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       # taz.de -- Koloniale und NS-belastete Straßennamen: Erinnerungspolitischer Straßenkampf
       
       > Im Hamburger Bezirk Harburg blockieren CDU, AfD, FDP und fraktionslose
       > SPDler die Umbenennung von Straßennamen – obwohl Studien Verstrickungen
       > belegen.
       
   IMG Bild: Während des NS war Albert Schäfer Vorstandsvorsitzender der Phoenix-Gummiwerke: Schriftzug auf dem Dach der Werke in Hamburg-Harburg
       
       Wie geht eine Stadtgesellschaft mit einem Erbe um, das auf Zwangsarbeit und
       kolonialer Ausbeutung gründet? Während in anderen Hamburger Bezirken
       [1][koloniale Kontinuitäten und NS-Verstrickungen differenziert
       aufgearbeitet werden], hat die Bezirksversammlung Harburg kurz vor der
       Sommerpause ein anderes Signal gesendet: Mit den Stimmen von CDU, AfD, FDP
       und fraktionslosen SPD-Abgeordneten wurde Anfang Juni die Umbenennung des
       Albert-Schäfer-Wegs und der Gaiserstraße blockiert. Beantragt hatten die
       Umbenennung die Grünen, die Linke und die SPD.
       
       In der Bezirksversammlung Harburg gibt es fraktionslose SPD-Abgeordnete,
       weil im Mai 2025 fünf Mitglieder aufgrund von parteiinternen Zerwürfnissen,
       wiederholtem Fernbleiben bei Abstimmungen und Vorwürfen der Kooperation mit
       der AfD [2][aus der Fraktion ausgeschlossen wurden].
       
       Die CDU feiert die Blockade der Umbenennung als Erfolg gegen „ideologisch
       begründete Anträge“. Dabei war die Grundlage für den Beschluss das Ergebnis
       jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit. Auf Initiative der Linksfraktion aus
       dem Jahr 2021 wurde eine Untersuchung angestoßen, deren Ergebnis der
       [3][Abschlussbericht „Koloniales Harburg“] der Historiker:innen Annika
       Bärwald und Yves Schmitz ist. Erst vor einigen Wochen stellten sie den
       Bericht im Harburger Kulturausschuss vor.
       
       Die Stadt Hamburg hat zudem eine [4][wissenschaftliche Expertenkommission
       eingesetzt], um [5][Straßennamen auf ihre Verstrickungen in die Zeit des
       Nationalsozialismus und den Kolonialismus zu untersuchen]. Ziel der
       Kommission ist es, eine kritische Auseinandersetzung mit der lokalen
       Erinnerungskultur anzustoßen.
       
       ## Aktiv in Zwangsarbeit und „Arisierung“ involviert
       
       Für den Bezirk Harburg empfahl das Gremium [6][die Umbenennung des
       Albert-Schäfer-Wegs]. Der Antrag zur Umbenennung der Gaiserstraße gründet
       zudem auf der aktuellen Harburger Studie.
       
       Die Forschung zeigt, dass Albert Schäfer, ehemaliger Vorstandsvorsitzender
       der Phoenix-Werke, [7][nicht nur ein Profiteur des nationalsozialistischen
       Systems] war. Historische Unterlagen belegen den Einsatz von
       Zwangsarbeiter:innen im Betrieb.
       
       Zudem wird Schäfer eine aktive Rolle bei der „Arisierung“ zugeschrieben,
       insbesondere im Fall seines ehemaligen jüdischen Geschäftspartners Max
       Goldschmidt, der aus dem Unternehmen gedrängt wurde. Der Antrag zur
       Umbenennung des Albert-Schäfer-Weges sah vor, die Straße in
       Max-Goldschmidt-Weg umzubenennen und den historischen Hintergrund mit einer
       Informationstafel deutlich zu machen.
       
       Die Phoenix-Werke waren über Jahrzehnte das industrielle Herz Harburgs. Sie
       prägten nicht nur die wirtschaftliche Identität des Stadtteils, sondern
       auch dessen städtebauliche und soziale Struktur maßgeblich. Als einer der
       größten Arbeitgeber der Region bestimmte das Unternehmen das tägliche Leben
       Zehntausender Menschen.
       
       ## Grüne und Linke kritisieren Relativierung von Verbrechen
       
       Die Gaiserstraße ist nach dem [8][Harburger Kaufmann Gottlieb Leonhard
       Gaiser] benannt. Er wird in lokalen historischen Darstellungen wie
       Festschriften und Firmenchroniken oft als Wohltäter rezipiert. Die
       Expertenkommission verweist jedoch auf seine zentrale Rolle in der
       kolonialen Wirtschaft Westafrikas. Nach Angaben der Kommission beruhte der
       geschäftliche Erfolg Gaisers auf Systemen, die lokale Produzent:innen
       in wirtschaftliche Abhängigkeit gebracht und die Souveränität afrikanischer
       Gesellschaften untergraben haben.
       
       Enja Knipper, kulturpolitische Sprecherin der Grünen, kritisiert die
       Ablehnung der Umbenennung scharf. „Wer die Empfehlungen einer unabhängigen
       wissenschaftlichen Kommission als ‚rein ideologisch‘ bezeichnet,
       relativiert koloniale und nationalsozialistische Verbrechen und verhöhnt
       historisch fundierte Erinnerungskultur“, sagt Knipper. Die Ehrung von
       Nazi-Profiteuren und kolonialen Ausbeutern sei höchst ideologisch, „ein
       Klammern an den Status Quo“.
       
       Die eigentliche Frage sei aber nicht, ob eine Umbenennung unbequem ist,
       sondern „ob Harburg weiterhin Menschen ehren will, die sich durch
       Zwangsarbeit, Verfolgung, ‚Arisierung‘ und Kolonialverbrechen bereichert
       haben“, teilt die grüne Fraktion weiter mit.
       
       Auch die Linksfraktion kritisiert die Blockade der Umbenennungen scharf.
       „Es ist ein geschichtspolitischer Offenbarungseid, wenn die CDU die
       dringend notwendige Umbenennung der Gaiserstraße als ‚Ideologie‘ abtut“,
       sagt Heiko Langanke, ständiger Vertreter der Fraktion im Kulturausschuss.
       „Wer im Angesicht dieser wissenschaftlichen Fakten von einem ‚Erfolg für
       Harburg‘ spricht, betreibt bewusste koloniale Amnesie.“
       
       Das Abstimmungsverhalten einer Mehrheit rechts von der SPD mache deutlich,
       dass wissenschaftliche Erkenntnisse parteipolitischen Befindlichkeiten
       geopfert worden seien, so Langanke.
       
       Auch Simon Dhemija, der ebenfalls für die Linke im Kulturausschuss sitzt,
       kritisiert die Entscheidung deutlich. „Dass die CDU nun blockiert und sich
       stolz mit der Verhinderung fortschrittlicher Erinnerungskultur schmückt,
       ist bitter für den Bezirk“, sagt er. „Doch wir lassen uns nicht entmutigen.
       Der Bericht ist da und die Fakten liegen auf dem Tisch.“
       
       Der Kulturausschuss werde auch nach der Sommerpause ein zentraler Ort
       bleiben, „an dem wir gemeinsam mit Schulen, Geschichtswerkstätten und der
       Zivilgesellschaft für eine sichtbare und ehrliche Aufarbeitung kämpfen
       werden“. Die Debatte über Harburgs koloniales Erbe sei nicht beendet, „sie
       fängt jetzt erst an“, verspricht Dhemija.
       
       16 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
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