# taz.de -- EuGH-Urteil zu Puigdemont: Ein Schritt näher an der Heimat
> Der Europäische Gerichtshof hat keine Einwände gegen die spanische
> Amnestie. Nun könnte der katalanische Ex-Präsident Carles Puigdemont sein
> belgisches Exil verlassen.
IMG Bild: Große Gefühle, nachdem der EuGH die Amnestie gebilligt hat. Der katalanische Politiker Oriol Junqueras (vorne) umarmt Parteikollegen
Der ehemalige katalanische Präsident Carles Puigdemont kann auf eine
baldige Heimkehr hoffen. Der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) in
Luxemburg sieht keinen Konflikt zwischen dem spanischen Amnestiegesetz für
diejenigen, die 2017 ein Unabhängigkeitsreferendum organisiert und
durchgeführt hatten, und dem europäischen Recht.
„Das Unionsrecht steht dem spanischen Amnestiegesetz zur Normalisierung der
Situation in Katalonien nicht entgegen“, heißt es in dem Urteil, das der
Präsident des EuGH, Koen Lenaerts, am Donnerstagmorgen auf Spanisch verlas.
[1][Die Amnestie] stehe „nicht im Widerspruch“ zur europäischen
Gesetzgebung oder zum Schutz der finanziellen Interessen der Union. „Nach
Ansicht des Gerichtshofs beeinträchtigt das spanische Amnestiegesetz die
praktische Wirksamkeit der Richtlinie zur Terrorismusbekämpfung nicht“,
heißt es weiter.
Der EuGH betont zudem, dass ein EU-Mitgliedstaat ein Amnestiegesetz „im
Interesse der nationalen Aussöhnung“ erlassen kann, und definiert es als
„geeignetes Instrument zur Entschärfung eines politischen oder sozialen
Konflikts“. [2][Das Amnestiegesetz wurde 2024 unter der Linkskoalition von
Pedro Sánchez mit der Unterstützung aller Parteien im spanischen Parlament
mit Ausnahme des konservativen Partido Popular (PP) und der rechtsextremen
VOX erlassen].
## Auch Veruntreuung von EU-Geldern geprüft
Neben dem Vorwurf des Terrorismus prüfte der EuGH auch die Frage der
Veruntreuung europäischer Gelder. Mehrere Hundert AktivistInnen wurden in
Spanien bereits amnestiert, allerdings weigerte sich die Justiz, die
Straffreiheit auch auf Puigdemont und weitere Mitglieder seiner Regierung
anzuwenden, die seit über acht Jahren im Exil in Belgien leben, [3][da zu
Hause ein Haftbefehl auf sie wartet].
Insgesamt hatte die Vorbereitung des Referendums mehr als 3 Millionen Euro
aus den Kassen der Regionalregierung gekostet. Dies sei Veruntreuung und
könnte – so die Richter in Madrid – auch Brüssel betreffen, da auch
EU-Gelder nach Katalonien fließen. Nicht nur Puigdemont, sondern um die 30
hochrangige Beamten wurden deshalb bisher von der Amnestie ausgeschlossen.
Ihnen müsse Amnestie gewährt werden, da die Verwendung öffentlicher Gelder
zur Vorbereitung des Referendums die finanziellen Interessen der Union
nicht berühre.
Puigdemont hatte bereits vor Monaten vor dem spanischen Verfassungsgericht
geklagt, weil durch die Weigerung der Audiencia Nacional, ihn zu
amnestieren, seine Grundrechte verletzt würden. Er selbst gab nach der
Veröffentlichung keine Stellungnahme ab. Der Generalsekretär seiner Partei
Junts per Catalunya (Gemeinsam für Katalonien), Jordi Turull, forderte nach
einer Sitzung des Parteivorstands, an der auch Puigdemont per
Videokonferenz teilnahm, die spanische Justiz auf, den Fall Puigdemont und
andere ausstehende Amnestieverfahren noch vor der Sommerpause zu
bearbeiten.
„Heute gibt es keine Ausreden mehr […]. Sie können nicht in Urlaub fahren
angesichts der Personen, die warten“, erklärten Turull und Puigdemonts
Anwalt Gonzalo Boyé auf einer Pressekonferenz in Barcelona.
## Mehrheit in Katalonien zufrieden mit dem Urteil
Nicht nur das Unabhängigkeitslager, sondern auch [4][die jetzige
katalanische Regierung unter dem Sozialisten Salvador Illa], der die
Einheit Spaniens verteidigt, zeigt sich angesichts des Urteils aus
Luxemburg zufrieden. In einer Regierungserklärung, die er auf Katalanisch,
Spanisch und Englisch verlas, betonte Illa, die Antwort des EuGH sei
eindeutig. „Nach dieser Entscheidung gibt es kein Wenn und Aber mehr“,
erklärte der katalanische Präsident. Die Mehrheit der katalanischen
Gesellschaft fühle sich der „Versöhnung, dem Dialog und dem Zusammenleben“
verpflichtet.
Doch es gibt auch eine Minderheit. Sowohl der PP als auch die VOX halten
nach wie vor daran fest, dass die Amnestie nicht rechtens sei. Luxemburg
habe nur konkrete Aspekte geprüft, heißt es seitens des PP. Die beiden
Parteien verlangen weiterhin strafrechtliche Konsequenzen für Puigdemont.
Jetzt ist die spanische Justiz am Zug.
16 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Nach-dem-Unabhaengigkeitsreferendum/!6077872
DIR [2] /Spanien-und-Katalonien/!5996936
DIR [3] /Regierungskrise-in-Spanien/!6124966
DIR [4] /Regionalpraesident-Kataloniens-gewaehlt/!6029058
## AUTOREN
DIR Reiner Wandler
## TAGS
DIR Katalonien
DIR Carles Puigdemont
DIR Amnestiegesetz
DIR EuGH
DIR Separatismus
DIR Reden wir darüber
DIR Katalonien
DIR Spanien
DIR Spanien
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Nach dem Unabhängigkeitsreferendum: Amnestie für Kataloniens Puigdemont verweigert
Der Ex-Präsident der spanischen Region bleibt der Veruntreuung öffentlicher
Gelder angeklagt, entscheidet die Berufungsinstanz des obersten
Gerichtshofs.
DIR Katalanischer Separatist Puigdemont: Gekommen, um erneut zu fliehen
Vor Eröffnung des katalanischen Parlaments taucht Separatistenführer Carles
Puigdemont plötzlich in Barcelona auf. Um danach wieder zu verschwinden.
DIR Amnestiegesetz in Spanien: Straffreiheit für Separatisten
Die umstrittene Amnestie für Verfechter der katalanischen Unabhängigkeit
ist beschlossene Sache. Die politische Opposition in Spanien ist empört.