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       # taz.de -- AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt: Eine verlorene Generation
       
       > Die AfD in Sachsen-Anhalt startet ihren Wahlkampf und hat
       > Zustimmungswerte von 40 Prozent. Kein Wunder, die einstigen Neonazis sind
       > nie verschwunden.
       
   IMG Bild: Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, mit Anhänger:innen in Salzwedel
       
       Wo kommen nur die vielen AfD-Fans her? In öffentlichen Debatten entsteht
       für mich oft der Eindruck, der rechtskonservative Backlash sei ganz
       plötzlich vom Himmel gefallen. Allein das Wort „Rechtsruck“ suggeriert eine
       unvorhersehbare Veränderung. Da wählen die sogenannten unbescholtenen
       Bürger:innen auf einmal eine Partei, die mit rechten und zum Teil
       menschenverachtenden Parolen auf Bäuerinnen-Fang geht.
       
       So will die AfD in Sachsen-Anhalt, wo sie [1][vom Verfassungsschutz als
       gesichert rechtsextrem eingestuft wird], den Schwangerschaftsabbruch wieder
       kriminalisieren – ein Straftatbestand, der in der DDR bereits 1972
       abgeschafft wurde. Behinderte Kinder sollen zukünftig „normal begabte
       Kinder“ nicht in Integrationsklassen beim Lernen stören und die
       Regenbogenfahne soll an Schulen verboten werden. Dafür plädieren sie für
       das tägliche Hissen der Deutschlandfahne an pädagogischen Einrichtungen und
       „das gemeinsame Singen der Nationalhymne im Kreise der gesamten Schüler-
       und Lehrerschaft“ bei Feierlichkeiten.
       
       Außerdem will die AfD die Antifa zur Terrorvereinigung erklären, Gelder für
       „linksextreme Vereine“ streichen und „pervers-linke Agitation“ beenden. Das
       Grundrecht auf Asyl wollen sie gleich ganz abschaffen und in Sachsen-Anhalt
       aus sämtlichen Aufnahmeprogrammen austreten. Und mit genau diesen
       [2][nationalistischen, frauenfeindlichen, ableistischen und rassistischen
       Wahlversprechen] erhält die Partei Prognosewerte von rund 40 Prozent. Warum
       finden Wählende diese rückschrittlichen und menschenverachtenden Ziele
       unterstützenswert?
       
       Auch wenn es gruselig ist, überrascht mich das wenig. Denn ich stamme aus
       einem beschaulichen Dorf in Sachsen-Anhalt, am Rande des Harzes. Vor über
       15 Jahren verließ ich das Landleben für die Großstadt Berlin. Ganz hinter
       mir lassen kann ich aber weder meine Ostbiografie noch meine Erfahrungen.
       Trotz meiner queeren und linken Bubble finden sich in meinem erweiterten
       Bekanntenkreis heute unzählige Leute mit einem Faible für
       Rechtspopulist:innen.
       
       ## Keine „unbescholtenen Bürger:innen“
       
       Da ist zum Beispiel eine links denkende Freundin, deren alleinerziehende
       Mutter einst bei der SPD aktiv war und die in Rente plötzlich die gleichen
       vorurteilsbeladenen Parolen wie Rechte von sich gibt. Eine andere
       engagierte Freundin macht sich Sorgen, wo wohl ihre konservativen Brüder
       [3][mit einer gewissen Nähe zur Bundeswehr ihr Kreuz setzen werden].
       
       Und dann sind da noch all die alten Klassenkamerad:innen von der
       Realschule, mit denen ich einst Schulbank und Freundschaften teilte und die
       irgendwann auf dem Weg ins Erwachsenenleben scharf rechts abbogen. Da wird
       heute groß „Ostfront“ und Hetze gegen Geflüchtete gepostet, Corona
       geleugnet und Diskussionen um Tempolimit, Heizungsgesetz und Klimawandel
       als Beschneidung der eigenen Freiheit empfunden. Die Liste meiner
       Facebook-Blockaden ist lang.
       
       Für mich steht fest: Ein Großteil der AfD-Anhänger:innen war nie
       „unbescholten“. Nur haben sie es sich in den vergangenen Jahrzehnten bequem
       eingerichtet. Ich habe mich rechten Parolen widersetzt und die [4][Gewalt
       der Baseballschlägerjahre erlebt]. In meiner Gegend gab es Dörfer, die
       konnte und wollte ich nicht betreten, weil dort gewaltbereite Faschos die
       Mehrheit hatten.
       
       Es gab Dorffeste, da wurden lauthals Nazi-Lieder gesungen, während die
       Anwohner:innen fröhlich mitschunkelten. Und vor einer Grufti-Disko
       lauerten regelmäßig Schlägerhorden den Feiernden auf. Was wurde wohl aus
       den Baseballschläger-Trupps dieser Zeit, die im Übrigen nicht nur aus
       Männern bestanden?
       
       ## Die Schlägerbanden sind erwachsen geworden
       
       Damals tat man das als jugendliche Subkultur ab, als ein unschönes Problem
       im Osten. Dabei nutzten rechte Kameradschaften und Parteien den Mauerfall
       blitzschnell, um ihre Propagandamaterialien an Jugendeinrichtungen und an
       Schulen zu verteilen. Und die desorientierten Teenager:innen mit ihren
       arbeitslos gewordenen Eltern fielen darauf rein, während andere Erwachsene
       wegschauten.
       
       Polizei, Gerichte, Medien, Politik und Eltern begriffen lange nicht das
       Ausmaß der Gewalt in Ost und West. Man denke nur an NSU [5][und
       Rostock-Lichtenhagen]. Heute sind die gewaltbereiten Neonazis von damals
       wie ich Ü40. Sie haben sich größtenteils in ihrem kleinbürgerlichen Alltag
       eingerichtet, Familien gegründet, Ausbildungen gemacht, Berufe ergriffen
       oder Unternehmen gegründet.
       
       So wird der Webshop für die Kampagnen von [6][Sachsen-Anhalts
       AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund] von einem ausgewiesenen
       Rechtsextremisten betrieben. Torsten G. wird vom Verfassungsschutz als
       einer „der zentralen Akteure der rechtsextremen Szene“ eingeordnet. Er war
       bei der Jugendorganisation der NPD aktiv und wechselte später zur
       Identitären Bewegung (IB). Sein Unternehmen betreibt einen bekannten
       Szeneshop, der rechtsextreme Aufkleber und Bücher vertreibt.
       
       ## Kein reines Ost-Problem
       
       Und das ist nicht nur im Osten so. Walter Lübcke, Kassler CDU-Politiker,
       wurde 2019 von einem mehrfach vorbestraften Neonazi ermordet, der viele
       Jahre unauffällig in seinem Einfamilienhaus mit Frau und Kindern lebte.
       Aber im Osten wurden die sogenannten Wendejahre und der [7][Biografiebruch
       vieler Ostdeutscher] nie aufgearbeitet.
       
       Gerade für meine Generation – die Kinder und Jugendlichen der 90er Jahre –
       bedeutete der Mauerfall eine Identitätssuche unter außergewöhnlichen
       Umständen. Wer damals früh intensive Kontakte mit rechter Gehirnwäsche
       bekam, legt dieses Mindset so schnell nicht wieder ab.
       
       Ganz sicher sind die 40 Prozent Wählerschaft der AfD nicht alles ehemalige
       Schläger:innen. Aber sie finden hier eine lang ersehnte Heimat für ihr
       menschenverachtendes Weltbild. Und ist einmal eine kritische Masse
       erreicht, läuft das Schneeballprinzip unbegrenzt weiter, der
       gesellschaftliche Rechtsruck ist da keine Ausnahme. Deshalb müssen wir
       dringend die Zeit der „Baseballschlägerjahre“ aufarbeiten, damit nicht noch
       eine Generation verloren geht.
       
       21 Jul 2026
       
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