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       # taz.de -- Nach dem Anschlag von Schongau: „Edgelord“ auf brutaler Highscore-Jagd
       
       > In Schongau verletzte ein 16-Jähriger zwei Mitschülerinnen schwer. Das
       > mutmaßliche Bekennerschreiben zeigt Verbindungen zu Faschismus und
       > Incel-Szene.
       
   IMG Bild: Das abgesperrte Schulgelände des Welfen-Gymnasiums in Schongau am 8. Juli
       
       Innerhalb der herrschenden Verhältnisse in Deutschland gibt es die
       unangenehme Tendenz, eine ideologisch motivierte Gewalttat erst einmal zu
       entpolitisieren. So hat es auch die bayerische Polizei nach dem Attentat in
       Schongau am 8. Juli 2026 getan.
       
       Der erst 16 Jahre alte Täter hat auf dem von ihm besuchten Gymnasium zwei
       13 Jahre alte Mädchen schwer mit einem Messer verletzt; außerdem war er mit
       einer mittels 3D-Drucker hergestellten Schrotflinte bewaffnet. Der
       Polizeisprecher sprach von „zufällig“ ausgewählten Zielen. Eine
       Auseinandersetzung mit dem auf einschlägigen Portalen veröffentlichten, 19
       Seiten langen Manifest offenbart jedoch, dass der Jugendliche enge Bezüge
       zu menschenfeindlichen Communitys wie Incels, [1][dem rechtsextremen
       Akzelerationismus] oder auch der gewaltverherrlichenden „No Lives
       Matter“-Szene hatte.
       
       Wahrscheinlich waren die Mädchen zufällig ausgewählt, aber es liegt nahe,
       dass er gezielt Mädchen angegriffen hat – der Text strotzt nur so vor
       Frauenverachtung. Weitere Aspekte sind Queerfeindlichkeit, Antisemitismus,
       Rassismus, Hass auf Menschen mit Behinderung und ein generelles
       Überlegenheitsdenken gegenüber den Mitmenschen.
       
       Das Dokument zeichnet das Bild eines Jungen, der sich über Jahre hinweg im
       Internet radikalisiert hat, im Online-Slang „Edgelord“ genannt. „Edgelords“
       sind vor allem junge Männer, die sich Fatalismus und Zynismus hingeben und
       ihre Menschenverachtung performativ vor sich hertragen. Es deutet außerdem
       auf eine Tat hin, die durch ein stabiles Sozialsystem hätte verhindert
       werden können.
       
       ## Denkmal
       
       Der Text weist im Tenor starke Bezüge zu dem Manifest des (auch namentlich
       referenzierten) [2][Incel-Attentäters Elliot R.] auf, der 2014 in
       Kalifornien sechs Menschen ermordet und in einem 140 Seiten langen
       Schriftstück die Motivation seiner Tat erläutert hat. Ein grundlegender
       Aspekt bei diesem kontemporären Typus an rechtsextremen oder misogynen
       Tätern ist: sich selbst für die „Szene“ ein Denkmal setzen, zu einem
       sogenannten „Saint“, also einem „Heiligen“ aufsteigen.
       
       Die Rechnung ist simpel: Je höher der „Highscore“ oder „Bodycount“, also
       die Anzahl der Opfer, desto besser. Der Täter von Schongau wollte
       „mindestens vier“ Menschen töten – zum Glück ist ihm dies nicht gelungen.
       Trotzdem hat er traumatisierte Mitschüler*innen und Familien
       hinterlassen.
       
       Immer wieder verweist er auf Terroristen, Islamisten, Massenmörder und
       Amokläufer, die für ihn als Inspirationsquellen fungieren. Er schreibt von
       Gewalt, die er selbst erfahren hat – jedoch ist hier zu betonen, dass
       Verfasser solcher Manifeste immer aus ihrer eigenen narzisstischen Kränkung
       heraus schreiben. Er erzählt von einem gewalttätigen Vater, ohne jedoch
       auch nur einen Funken Empathie für die von häuslicher Gewalt betroffene
       Mutter aufbringen zu können. Im Gegenteil: sie ist für ihn eine
       „Narzisstin“ und strafende Instanz, die sich herausnimmt, von ihm den
       Besuch eines Gymnasiums und gute Noten zu fordern.
       
       Auch hier findet sich eine Parallele zu Elliot R.: der Hass auf die Mutter.
       Dieser wird in einer generellen Misogynie weiter geführt: Mädchen sind für
       ihn „Foids“ – „Female Androids“, der dehumanisierende Incel-Begriff für
       Frauen. Diese seien „hypergam“, würden also nur Männer begehren, die ihnen
       einen Status-Aufstieg versprechen. Gleichzeitig wünscht er sich eine
       Partnerin, die ihn versteht, seine Interessen teilt und ihn aus seinem
       Umfeld rettet – ein wiederkehrendes Moment bei Incels, bei denen Frauen nur
       als entweder unrealistisch überhöhte Projektionsfläche oder Objekt der
       Abwertung herhalten, die „Heilige-Hure-Dichotomie“ in Reinform. Er
       behauptet zwar, sich nicht als Incel zu identifizieren, aber seine Sprache
       und Ideologie machen den Bezug deutlich.
       
       Der rote Faden im Text ist die Verachtung anderer Menschen. Er hasst
       Queers, dicke Menschen, Behinderte: Er zeigt das Bild eines japanischen
       Massenmörders, der 2016 neunzehn Bewohnende einer Einrichtung für Menschen
       mit geistiger Behinderung massakriert hat. Jüdinnen*Juden und
       Muslim*innen deklariert er konsequent mit diskriminierenden
       Schimpfworten, er referenziert antisemitische Verschwörungsnarrative. Auch
       seinen Mitschüler*innen und Nachbar*innen bringt er nur Hass
       entgegen: Dorftrottel, „Untermenschen“, „degenerierter Abschaum“.
       
       Er selbst sei ihnen intellektuell und ideologisch weit voraus – das
       Spannungsverhältnis zwischen der eigenen narzisstischen Selbstüberhöhung
       bei einem Bruch mit der öffentlichen, auf Abwertung basierenden Wahrnehmung
       durch das soziale Umfeld ist ein wiederkehrendes Moment gerade bei
       Attentätern aus der Incel-Szene. Er schreibt von Mobbing-Erfahrungen durch
       seine Mitschüler*innen, eine tiefe Verletzung gerade in Bezug auf die
       eigene wahrgenommene Überlegenheit.
       
       ## Gewalt als Wiedergutmachung
       
       Die Wiedergutmachung dieser Kränkung ist Gewalt: Er hätte Gore-Content,
       also extrem gewaltvolle Inhalte, konsumiert. Das ganze Manifest ist eine
       Aneinanderreihung elaborierter Gewaltfantasien. Er bezeichnet den
       Livestream des antimuslimisch-rassistischen Anschlags von [3][Christchurch
       2019] als eine Art Erweckungsmoment. Er hatte auch überlegt, ein
       Geflüchtetenheim anzugreifen, der Rassismus des Täters ist also unmöglich
       zu verleugnen.
       
       Der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit schreibt in seinem Buch von einem
       „Lachen der Täter“: (vor allem) Männer, die die Gewaltausübung gegen andere
       libidinös besetzt haben. In seinem Buch „Angry White Men“ analysiert der
       Soziologe Michael Kimmel die Sozialpsychologie von Amokläufern und
       Rechtsterroristen. Er argumentiert, dass die erfahrenen Demütigungen und
       Kränkungen als Entmännlichung aufgefasst werden. Die mobbenden Mitschüler
       haben ihn also in seiner Vorstellung quasi kastriert.
       
       Gewalt ist in patriarchalen Verhältnissen ausgesprochen männlich besetzt.
       Die Rache an den eigenen (vermeintlichen) Peinigern ist ein Akt der
       Resouveränisierung von Männlichkeit. Der Täter ist kein Versager mehr, der
       nichts zu verlieren hat, sondern hat seine eigene Hoffnungslosigkeit in
       einen historischen Moment umgewandelt.
       
       Wenn wir also über Schongau sprechen, kommen wir nicht umhin, über
       gekränkte Männlichkeit und patriarchale Gewalt zu sprechen.
       Bedauerlicherweise ist Mobbing Alltag an Schulen. Aber Amokläufe durch
       Mädchen oder queere Jugendliche sind Ausnahmeerscheinungen, die durch
       heterosexuelle cis Jungen die Regel.
       
       Hier ist es notwendig, die Familienverhältnisse des 16-Jährigen zu
       untersuchen. Söhne gewalttätiger Männer üben diese im späteren Leben oft
       selbst aus, anstatt sie zu hinterfragen und überwinden zu wollen. Seine
       Mutter hat anscheinend häufiger versucht, den Vater zu verlassen, ist aber
       aufgrund der üblichen strukturellen Umstände, mit denen Opfer
       missbräuchlicher Beziehungen konfrontiert sind, gescheitert. Eventuell
       hätte dieser Angriff auf zwei Mädchen verhindert werden können, wenn es
       stabile Strukturen gegeben hätte, die die Frau und ihren Sohn hätten
       auffangen können. Online-Szenen wie „No Lives Matter“ greifen diese Gefühle
       von Ohnmacht und Hilflosigkeit auf, in dem sie ihnen das Versprechen der
       Machtausübung gegen andere entgegensetzen.
       
       Eine adäquate Antwort ist also weniger ein stärkeres Strafmaß, der Mythos
       von unverstandenen „Einzeltätern“, das rassistische Narrativ des
       migrantisierten Frauenhasses, sondern Präventionsarbeit: Schutz von Gewalt
       betroffener Frauen, digital Streetwork im Internet, Deplatforming
       menschenfeindlicher Akteure, ein sicherer Zugang zu Therapie, und vor
       allem: profeministische Jungenarbeit. Doch genau diese Maßnahmen sind durch
       die Große Koalition von großflächigen Kürzungen betroffen. Wenn wir nicht
       konsequent die strukturellen Ursachen dieser Tat begreifen und bekämpfen,
       wird sich eine Gewalttat wie Schongau früher oder später wiederholen.
       
       17 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.verfassungsschutz.de/SharedDocs/glossareintraege/DE/A/akzelerationismus-rechtsextremistisch.html
   DIR [2] https://en.wikipedia.org/wiki/Elliot_Rodger
   DIR [3] https://www1.wdr.de/daserste/monitor/videos/video-nach-dem-attentat-von-christchurch---unterschaetzen-wir-terror-von-rechts-100.html
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Veronika Kracher
       
       ## TAGS
       
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