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       # taz.de -- Klavierspielerin am Wannsee: Kunst kennt keine Grenzen
       
       > Sein Instrument ist das menschliche Ego, sein Genre die Macht: Szenen
       > einer Partnerschaft vor großbürgerlicher Kulisse.
       
       Die Abendsonne leuchtet orange und in der Villa des Literarischen
       Colloquium Berlin wird aufgeräumt. Die „kleinen Verlage“, die heute hier am
       Wannsee ihr Programm aufgetischt haben, sind fast restlos verschwunden. Wir
       wollen auch gehen, aber im Foyer steht der Tastaturdeckel des alten
       Bechsteinflügels offen und ich kann einfach nicht anders.
       
       Er ist gestimmt, der Anschlag butterweich, ich kriege Gänsehaut. Nach einem
       kurzen Rumgejazze schiebt sich von hinten und viel zu nah ein Kopf über
       meine Schulter. „Spielen Sie auch vierhändig?“ Ein älterer Herr mit
       Sommerhut. Sein Outfit ist eine Mischung aus Kolonialherr und
       Elfenbeinjäger und in meiner arbeiterkindlichen Naivität interpretiere ich
       seine Frage als Wertschätzung.
       
       Hinter ihm steht still seine deutlich jüngere, weibliche Begleitung. Er
       vertreibt mich geradezu meisterlich vom Klavierhocker und fordert nun sie
       zum Spielen auf. Sie geniert sich, ist aber genauso machtlos gegen seine
       Verbalakrobatik und tackert kurz darauf makellos und ohne Blatt Liszt,
       Mozart und wen nicht alles in die Tasten.
       
       Leute versammeln sich im Foyer, eine Konzertsituation entsteht und ich
       werde ins Publikum verbannt. Nach jedem Stück steht die Klavierspielerin
       unter tosendem Applaus auf und verschwindet hinter einer Ecke. Ihr
       Schirmherr läuft hinterher, grinst, „Na eine Zugabe ist ja noch drinnen,
       hm?“, und sie kehrt jedes Mal artig ans Klavier zurück.
       
       Er steht daneben und genießt. Aber nicht die Musik. Da ist eine finstere
       Leidenschaft in seinem Blick, womit er sie und das Publikum fortwährend
       mustert. Auch er ist ein Spieler. Sein Instrument ist das menschliche Ego,
       sein Genre die Macht. Und das verzauberte Publikum sieht nichts als Kunst
       in dieser schaurigen Szene und applaudiert die Pianistin noch tiefer hinein
       in was auch immer diese zwei Menschen dort verbinden mag.
       
       19 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Maik Gerecke
       
       ## TAGS
       
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