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       # taz.de -- Besetzte Golanhöhen: Will Israel Siedlungen in Syrien errichten?
       
       > Laut UN und Amnesty hat Israel Häuser im syrischen Quneitra zerstört und
       > Menschen vertrieben. Siedler wollen sich auf dem besetzen Gebiet
       > niederlassen.
       
   IMG Bild: Israelische Streitkräfte bei Graben- und Befestigungsarbeiten in Quneitra in Syrien im Mai 2026
       
       „Wir waren zu Fuß. Sie ließen uns glauben, dass sie uns nur ein paar Fragen
       stellen wollten“, beschreibt der syrische Anwalt Muhammad al-Fayyad seine
       Festnahme durch israelische Streitkräfte am 8. Januar 2025. In der kleinen
       westsyrischen Küstenstadt al-Hamidiya, [1][nahe der Grenze zum Libanon],
       war damals auch der französische Journalist [2][Sylvain Mercadier] mit ihm
       unterwegs.
       
       Statt Fragen zu stellen, schlugen die Soldat:innen al-Fayyad und
       Mercadier. Sie brachten die beiden nach Quneitra auf den von Israel
       besetzten Golanhöhen und verhörten sie dort stundenlang, beschlagnahmten
       Speichermedien und Arbeitsausrüstung, zerstörten ihre Smartphones.
       Mercadier schrieb auf X: „Uns wurden Handschellen angelegt und die Augen
       verbunden; wir wurden bedroht und gedemütigt.“ Al-Fayyad sei mit einem
       Gewehr gegen den Kopf geschlagen worden, ihn selbst habe man verprügelt,
       als er bereits am Boden gelegen habe.
       
       Zu dem Vorfall erklärte das israelische Militär damals, der Journalist und
       sein Fixer – ein Kundiger, der Medien bei der Recherche vor Ort unterstützt
       – seien festgenommen worden, weil sie den Soldat:innen zu nahe kamen.
       Die Streitkräfte hätten sie verhört und sie anschließend mit ihrer
       Ausstattung freigelassen. Geräte beschlagnahmt oder zerstört zu haben,
       bestritt das Militär.
       
       Das war einen Monat nach dem Fall des Regimes des ehemaligen syrischen
       Autokraten Baschar al-Assad. Heute sieht die Lage in den syrischen
       Grenzgebieten zu Israel nicht viel besser aus. Wie Muhammad al-Fayyad
       gegenüber der taz erklärt, seien gut 100 Männer in den anderthalb Jahren in
       Quneitra von israelischen Soldat:innen verhaftet worden. Die Hälfte sei
       inzwischen wieder auf freiem Fuß, der Rest sitze in israelischen
       Gefängnissen.
       
       ## UNO bestätigt Vorfälle
       
       Zudem sollen 20 Wohnhäuser in dem Gebiet abgerissen sowie Quadratkilometer
       Agrarland beschlagnahmt und teilweise mit Bulldozern eingeebnet worden
       sein. „Die Situation hier ist sehr schlecht, weil die israelische Armee
       andauernd einfällt. Die Soldat:innen benehmen sich aggressiv und
       errichten Checkpoints“, so der Anwalt.
       
       Aussagen von Menschenrechtsorganisationen bestätigen die Schilderungen. Vor
       zweieinhalb Monaten sagten die Vereinten Nationen, ihnen lägen Berichte
       über „verstärkte Belästigungen und Einschüchterungen durch israelische
       Streitkräfte im Süden vor“. Außerdem seien Kontrollpunkte errichtet, Häuser
       durchsucht und Menschen verhaftet worden. Es bestehe Lebensgefahr, die
       Einkommen der Menschen hätten darunter gelitten. Das verletzt das
       humanitäre Völkerrecht.
       
       Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International ging noch weiter und
       sprach von möglichen Kriegsverbrechen. Mindestens 23 Wohnhäuser habe das
       Militär in der Region „absolut ohne militärische Notwendigkeit“
       niedergerissen, die Bewohner:innen vertrieben. Auch soll das Militär
       laut mehreren Quellen Felder mit Chemikalien besprüht haben. Laut der
       syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gab es seit Dezember 2024
       mindestens 879 israelische militärische Operationen in Quneitra und dem
       nahegelegenen Dara’a, inklusive Luftangriffen. Neun Militärbasen sind dort
       errichtet worden.
       
       Die israelischen Streitkräfte bezeichnen ihr Vorgehen als
       „Verteidigungsoperation“, um Bedrohungen abzuwenden, und erklären, man
       bemühe sich, den Alltag der Einwohner:innen der Region nicht zu
       beeinträchtigen. Sie behaupten, lediglich Terrorverdächtige zu verhaften.
       
       ## Hisbollah nutzt angeblich Schmuggelrouten durch Syrien
       
       Vor wenigen Tagen sind israelische Truppen laut der syrischen
       Nachrichtenagentur Sana ins Dorf al-Asha nahe Quneitra eingedrungen und
       haben dort ein Wohnhaus sowie ein Lagerhaus durchsucht. Ende Juni sind
       israelische Soldat:innen nach eigenen Angaben in Syrien unter Beschuss
       geraten und haben aus einem Helikopter heraus sowie mit Granaten
       zurückgeschossen. Die syrische Regierung verurteilte die Aktion, die
       „Zivilist:innen“ terrorisiere. Bei einer Militäroperation einen Tag zuvor
       seien zwei bewaffnete Männer durch israelischen Streitkräfte getötet
       worden.
       
       Immer mal wieder haben israelische Politiker der Hisbollah vorgeworfen,
       Schmuggelrouten in Südsyrien zu nutzen oder dort präsent zu sein. Das
       Militär begründet seine Einsätze oft mit der Vernichtung von Waffen. Seit
       den Kämpfen zwischen Drusen:innen und Sunniten:innen vor einem Jahr
       rechtfertigt das Land sein Vorgehen auch mit dem Schutz der drusischen
       Minderheit.
       
       Syriens Vertreter beim UN-Sicherheitsrat hat indes jüngst erklärt, Israels
       Präsenz in der Region sei ungerechtfertigt. Die neue syrische Regierung
       kritisierte die Interventionen, betonte aber gleichzeitig, man wolle keinen
       Krieg mit dem Nachbarland.
       
       Als die taz wenige Monate nach dem Fall des Regimes in der Region nahe
       Dara’a unterwegs war, berichteten Einwohner:innen von Übergriffen. Sie
       räumten aber auch ein, selbst zu den Gewehren gegriffen zu haben, um ihr
       Land gegen eine Invasion zu verteidigen. Dabei seien mehrere Menschen
       gestorben, Unbeteiligte wurden verletzt.
       
       Eine 40 Jahre alte Frau verlor ihren rechten Fuß bei einem Luftangriff. Ein
       junger Mann wurde bei einer friedlichen Demonstration angeschossen und kann
       seitdem nicht mehr gehen. Das israelische Militär sprach damals von einer
       „Bedrohung“. Eine Fixerin erzählte, sie bringe ungern
       Journalisten:innen in die Nähe der israelischen Militärbasen, da die
       Soldaten:innen letztes Mal Warnschüsse abgegeben hätten.
       
       ## Israel drang 2024 wieder in Pufferzone vor
       
       Die Grenzgebiete rund um Quneitra und westlich von Dara’a sind Teil des
       syrischen Staates. Noch weiter westlich erstreckt sich der seit 1967 von
       Israel besetzte und seit 1981 völkerrechtswidrig annektierte Teil der
       Golanhöhen. Dazwischen trennte lange Zeit eine demilitarisierte Pufferzone
       die beiden Länder.
       
       Doch mit dem Sturz Assads sind israelische Truppen in die Pufferzone und
       weiter vorgedrungen. Etwa 235 Quadratkilometer stehen laut Schätzungen
       inzwischen unter israelischer Kontrolle. Im Januar 2025 sagte
       Verteidigungsminister Israel Katz, Israel plane, auf unbestimmte Zeit in
       Syrien zu bleiben. Das soll dazu dienen, Bedrohungen aus Südsyrien
       abzuwenden und das Gebiet zu entmilitarisieren. Kürzlich hat das Militär
       laut Medienberichten einen Metallzaun auf Agrarland errichtet.
       
       Auf ziviler Ebene bereiten sich [3][israelische Siedlergruppen] gerade
       darauf vor, [4][sich in der Region niederzulassen] – oder darauf, es
       zumindest zu versuchen. In einer Whatsapp-Gruppe, die sich „Die Pioniere
       von Baschan“ nennt, werden Siedler gefeiert, die sich am Donnerstag seit 24
       Stunden auf dem Hermon-Berg in Syrien illegal aufhielten. Diese wollen
       „Aufbau- und Aufbereitungsarbeit“ für eine neue Siedlung leisten.
       
       Das ist nicht das erste „Abenteuer“ der Pioniere. Ziel der Gruppe ist es,
       im biblischen Baschan-Gebiet, das Teile Syriens mit einschließt, jüdische
       Siedlungen zu errichten. Bislang wurden sie von israelischen Streitkräften
       aufgehalten und auf den annektierten Teil der Golanhöhen zurückgebracht.
       Das Militär verurteilt die Aktionen der Siedler. In letzter Zeit haben sich
       jedoch mehrere hochrangige Politiker mit der Gruppe getroffen.
       
       ## Militär soll Siedlerprojekt zugestimmt haben
       
       Im April haben die „Pioniere“ ein gemeinsames Bild mit
       Kommunikationsminister Schlomo Karhi gepostet. Auf eine Anfrage der taz hat
       er bislang nicht reagiert. Im Mai haben sich Vertreter:innen mit
       Kulturgutminister Amichai Eliyahu und weiteren Parlamentarier:innen
       getroffen. Im Juni soll dann Karhi auf einer Konferenz dafür plädiert
       haben, Syrien und den Libanon unter israelische Kontrolle zu bringen.
       
       Siedler eines staatlich mitfinanzierten Vereins haben im Juli eine Farm mit
       140 Kühen in der Pufferzone westlich von Dara’a etabliert. Laut dem
       Gründer, der sich im Interview mit dem Medium „Ynet“ äußerte, soll dies
       syrische Schäfer:innen und Einwohner:innen fernhalten und so die
       Sicherheit des benachbarten IDF-Militärpostens garantieren. Das Militär
       soll dem Plan zugestimmt haben.
       
       Vor wenigen Tagen legte [5][US-Präsident Donald Trump] Israels Premier
       Benjamin Netanyahu offenbar nahe, aus Syrien abzuziehen. Muhammad
       al-Fayyad, der syrische Anwalt, wünscht sich jedenfalls, dass sein
       besetztes Land zurückgegeben wird.
       
       16 Jul 2026
       
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