# taz.de -- Die Wahrheit: Zu wenig Drama, gar keine Floskeln
> Die Wahrheit vor Ort beim Prozess gegen den Gerichtsreporter Joachim
> Schwimmmeister aus Niedersachsen.
IMG Bild: Eine Gerichtsreporter sollte nicht mit dem Hackebeil schreiben Foto: dpa
Es gibt nur einen Moment der Stille an diesem Morgen. Gegen 10.20 Uhr, als
die Vorsitzende Richterin Madita Buck in den Saal kommt, verstummt das
nervöse Zischeln auf der Zuschauertribüne, wo manche seit einer Stunde
angespannt darauf warten, dass dieser Prozess endlich beginnt. Im Saal A204
des Landgerichts Lüneburg soll in den kommenden Wochen die Frage geklärt
werden, ob der Journalist Joachim Schwimmmeister so eklatant gegen die
Regeln einer Textgattung verstieß, dass er dafür ins Gefängnis muss.
Jahrelang soll der 39-Jährige Gerichtsreportagen geschrieben haben, ohne
sich an die üblichen stilistischen Gepflogenheiten zu halten. „Vorsätzliche
Nichteinhaltung des Gerichtsreportagestils“ heißt das im Juristendeutsch,
Strafrahmen sechs Monate bis 15 Jahre Haft. Es geht um heikle juristische
Fragen, doch der Fall geht weit über das Rechtliche hinaus. Es geht um
journalistischen Sprachgebrauch. Und um die noch viel größere Frage: Wie
hat eine gute Gerichtsreportage auszusehen?
Als Staatsanwalt Max Fuchs die Anklage verliest, zwölf Seiten voll
verdichteten Grauens, wird deutlich, wie schwer die Vorwürfe wiegen.
Schwimmmeister schreibe mit zu wenig Dramatik, nutze zu wenige Floskeln; er
berichte geradezu aggressiv unaufgeregt, als ginge es nicht um Fragen der
Gerechtigkeit, letztlich um Leben und Tod. In seinen Formulierungen fehle
der branchenübliche Hauch aufgeplusterten Stolzes, Gerichtsreporter zu
sein.
Es ist ein heißer Julitag, der Saal bis zum letzten Platz belegt. Zum
menschlichen Reflex nach einer Straftat gehört es, sich zu fragen, ob sie
hätte verhindert werden können. Auch die Berlinerin Chantal Orlanski, die
heute im Publikum sitzt, stellt sich diese Frage. Sie hat sich an diesem
Morgen von weither auf den Weg gemacht. Sie hat den Zug nach Hamburg
genommen, ist dort um- und später in einen Bus gestiegen, der sie
hierhergebracht hat, nach Lüneburg, diese Stadt, die der Lüneburger Heide
ihren Namen gab.
## Opfer im Mittelpunkt
„Ich will den Täter nicht sehen, für mich steht das Opfer im Mittelpunkt“,
sagt Orlanski morgens in der Schlange vor dem Gericht. Schwimmmeisters
„Opfer“ – das ist für sie die Gerichtsreportage als solche.
Es ist 10.21 Uhr, als die Vorsitzende Richterin die Prozessbeteiligten
bittet, sich zu setzen. Schwimmmeister, Jahrgang 1987, trägt einen grauen
Pullover, Jeans, Turnschuhe. „Er steht vor einem Scherbenhaufen“, sagt
seine Verteidigerin Helene von Armenschwicker.
Eigentlich steht Joachim Schwimmmeister auf der Sonnenseite des Lebens.
Aufgewachsen in den Hamburger Elbvororten, beschließt er mit 17 Jahren,
Gerichtsreporter zu werden. Auf das Germanistikstudium folgt die
Journalistenschule. Schon mit 26 Jahren berichtet er über die großen
Prozesse, die das Land in Atem halten. Doch dann folgt 2024 der tiefe Fall.
Der Verein der Gerichtsreporter zeigt ihn an. Schwimmmeister treffe in
seinen Texten nicht den genretypischen Klang. Im April 2026 folgt die
Anklage.
Drei Monate später sitzt der Mann endlich auf dem Stuhl vor der Richterin.
Sehr aufrecht, im weißen Feinstrick-Polohemd, das er unter dem grauen
Pullover trägt. Schwimmmeister sitzt still auf seinem Platz, nur sein Kinn
zuckt immer wieder unkontrolliert nach vorn. Ist dieser Mann der
„Angeklagte“, für den ihn die Staatsanwaltschaft hält? Ja. Aber ist er auch
schuldig, hat er sich strafbar gemacht? Um diese Fragen dürften sich die
kommenden Verhandlungstage in Lüneburg drehen.
Zur Antwort beitragen könnte der Kronzeuge Harald Bellwitz. Gegen 11.30 Uhr
wird er in den Saal gebeten. Frührentner, kurze blaue Hose, bunt kariertes
Hemd. Er lese jeden Morgen die Zeitung auf seiner Terrasse in Limburg an
der Lahn und freue sich immer, wenn etwas mit Mord und Totschlag komme,
erklärt Bellwitz. Allerdings: „Beim Schwimmmeister klingen die
Gerichtsreportagen ganz anders als bei seinen Kollegen.“ Ein Raunen geht
durch den Saal. „Es geht schon los mit dem ersten Wort. Am besten beginnt
eine Gerichtsreportage mit dem Wörtchen ‚Es‘“. Die Vorsitzende Richterin
hakt ein. Ob er ein Beispiel habe.
„Zum Beispiel: ‚Es ist der Beginn eines denkwürdigen Auftritts an diesem
Donnerstag …‘, oder: ‚Es gibt nur einen Moment der Stille an diesem Morgen
…‘. Das sind Texteinstiege wie Flitzebögen, da ist man gleich gespannt, wie
es weitergeht“, sagt Bellwitz. Bei Schwimmmeister aber beginne keine
einzige Reportage mit dem Wörtchen „Es“.
## Nummer des Gerichtssaals
Bei ihm klinge rein gar nichts, wie man es erwarte in einer solide
geschriebenen Gerichtsreportage. „Er erwähnt auch nicht in jedem dritten
Satz die Nummer des Gerichtssaals. Und man erfährt bei ihm nie die Uhrzeit,
zu der die Vorsitzende Richterin oder ein Zeuge den Saal betritt. Ich zum
Beispiel wurde gegen 11.30 Uhr in den Saal gebeten. Sowas muss man doch
schreiben!“, schreit Bellwitz. Seine erregte Stimme hallt wider zwischen
den vertäfelten Wänden des Saals A204.
Am Nachmittag Auftritt Marianne Rosenhügel. Hochhackige Schuhe, auffälliger
gelber Wickelrock. Es ist gar nicht schwer, in diesem Gerichtssaal
aufzufallen. An einem Ort, an dem fast alle immer schwarz tragen, ist jeder
Farbtupfer schon eine Extravaganz.
Die Extravagante kommt als Sachverständige. In einer Gerichtsreportage,
sagt sie, müsse so oft wie möglich das Wort „Saal“ vorkommen. Bei
Schwimmmeister sei das jedoch nie zu lesen. Auch von einem „heftigen
Tumult“ schreibe er nie, obwohl auch der erwähnt gehöre in jedem Bericht.
Während sie ihre Einschätzung abgibt, bricht in Saal A204 des Landgerichts
Lüneburg ein heftiger Tumult aus.
Es sind Szenen, wie sie einige Prozessbeobachter noch nie erlebt haben in
einem Gerichtssaal. Dutzende Zuschauer, die minutenlang grölen und
klatschen und springen. Im Nachhinein stellt sich heraus: Es waren die
Pressevertreter selbst, die den Tumult veranstalteten, um dann über ihn
schreiben zu können.
Am Nachmittag neigt sich der erste Prozesstag dem Ende zu. Vieles wurde
besprochen zwischen den Prozessparteien, vieles, was nicht in diese rund
6.200 Zeichen lange Reportage passt, da stattdessen der Anreiseweg von
Chantal Orlanski beschrieben wurde.
„Wiederschauen“, sagt der Staatsanwalt, als er geht. Es stimmt: Auch wenn
so manches in diesem Prozess gegen den Gerichtsreporter Joachim
Schwimmmeister unklar ist – man sieht sich. So viel ist auf jeden Fall
sicher. Es bleiben ja noch 21 Prozesstage in Saal A204 des Landgerichts
Lüneburg. Mindestens.
20 Jul 2026
## AUTOREN
DIR Paul Amsel
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