# taz.de -- Proteste in der Ukraine: „Im Krieg, aber nicht für so einen Mist“
> In der Ukraine hält die Empörung über die Absetzung von
> Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow an. Er hatte das Land im Krieg
> gegen Russland gestärkt.
IMG Bild: Kyjiw, Samstagabend: Tausende gehen für den abgesetzten Verteidigungsminister auf die Straße
Die zentralen Straßen in Kyjiw füllen sich mit immer mehr Menschen –
Büroangestellte, Militärveteranen, Familien mit Kindern. Es ist
Samstagabend, seit nunmehr drei Tagen versammeln sich Tausende Menschen in
der ukrainischen Hauptstadt vor dem Amtssitz des Präsidenten. Sie
skandieren „Schande!“, „Die Macht gehört dem Volk!“ und „Abgeordnete – an
die Arbeit!“, während sie wütende und ironische Plakate in die Höhe halten.
Ähnliche Demonstrationen finden auch in den meisten anderen ukrainischen
Großstädten statt.
[1][Auslöser der Proteste ist die Entscheidung von Präsident Wolodymyr
Selenskyj, Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow zu entlassen]. Fedorow
war erst im Januar berufen worden. Er kann auf Erfolge bei der
Massenproduktion und dem Einsatz von Drohnen, der Unterbindung der Nutzung
von Starlink-Terminals durch russische Streitkräfte sowie Angriffen auf
militärische Ziele in Russland verweisen.
Hintergrund der Führungskrise im Verteidigungsministerium ist ein Konflikt
zwischen Fedorow und [2][dem Oberbefehlshaber der ukrainischen
Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj]. Die Demonstranten fordern von Selenskyj,
Fedorow wieder einzusetzen und Syrskyj zu entlassen. Tausende Stimmen
skandieren im Gleichklang: „Weg mit Syrskyj!“
## Wyschywankas und ukrainische Flaggen
Die Kundgebung beginnt mit einer Schweigeminute. Schüler und Studenten
knien nieder, um der Gefallenen zu gedenken. Viele sind in Wyschywankas,
traditionell bestickten Blusen, erschienen und haben ukrainische Flaggen
dabei. Die 19-jährige Studentin Anna Polonowa trägt ein T-Shirt mit dem
Wappen der [3][Region Donezk]. Ihre Heimatstadt Donezk ist seit 12 Jahren
von russischen Truppen besetzt.
Sie sagt, Verteidigungsminister Fedorow habe ihr Hoffnung gegeben – zum
ersten Mal seit Kriegsbeginn –, dass sie Donezk eines Tages wieder als
ukrainische Stadt erleben könne. Den Armeechef hingegen kritisiert sie.
„Syrskyj ist die Verkörperung der Sowjetarmee. Er ist bereit, Männer in
Angriffen zu verheizen – das sind die Methoden des Feindes. Wir müssen
solche Leute loswerden“, sagt Polonowa. Sie sei allein zu der Kundgebung
gekommen, fühle sich aber sicher inmitten von Gleichgesinnten. Der Protest
ist lautstark, verläuft jedoch friedlich.
„Mein Vater ist schon seit 12 Jahren im Krieg – aber nicht für so einen
Mist“, steht auf dem Schild, das Valerija Tsarytsenko, eine 29-jährige
PR-Spezialistin aus Kyjiw, in den Händen hält. Ihr Vater kämpft an der
Front bei Saporischschja und meldet sich nur einmal pro Woche. In seiner
letzten Nachricht schrieb er, er sei stolz darauf, dass sich seine Tochter
dem Protest angeschlossen habe.
„Mein Vater hat seine Gesundheit geopfert, damit ich in einem besseren Land
mit einer demokratischen Regierung leben kann. Entweder wir ändern etwas
hier und jetzt mit den Protesten, oder mein Vater wird noch jahrzehntelang
kämpfen müssen“, sagt Valerija. Sie verbindet Fedorow mit technologischen
Fortschritten in der Armee, während sie den Namen Syrskyj mit dem
menschenverachtenden Einsatz von Menschenleben verbindet.
## Nach der Hochzeit zum Protest
Neben ihr halten Demonstranten Schilder hoch mit Aufschriften wie „Ja zu
einer technologischen Zukunft, nein zur sowjetischen Vergangenheit“ – an
einem davon ist eine FPV-Drohne befestigt –, „Syrskyj ist ein
Fleischwolf-General“ sowie „Dieser Käse ist verdorben“ – ein Wortspiel mit
dem Nachnamen des Oberbefehlshabers.
„Fedorow steht für die Zukunft, während Syrskyj die Methoden der
Vergangenheit verkörpert. Wir werden so lange hier bleiben, wie es nötig
ist – bis Selenskyj beschließt, Syrskyj zu entlassen oder Fedorow
zurückzuholen. Ich bin hier mit einer Freundin. Sie hat gestern geheiratet,
ist aber direkt nach der Feier zum Protest gekommen. Denn dies ist unser
Land, und es ist uns nicht egal“, sagt Valerija mit Blick auf die dunklen
Fenster des Präsidialamts.
Bei der Kundgebung sind auch Militärangehörige anwesend. Einige sind in
Zivilkleidung erschienen, andere tragen ihre Uniformen mit Auszeichnungen
an der Brust, wie der Orden „Held der Ukraine“.
„Ich bin gekommen, um Fedorow zu unterstützen, weil er wirkliche Reformen
auf den Weg gebracht hat. Er hat die Nutzung von Starlink-Terminals durch
das russische Militär eingeschränkt, die Beschaffungswesen der Armee
transparenter gestaltet und Drohnen Priorität eingeräumt. Ich bin
Infanterist. Ich weiß, wie es ist, von einer FPV-Drohne gejagt zu werden.
Warum entlassen sie einen solchen Mann? Das gefällt mir nicht“, sagt der
27-jährige Oberleutnant Wladislaw Stozkij, der heute seinen einzigen freien
Tag hat.
Stozkij wurde mit dem Titel „Held der Ukraine“ ausgezeichnet, nachdem er 67
Tage gegen den russischen Vormarsch auf Siwersk in der Region Donezk
gekämpft und dabei eine Verletzung erlitten hatte.
## Wasser und Süßigkeiten
Der ukrainische Aktivist und Freiwillige Serhij Sternenko, dessen Stiftung
das ukrainische Militär mit FPV-Drohnen versorgt, schrieb in den sozialen
Medien, dass Brigadekommandeure seinen Informationen zufolge angewiesen
worden seien, Videobotschaften zur Unterstützung von Syrskyj aufzunehmen.
Auch Stotskyj hat davon gehört, doch er lasse sich nicht so einfach zum
Schweigen bringen. „Der Druck, dem ich ausgesetzt bin, geht von einer
russischen Rakete, einer russischen Drohne und einem russischen Soldaten
mit seiner Waffe aus. Das ist ein weitaus größerer Druck. Die Wahl ist
klar. Ich unterstütze Fedorow und seine Reformen. Denn ich möchte nicht
noch Hundert Jahre lang Krieg führen.“
Bei der Kundgebung verteilen Freiwillige kostenlos Wasser und Süßigkeiten.
Einige haben Pappen und Filzstifte mitgebracht, damit sich jeder ein
eigenes Schild basteln kann.
## Ruf nach dem Parlament
Die Tradition, Parolen auf Kartons zu schreiben, entstand im vergangenen
Sommer in der Ukraine. Im Juli 2025 erlebte das Land die erste große Welle
regierungsfeindlicher Proteste seit Kriegsbeginn. Tausende Menschen gingen
auf die Straße, nachdem Präsident Selenskyj ein Gesetz unterzeichnet hatte,
das die Unabhängigkeit des Nationalen Antikorruptionsbüros (NABU) und der
Spezialisierten Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAPO) erheblich
einschränkte.
Unter dem Druck der ukrainischen Gesellschaft und angesichts der Kritik
internationaler Partner legte Selenskyj einen neuen Gesetzentwurf zur
Wiederherstellung der Unabhängigkeit von NABU und SAPO vor, den das
Parlament billigte.
Die Menschen auf den Straßen von Kyjiw hoffen jetzt erneut auf einen Erfolg
ihrer Proteste. Da das Parlament in der Sommerpause ist, können die
Abgeordneten die von den Demonstranten geforderten Personalentscheidungen
nicht sofort behandeln. Deshalb ist eine Hauptforderung bei den
Kundgebungen die vorgezogene Einberufung des Parlaments. „Der Krieg kennt
keine Ferien!“, skandieren die Menschen im Chor.
„Mein Bruder hat drei Jahre in Gefangenschaft verbracht. Jetzt kämpft er
wieder. Und er bekommt keinen Urlaub. Daher sollte auch das Parlament
zusammentreten können, um über Entscheidungen abzustimmen, die für das Land
wichtig sind. Ich möchte, dass mein Bruder gute Kommandanten und einen
guten Oberbefehlshaber hat, der das Leben seiner Soldaten wertschätzt“,
sagt die 27-jährige Freiwillige Wladyslawa Titarenko. „Wir bleiben bis zum
Schluss. Selenskyj muss auf uns hören“, sagt eine junge Frau, die mit einem
befreundeten Veteranen zu dem Protest gekommen ist. Er hat im Krieg beide
Beine verloren und geht auf Prothesen.
Aus dem Russischen Barbara Oertel
19 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Regierungsumbildung-in-der-Ukraine/!6196591
DIR [2] /Krieg-in-der-Ukraine/!5991331
DIR [3] /Russische-Angriffe-auf-die-Ostukraine/!619624
## AUTOREN
DIR Julia Surkowa
## TAGS
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
DIR Protest
DIR Wolodymyr Selenskyj
DIR Verteidigungsminister
DIR Verteidigungspolitik
DIR Wolodymyr Selenskyj
DIR Russland
DIR GNS
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
DIR Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
## ARTIKEL ZUM THEMA
DIR Proteste in der Ukraine: Maidan mit Pappschildern
In der Ukraine demonstrieren seit Tagen Menschen gegen Präsident Selenskyjs
Regierungsumbildung. Die Proteste scheinen sich nun zu verstetigen.
DIR Neuer Armeechef in der Ukraine: Der moderne General
Mychajlo Drapatyj soll das Oberkommando über die ukrainischen Streitkräfte
führen. Im Vergleich zu Vorgänger Syrskyj gilt er als moderner und humaner.
DIR +++ Nachrichten im Ukrainekrieg +++: Ukraine feuert mehr als 400 Drohnen auf Moskau
Nach erneuten russischen Angriffen startet die Ukraine Gegenangriffe auf
die Region Moskau. Selenskyj bezeichnet das als eine gerechte Antwort.
DIR Angriffe auf die Hauptstadt der Ukraine: „Dann kommt der nächste Einschlag. Und der nächste“
Im Minutentakt feuert Russland in der Nacht Raketen auf Kyjiw. Die Ukraine
meldet zunehmend effektive Drohnenangriffe gegen Russlands Schattenflotte.
DIR Regierungsumbildung in der Ukraine: Schmutzige Wäsche waschen in Kyjiw
Die Absetzung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow löst Proteste aus.
Dessen Konflikte mit dem Oberbefehlshaber der Armee werden öffentlich
ausgetragen.
DIR Russische Angriffe auf die Ostukraine: Die Front rückt immer näher
Die Städte Slowjansk und Kramatorsk im Gebiet Donezk werden immer häufiger
Ziel russischer Luftangriffe. Doch der Wille, sich zu verteidigen, ist
ungebrochen.
DIR Krieg in der Ukraine: Zwischen Luftalarm und Machtpolitik
In Odessa versucht man die russischen Luftangriffe so gut es geht zu
ignorieren. Während wieder eine russische Raffinerie in Flammen steht,
bildet die Ukraine die Regierung um.