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       # taz.de -- Schauspieler über Kunstfigur: „Lilo Wanders hat eine Schutzfunktion für mich übernommen“
       
       > Ernie Reinhardt spielt seit 37 Jahren Lilo Wanders. Wie aus einer
       > Theaterfigur ein Seelentröster wurde und warum er lieber als Lilo
       > auftritt.
       
   IMG Bild: Lesen beide gern: Ernie Reinhardt stellt 2005 als Lilo Wanders im Fernsehen Bücher vor
       
       taz: Ernie Reinhardt, warum kennt alle Welt Sie nur als Frau Lilo Wanders? 
       
       Ernie Reinhardt: Ende der 1950er Jahre bin ich [1][als schwuler Junge in
       der niedersächsischen Provinz aufgewachsen] und als lebhaftes, aber
       eingeschüchtertes Kind habe ich mich in der Welt fremd gefühlt. Irgendwann
       habe ich entdeckt, dass ich alles kann, wenn ich vorgebe, jemand anderes zu
       sein. Daraus ist der Wunsch entstanden, Schauspieler zu werden.
       
       taz: Und wann wurde Lilo Wanders geboren? 
       
       Reinhardt: Lilo habe ich 1989 als eine Figur in einem Theaterstück für das
       [2][Schmidt-Theater auf der Reeperbahn] erfunden. Sie hat sich dann
       verselbstständigt und gleichzeitig eine Schutzfunktion für mich gegen meine
       Schüchternheit übernommen. Deswegen trete ich als Privatperson nur äußerst
       ungern vor ein Publikum, spiele aber auch manchmal Männerrollen.
       
       taz: Sie haben also immer noch ein gutes Verhältnis zu Ihrer Kunstfigur? 
       
       Reinhardt: Ja, denn wir sind im Laufe der Jahre deckungsgleich geworden,
       was zum Beispiel Lebensanschauung und Ethik angeht. Und es ist natürlich
       auch der Bekanntheit der Person geschuldet, dass ich überall als Lilo
       aufkreuze.
       
       taz: Wie hat Lilo Wanders sich mit der Zeit verändert? 
       
       Reinhardt: Als ich mit der Fernsehsendung „Wa(h)re Liebe“ angefangen habe,
       durfte Lilo Wanders nicht länger nur die Parodie einer älteren
       Schauspielerin sein. Stattdessen musste sie zum Menschen werden. Denn da
       führte ich ja Gespräche mit Leuten über Liebe und Sex, aber auch über
       Pornodrehs, Swingerclubs, Partnertausch und Penisgrößen. Da konnte ich
       nicht weiter nur Quatsch machen.
       
       taz: Man kann mit einer Kunstfigur bis zum Äußersten gehen, wie es mit der
       sehr komisch-provokanten [3][Dame Edna] aus Australien passierte. Warum
       sind Sie in die andere Richtung gegangen? 
       
       Reinhardt: Bin ich eigentlich gar nicht, denn Lilo ist wie die Genannte
       mehr ein „female impersonator“ als eine Dragqueen.
       
       taz: Was ist der Unterschied? 
       
       Reinhardt: Ich wollte nie die Übertreibung. Die Karikatur war nur ganz am
       Anfang, aber im Grunde habe ich immer versucht, eine wahrhaftige Frau
       darzustellen. Und das ist bei den Drags etwas anders. Die haben oft auch
       ein persönliches Bedürfnis, auf eine übertriebene Art gesellschaftliche
       Rollen infrage zu stellen und Aufsehen zu erregen. Für mich ist Lilo-sein
       mein Beruf. Ich hätte allerdings gern mehr Männerrollen gespielt und mein
       schauspielerisches Talent gezeigt.
       
       taz: Was haben Sie als Lilo Wanders denn in den 37 Jahre ihres Lebens so
       getrieben? 
       
       Reinhardt: Mit „Wa(h)re Liebe“ war ja Ende 2004 nach zehneinhalb Jahren
       Schluss, aber ich habe immer Theater gespielt und viel Unterschiedliches
       gemacht. Ich war in zwei verschiedenen Inszenierungen Marlene Dietrich, an
       der Oper in Bremen die Göttermutter Juno in „Orpheus in der Unterwelt“ und
       in Bad Hersfeld die Spelunken-Jenny in der „Dreigroschenoper“.
       
       taz: Aber meistens stehen Sie doch alleine auf der Bühne. 
       
       Reinhardt: Ja. Ich bin auch immer mit Soloprogrammen unterwegs, die sich
       aber über die Jahre verändert haben. Sie waren zuerst noch
       kabarettistischer angelegt, aber jetzt würde ich eher sagen, dass ich den
       Menschen Zuversicht gebe.
       
       taz: Spielen Sie nun die Rolle einer Trosttante? 
       
       Reinhardt: Nein! Ich thematisiere das, was die Menschen bewegt. Das
       Programm, mit dem ich jetzt auftrete, ist zweigeteilt. Zuerst erzähle ich
       aus meinem Leben. Und in der Pause können die Zuschauer*innen Fragen auf
       Zettel schreiben, die ich dann im zweiten Teil beantworte.
       
       taz: Mögen Sie ein Beispiel nennen? 
       
       Reinhardt: Ich bekam irgendwo in Süddeutschland einen Zettel: „Ist es in
       Ordnung, wenn man dreimal oder noch öfter am Tag Sex hat?“ Ich habe
       geantwortet: „Nur zu! Das ist völlig okay und ich gratuliere, wenn ihr die
       Zeit und die Kraft dafür habt.“ Nach der Veranstaltung kam eine ältere Dame
       auf mich zu und sagte: „Der Zettel war von mir! Ich bin 89, nach 60 Jahren
       verwitwet, habe jetzt einen neuen Partner und wir können die Finger nicht
       voneinander lassen.“ Sie wollte es jemandem mitteilen, weil Kinder und
       Enkel kein Verständnis dafür haben. Toll!
       
       23 Jul 2026
       
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