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       # taz.de -- Trauer nach dem CSD-Anschlag: Die mit uns durch die Apokalypse gehen
       
       > Vom Anschlag auf den CSD in Berlin hat unsere Kolumnistin erst erfahren,
       > als die ersten Fragen kamen, ob sie okay sei. Über die schwierige Zeit
       > danach.
       
   IMG Bild: Ob öffentlich oder ganz privat: Die Trauer über den Anschlag findet ihren Weg
       
       Als ich vergangenen Sonntag aufwache, dreht sich mir der Magen um. Ich habe
       mehrere verpasste Anrufe wegen des CSD. Am Samstag war ich so früh schlafen
       gegangen, dass ich noch nichts mitbekommen habe. „Bist du in Ordnung?“
       „Sind du und deine Liebsten in Ordnung?“ Nachricht über Nachricht. Erst
       dann lese ich, was passiert ist. [1][Der Anschlag auf den CSD], der
       passiert ist, lässt die Community um mich herum gefrieren.
       
       Am Vormittag quäle ich mich in den Tag. Schon eine Weile übernimmt jene
       Hoffnungslosigkeit meinen Körper, gegen die ich mich so lange gewehrt habe.
       Erschöpfend ist das, auch wenn mir meine queeren Geschwister stets Halt
       geben. Die Einsamkeit, die ein Leben voll Lohnarbeit und Schreiben und
       Ausbildung und so weiter mit sich bringt, sorgt dafür, dass ich viel Zeit
       mit mir selbst verbringe.
       
       Am Nachmittag erreicht mich dann eine Nachricht. „Kleines Treffen im Park,
       18 Uhr, gemeinsam trauern.“
       
       Ich zwinge mich wieder aus dem Bett. Wir sind alle so gelähmt von dem, was
       gerade in der Welt passiert. Es tut weh, dass unseren queeren Geschwistern
       überall Leid angetan wird, dass sie um ihr Leben bangen, dass sie fliehen
       müssen. Was Queers seit immer schon erschaffen, sind Räume gegenseitiger
       Hilfe. Sei es [2][in der Aids-Krise], in der Lesben sich um ihre schwulen
       Genossen gekümmert haben, oder Trans*Personen Sexarbeit geleistet haben,
       um anderen Trans*Geschwistern Wohnraum und Essen bezahlen zu können.
       Leute, die mich nur vage kennen, schreiben mir.
       
       Trauer ist ein Gefühl, das vielleicht erst einmal überfordern kann, aber
       wir fühlen es ja alle. Trauer braucht keine Lösung. Wir sind ja nicht
       einmal an dem Punkt, an dem wir es schaffen, vor anderen zu weinen.
       
       Draußen ist es heiß, die Stimmung gedrückt. Es rauscht der Sommer, aber es
       ist einem gar nicht nach See, die glühende Hitze in Leipzig lässt
       buchstäblich die Gleisanlage der Straßenbahn wegschmelzen. An den Wänden
       prangen Plakate der Leipziger Verkehrsbetriebe: „Lasst uns den Anschluss
       zum Miteinander nicht verpassen.“
       
       ## Queere Solidarität
       
       Angekommen beim Treffen – in einem Raum, der für uns ist, um gemeinsam
       durch die Gefühle zu gehen. Der Staat schützt uns nicht, unsere Geschwister
       tun es. Wir sitzen still beieinander: erst einmal Überforderung, abwarten.
       „Niemand organisiert hier das Gedenken. Also nehmt euch den Raum, so zu
       trauern, wie ihr es braucht.“ Aber was brauchen wir eigentlich? Wie trauern
       wir miteinander? Das ist kein Gefühl, für das man Lösungen sucht, sondern
       das wir gemeinsam aushalten.
       
       Dann, nach und nach, fangen Menschen an, Lieder zu singen, schreiben
       Zettel. Wir sitzen beieinander im Kreis. Wir weinen. Wir schauen uns an,
       schenken uns ein kleines Lächeln. Eine Person, die ich kaum kenne, bietet
       mir an, mich auf ihren Schoß zu legen. Unsere Herzen bleiben offen, um den
       Wahnsinn nicht zu verfestigen. Natürlich haben wir als Community viele
       Konflikte. Wir kennen viel Schmerz, den wir uns auch untereinander zugefügt
       haben, aber im Endeffekt: Das hier sind die Menschen, mit denen wir durch
       die Apokalypse gehen.
       
       Nach dem gemeinsamen Trauern gehe ich mit einer engen Freundin zurück zur
       heißen Straße. Die Trams rattern, Menschen sitzen unter Markisen und
       trinken Çay. Wenn man sich auf eins verlassen kann, dann auf Queers, die
       Räume für uns und all jene gestalten, die unter den Gegebenheiten dieser
       Zeit – der Apokalypse von oben – leiden.
       
       30 Jul 2026
       
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