# taz.de -- Fußball bewegt Palästina-Frage: Stimmen der Diaspora
> Auch wenn es in deutschen Medien sonst kaum vorkommt: Propalästinensische
> Proteste bewegen Fußballfans auch während der WM. Nicht nur dank Ägypten.
IMG Bild: Sieht fast aus, als ob er sich hinter der Fahne verstecke: Hossam Hassan, Trainer Ägyptens
Es war Hossam Hassan, der die Debatte um den Gazakrieg auf den WM-Rasen
getragen hat. Zwei Bilder blieben von Ägyptens Trainer in Erinnerung: wie
er einen Sieg mit Palästina-Flagge feiert. Und, kontroverser, wie er vor
einer Israel-Flagge argentinischer Fans ausspuckt. In einer Pressekonferenz
sagte Hassan: „Wer kein Mitgefühl mit den Palästinensern hat, ist nicht
menschlich. Meine Botschaft ist: Bitte respektiert das Recht der
Palästinenser, zu leben.“ Immer wieder zeigten Fans die Flagge oder
skandierten auf Fanmärschen. Schon vor der WM hatte Spaniens Lamine Yamal
die Barca-Meisterschaft mit Palästina-Flagge gefeiert.
Nein, die Lage in Gaza und im Westjordanland ließ sich nicht von der WM
fernhalten. Auch wenn sie in den deutschen Ethikdebatten ums Turnier nicht
stattfand. Angesichts der Empörung um Russland und Belarus war dieser
Nicht-Diskurs vielsagend. Gastgeber USA finanziert maßgeblich Israels
Kriegsverbrechen, die fortlaufende Besatzung, Vertreibung und Ermordung von
Palästinenser:innen.
NGOs wie Amnesty International, Human Rights Watch, B'Tselem und
Untersuchungskommissionen der UN sowie viele Genozidexpert:innen
sehen bei Israel als Reaktion auf das Massaker der islamistischen Hamas vom
7. Oktober 2023 zudem fortlaufenden Völkermord. Die Fifa laviert auf dem
Weg des geringsten Widerstands. Sie tolerierte Flaggen und Statements, aber
weigert sich, Israel zu sanktionieren und kooperiert mit Trumps
„Friedensrat“ in Gaza.
Selten dazu befragt wurden jüdische, israelische, arabische oder
palästinensische Stimmen. In den USA lebt eine große palästinensische
Diaspora, laut einer Erhebung 2023 sind es rund 160.000 Menschen. Wie haben
sie die letzten drei Jahre erlebt? Was macht das mit ihren Gefühlen zu den
USA? Und wie verfolgten sie die WM-Debatten?
## Nie Arabisch
Lange, sagt Carlton French, habe er kaum Bindung zu seinen Wurzeln gehabt.
Der 31-Jährige ist in Atlanta aufgewachsen, doch seine Mutter sei
Palästinenserin und nach dem Sechstagekrieg 1967 emigriert. „Meine Mutter
hat nie Arabisch mit uns gesprochen. Ihre christlich-palästinensischen
Eltern hatten überlebt und Angst vor Konflikten. Meine Mutter wusste, dass
Sicherheit bedeutet, sich anzupassen.“
Doch im Herbst 2024 habe die Mutter palästinensische Traditionen bei der
Hochzeit seiner Schwester eingebracht. „Da wurde mir klar: Wenn wir nichts
tun, wird das mit unserer Generation verschwinden. Und als gleichzeitig in
Gaza der Völkermord geschah, dachte ich: Das hätte mich treffen können. Zum
ersten Mal habe ich nach einer arabischen Community gesucht.“
Weil Carlton French keine fand, gründete er selbst eine, die [1][Atlanta
Arab Americans] für Menschen in ihren 20ern oder 30ern. Rund 800 Mitglieder
gebe es mittlerweile. Viele Palästinenser:innen in den USA hätten
sich seit den Gräueln in Gaza mehr für ihre Wurzeln interessiert. „Ich
nehme mir seitdem US-Freiheiten wie Redefreiheit mehr zu Herzen. Ich bin
mutiger darin, palästinensische Identität auszudrücken.“
Bei einem WM-Spiel in Atlanta habe er einen Fan mit Palästina-Flagge
angesprochen, einen Mexikaner aus Los Angeles. „Oft sind Palästinenser
selbst weniger laut wegen der Traumata der Unterdrückung.“ Was Hassans
Ausspucken vor Israels Flagge angeht, „hätte ich lieber zivilisierten
Dialog. Auch, wenn man Israels Ideologie nicht mag, würde ich der Person,
die die Flagge trägt, eher Liebe schenken.“
## Across the Divide
„Sollen wir uns wirklich über Hossam Hassan aufregen oder über die, die ihn
mit einer Israel-Flagge provozieren?“, fragt hingegen Daniel Bannoura.
Bannoura ist im Westjordanland aufgewachsen und lebt seit 16 Jahren in den
USA. Er ist Theologe und hostet den palästinensischen [2][Podcast „Across
the Divide“], der Gespräche zu Palästina und Israel ausspielt. „Für viele
Menschen steht die Flagge für Vorherrschaft, Gewalt, Genozid und
Apartheid“, sagt er.
„Sie wurde benutzt, um das Land meiner Leute zu stehlen und Freunde von mir
zu töten. Die Leute sollten über den Völkermord aufschreien und nicht über
das, was ein Trainer getan hat. Das ist fehlgeleitete Wut.“ Einen Boykott
der WM hält Bannoura für wenig zielführend. Sportliche Sanktionen gegen
Israel aber durchaus. „Wenn Russland ausgeschlossen ist, warum nutzen wir
Doppelstandards?“
Er fühle eine große Dissonanz, sagt Bannoura. „Als Migrant verliebst du
dich in den Staat, du willst die Versprechen erleben, Freiheit und
Menschenrechte. Aber es ist hart, gleichzeitig zu sehen, wie er deine
Heimat zerstört und deine Freunde tötet.“
Den Podcast habe er bald nach dem 7. Oktober gegründet. „Ich fühle
Verzweiflung und Trauer, Wut und Verletzung. Aber auch Hoffnung und
Ermutigung von Verbündeten.“ Auch er sehe eine Entwicklung in den USA hin
zu mehr Verständnis und Interesse an Frieden. „Meine Position ist ein Staat
für beide mit gleichen Rechten. Wir müssen diese Idee von Nationalstaaten
loswerden, die durch ethnische Zugehörigkeit oder Religion definiert sind.“
Wer die WM vor Ort verfolgte, konnte sehr unterschiedliche Stimmungen
erleben. In Mexiko, wo Palästina-Solidarität weit verbreitet ist, trugen
Aktivist:innen oft selbstverständlich palästinensische Flaggen. Doch in
Gesprächen ging es eher um lokale Themen. In den Stadien zeigten vor allem
marokkanische, katarische und bosnische Fans Palästina-Flaggen. Bei Spielen
Irans zeigten Fans auch Israelflaggen. In der K.-o.-Phase schrumpfte das
Thema. Vielleicht zwei oder drei Palästina-Flaggen sah man vor allem nach
Spielende im Stadion, hin und wieder eingekleidete Fans. Auffällig indes,
dass Marokkos Team sich diesmal nicht äußerte.
## Leichter in Charlotte
Bei der WM unterstützte Mira Farah Ägypten. „Ägypten hat so wundervoll
Palästina repräsentiert. Aber ich wünschte, Palästina würde spielen, damit
wir unser Talent und unsere Kultur zeigen können.“ Mira Farah ist
Aktivistin in Charlotte, North Carolina. Ihr verstorbener Vater sei
Palästinenser aus Jerusalem gewesen und während der Nakba 1948 vertrieben
worden. Mira Farah wuchs in Ägypten auf und kam mit 11 Jahren in eine
US-Kleinstadt. „Es war hart. Die Kinder fragten: Lebst du in einer
Pyramide? Reitest du auf dem Kamel zur Schule? Ich wurde gemobbt.“
In Charlotte sei es leichter. Auch sie nennt Gaza als Schlüsselerlebnis.
„Ich wusste vorher nicht, wie schlecht die Lage der Palästinenser ist. Die
Medien hier zeigen nicht, was vor sich geht. Ich habe nach dem Beginn des
Völkermords einfach das Bedürfnis gefühlt, mich mit meinen Leuten zu
verbinden.“ Sie gründete eine arabische Gruppe und geht auf
propalästinensische Demos.
Mal nach Palästina zu reisen, sei ihr Traum, die meisten Verwandten lebten
in der Diaspora. „Es ist sehr hart als Palästinenserin hier. Ich zahle
meine Steuern an mein Land, um meine eigenen Leute zu töten.“ Die
Unterstützung für Israel müsse aufhören, das sei ihre wichtigste Forderung.
Aber Farah fühle sich hilflos gegenüber der Politik, die weitermache, egal,
wie die Stimmung in der Bevölkerung sei. „Und wenn die Leute sagen: Ich war
in Israel, sage ich: Okay, verstanden, du warst in Palästina.“
## Kompensation
Der aus Gaza stammende Autor Ahmed Fouad Alkhatib, Senior Fellow der
Denkfabrik Atlantic Council, [3][kritisierte in der taz die Folgen] jener
Schuldgefühle, die auch Gesprächspartner:innen äußern. „Die
palästinensische Diaspora hat sich viel stärker radikalisiert als die
Palästinenser in Gaza“, glaubt er. „Viele Palästinenser in der Diaspora
fühlen sich schuldig, weil sie rausgekommen sind und mehr Möglichkeiten
haben. Das veranlasst einige dazu, das schlechte Gewissen zu kompensieren,
indem sie eine radikalere Haltung einnehmen.“
Überdurchschnittlich viele Palästinenser:innen in den USA sind
Christ:innen. Wie Sameer Dabit, Sohn palästinensischer Einwanderer und
Pastor aus Kalifornien. „Christlicher Zionismus hat das Christentum
gekapert“, sagt er. Die letzten Jahre hätten viel mit seiner
Selbstidentität als US-Amerikaner gemacht. „Ich liebe die USA. Aber es hat
meine Augen mehr geöffnet dafür, wie unser Land gegründet wurde – ähnlich,
wie sie sich jetzt gegenüber meinen Leuten verhalten. Ich habe jetzt mehr
Empathie mit Indigenen.“
„Wir sind nicht mehr dieselben Menschen wie vorher“, sagt Arwa Mahdawi,
palästinensischstämmige Autorin aus New York. „Im ersten Jahr war jeder Tag
so schmerzhaft, Grauen auf Grauen zu sehen. Und jetzt ist es noch
schmerzhafter, weil das Grauen weitergeht, aber man fühlt sich abgestumpft.
Es ist schrecklich, zu lernen, mit einem Völkermord zu leben und produktiv
zu sein und sich zu fragen, was das mit der Menschheit macht.“
Hoffnung gebe ihr der öffentliche Meinungswandel. Und auch ein wenig, was
während der WM geschah. „Es ist großartig, dass die Leute die Solidarität
am Leben halten. Es ist wichtig für die Leute in Gaza zu sehen, dass sie
nicht vergessen sind, während sie gerade so überleben.“
16 Jul 2026
## LINKS
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DIR [2] https://open.spotify.com/show/5PrVCyafdQdh8Jpz5gZNyR
DIR [3] /Aktivist-ueber-Frieden-im-Nahen-Osten/!6038243
## AUTOREN
DIR Alina Schwermer
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