# taz.de -- USA vor den Midterm-Wahlen: Trump verbreitet ein neues Verschwörungsmärchen
> Der US-Präsident sät in einer Rede Zweifel am Wahlsystem seines Landes
> und wirft China angebliche Manipulation vor. Seine Motive sind
> durchsichtig.
IMG Bild: Von Ja-Sagern umringt: Trump bei seiner „Rede an die Nation“ im Weißen Haus
Fast sechs Jahre ist es her, dass sich US-Präsident Donald Trump bei einer
Präsidentschaftswahl geschlagen geben musste. [1][Trotz seines Erfolgs bei
der darauffolgenden Wahl 2024] kann er seine Niederlage bei der
vorhergehenden Wahl 2020 anscheinend nicht vergessen. Wie ein Besessener
verbreitet der 80-jährige Republikaner seither Spekulationen und haltlose
Behauptungen, die seiner Ansicht nach beweisen sollen, dass er auch 2020
der wahre Wahlsieger gewesen sei.
Am Donnerstagabend folgte [2][ein weiterer Versuch, das amerikanische Volk
davon zu überzeugen]. In einer Primetime-Rede verbreitete er erneut wilde
Behauptungen, die das US-Wahlsystem als eine Farce erscheinen lassen.
„Unsere Wahlen waren anfällig dafür, manipuliert und gestohlen zu werden,
und das Vertrauen des amerikanischen Volkes ging verloren. Dies darf nicht
so weitergehen“, sagte Trump während seiner knapp 25-minütigen
Oval-Office-Ansprache aus dem Weißen Haus. Wie immer ließ er es an Beweisen
fehlen, die belegen würden, dass es wirklich zu systematischen Wahlbetrug
gekommen wäre, die dem Demokraten Joe Biden zum Wahlsieg verholfen hätten.
Die Anfälligkeit des US-Wahlsystems gegenüber Manipulation und
Einflussnahme durch ausländische Regierungen sei, so Trump, deutlicher
höher als bisher bekannt. Er behauptete, dass der sogenannte Deep State –
also Regierungsmitarbeiter, die eine eigene Agenda verfolgen – dies über
Jahre hinweg verschwiegen hätten. Er habe deshalb seine Regierung dazu
veranlasst, unzählige Geheimdokumente zu veröffentlichen, die zeigen
sollen, wie unsicher das aktuelle Wahlsystem im Land sei, sagte er. Und
dann machte er einen überraschenden Übeltäter aus.
## Laut Trump führt die Spur nach China
„China und andere Länder haben versucht, sich in unsere Wahlen
einzumischen. Beweise für Wahlbetrug wurden unterdrückt. Hunderttausende
Nicht-Staatsbürger und Verstorbene sind in den Wählerverzeichnissen
aufgeführt und dort aktiv – und dennoch halten wir Wahlen ohne
Identitätsnachweis und ohne Nachweis der Staatsbürgerschaft ab, während zig
Millionen Stimmzettel ziellos auf dem Postweg unterwegs sind“, behauptete
Trump.
Viele der Verschwörungserzählungen, die Trump in seiner Rede aufzählte und
die in den nun veröffentlichten Dokumenten zu finden sind, waren bereits im
Vorfeld bekannt. Die Ansprache des Präsidenten konzentrierte sich auf die
[3][angebliche Einflussnahme Chinas]. Die Volksrepublik habe über Jahre
hinweg die persönlichen Daten von Hunderten Millionen US-Staatsbürgern
durch Hacking-Angriffe gestohlen, behauptete er. Außerdem habe Peking
versucht, durch eine Negativkampagne einen erneuten Wahlsieg Trumps im Jahr
2020 zu verhindern.
Trump erklärte zudem, dass auch Russland, Iran und Nordkorea die Fähigkeit
hätten, amerikanische Wahlen zu beeinflussen. Er ging jedoch nicht genauer
darauf ein – obwohl Moskau und Teheran in den veröffentlichten
Geheimdienstakten erwähnt werden und deren Aktivitäten im Bereich der
Wahlbeeinflussung laut US-Behörden deutlicher ausgeprägter waren.
Vielleicht ist es nur ein Versehen. Aber es könnte auch daran liegen, dass
vor allem Russland [4][sich für einen Wahlsieg von Trump und gegen Biden
eingesetzt] hatte.
## Trump will das Wahlrecht ändern lassen
Auch die Aussagen, dass Hunderttausende undokumentierter Einwanderer und
auch verstorbene Leute Wählen würde, wurde in der Vergangenheit bereits
untersucht und als falsch oder vernachlässigbar gering zurückgewiesen.
Trump dürfte mit seiner Rede bei vielen Menschen für Verunsicherung gesorgt
haben. Dass seine Behauptungen allerdings dazu beitragen werden, dass ein
von ihm unterstütztes Wahlreformpaket im Kongress die nötigen Stimmen
findet, muss bezweifelt werden. Der Save America Act würde unter anderem
vorschreiben, dass Wähler:innen im ganzen Land sich beim Wahlgang
gültige Ausweisdokument mitführen müssten. Kritiker befürchten, dass
dadurch vor allem Menschen in benachteiligten Gesellschaftsgruppen ihr
Wahlrecht verlieren könnten.
Demokraten zerrissen Trumps Ansprache auf den sozialen Netzwerken und in
TV-Interviews. „Heute Abend mussten die Amerikaner mitanhören, wie der
Präsident erneut Behauptungen über unsere Wahlen wiederholte, die bereits
seit Jahren untersucht und wiederholt zurückgewiesen wurden“, erklärte
Senator Mark Warner in einer Presseerklärung. „An den Fakten hat sich
nichts geändert“ Der demokratische Fraktionsvorsitzende im Senat, Chuck
Schumer, wertete Trumps Rede als Versuch, von seiner schlechten Politik
abzulenken. Anstatt seine Politik zu ändern, arbeite der US-Präsident
daran, die bevorstehenden Kongresswahlen zu manipulieren, noch bevor eine
einzige Stimme abgegeben wurde, sagte er. „Wir werden das nicht zulassen“,
sagte er.
## Iran und Russland kommen nur am Rande vor
Andere Themen wie der Krieg mit dem Iran erwähnte Trump nur kurz zum Beginn
seiner Rede. Er versprach, dass die anhaltenden Militärschläge gegen Ziele
in der islamischen Republik bald Früchte tragen würden. Viel wichtiger war
ihm anderes: Laut Trump werde Heimatschutzminister (DHS) Markwayne Mullin
am Freitag eine Pressekonferenz abhalten, in der er erklären würde, was
sein Ministerium unternehme, um die angeblichen Sicherheitsprobleme des
Wahlsystems zu beheben.
Wie sich die Rede und die veröffentlichen Dokumente auf die in weniger als
vier Monate stattfindenden Kongresswahlen auswirken wird, ist unklar. Das
Vertrauen der Menschen in eine faire und gerechte Wahl dürfte es nicht
befördert haben.
17 Jul 2026
## LINKS
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## AUTOREN
DIR Hansjürgen Mai
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