet sei, das 'Literarische Wort des Jahres’ zu küren“.
Ihr Namenspatron hatte nämlich 1668 mit dem „Abenteuerlichen
Simplicissimus“ nicht nur den ersten deutschen Schelmenroman vorgelegt, in
welchem ein Einfaltspinsel im Dreißigjährigen Krieg zum Schlingel und
desillusionierten Greis reift, sondern sei, wie die Zeitung Weimer zitiert,
ihm auch aus anderen Gründen ans Herz gewachsen: „Grimmelshausen war ein
Wortlustiger, ein Neologist, der Freude an der Sprache hatte“ – woran sich
der Minister ein wortlustiges Beispiel nahm und gleich fröhlich mit Sprache
zu experimentieren begann: „Daher hätte ich einen Vorschlag in die Runde,
dass wir gemeinsam, Sie als Gralshüter Grimmelshausens, von mir politisch
konfiguriert und mit größerer Sichtbarkeit versehen, ex positivo das
literarische Wort des Jahres küren.“
## Unfreundliche Bezeichnung
Dieses Wort könne, dem Blatt zufolge, „ebenso literaturhistorisch wie aus
dem Bereich der Gegenwartsliteratur gewählt sein“. Aber zum Glück nicht aus
dem Journalismus! Sonst hätte jeder prompt an „Windbeutel“ gedacht, die
unfreundliche Bezeichnung, mit der Weimer im vergangenen November von
FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube bedacht worden war.
Alle Gelehrten sind sich einig: Das Wort „Windbeutel“ taugt objektiv dazu,
die Lust an der Literatur zu steigern und Debatten auszulösen. Doch der
Bundesbeauftragte für Kultur hatte sich mal wieder voreilig auf Literatur
festgelegt und darf sich also nicht beklagen, wenn man ihn selbst nach
einem solchen Spitzenvorschlag für einen Schaumschläger hält, der Debatten
lieber abwürgt als auslöst.
Gottlob jedoch endete wenigstens das Gastspiel des Ministers in der
Kleinstadt versöhnlich: „Bei der Eintragung ins Goldene Buch betonte
Weimer, dass ihn diese Ehre mit Stolz erfülle. ‚Es gibt keine Zukunft ohne
Herkunft‘, schrieb er. ‚Gelnhausen ist die große kulturelle Herkunft
unseres Landes, für mich ist es das Gehäuse des Herzens.‘“
Nur ein Narr könnte dem widersprechen!
17 Jul 2026
## AUTOREN
DIR Mark-Stefan Tietze
## TAGS
DIR Wolfram Weimer
DIR Kulturpolitik
DIR Literaturbetrieb
DIR Wettbewerb
DIR Reden wir darüber
DIR Satire
DIR Social-Auswahl
DIR Kolumne Die Wahrheit
DIR Nachrichten
DIR deutsche Küche
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Die Wahrheit: Alles cremig
Im Gegensatz zu den knallharten Ansagen des Kanzlers lieben die Verbraucher
nicht nur auf dem Feld der Genüsse die geschmeidig lockere Konsistenz.
DIR Die Wahrheit: Schrottboykott auf allen Kanälen
Immer mehr Leute verzweifeln am Nachrichtengeschehen: Sie schalten ab oder
gar nicht erst ein! Zu Besuch bei Informationsverweigerern.
DIR Die Wahrheit: Krauts will be Krauts
Deutschland gärt! Und dass alle sauer sind, das hat mit einer
traditionellen Konservierungsmethode zu tun.