# taz.de -- Menschliches Miteinander: Die Soft-Skill-Krise
> Chatten mit KI statt mit Menschen, Soziophobie ist in. Zum Glück retten
> uns Menschen mit sozialen Kompetenzen im Lebenslauf.
IMG Bild: Im trostlosen Frankfurt am Main
Ich stehe an einer vollen Straßenkreuzung in Frankfurt am Main. Die Ampel
springt auf Rot. Ein dumpfer Knall. [1][Ein Kurierfahrer] liegt neben
seinem E-Bike auf dem Asphalt. Seine Tasche ist aufgeplatzt: Tomatensoße
spritzt gegen die Glasfassade eines Bankgebäudes. Zwei Männer in Anzügen
machen einen Ausfallschritt. Sie weichen der Szene aus wie einem
Softwarefehler.
Einer tippt auf sein Headset, als käme genau jetzt ein lebenswichtiger
Anruf. Die Menge fließt um den Fahrer herum wie Wasser um einen Poller.
Irgendwann ruft eine Frau einen Krankenwagen. Die Ampel springt auf Grün.
Autos hupen, als läge da niemand auf der Straße.
Ich lege den Kopf in den Nacken und schaue in den 27. Stock des
Bankgebäudes. Am Fenster steht eine Person. Schaut sie uns zu? Vielleicht
sucht sie jemand mit Soft Skills. Ein Essay im Harper's Magazine handelte
kürzlich von der sogenannten Soft-Skill-Krise in der Arbeitswelt. Soziale
Kompetenzen seien rar geworden. Ich nickte beim Lesen die ganze Zeit. Kein
gutes Zeichen, wenn schlaue Thesen zufällig zur eigenen Wahrnehmung passen
und sie dann mit der Wirklichkeit verwechselt werden.
Aber ich sehe schon länger eine Welt, die Empathie nicht voraussetzt,
sondern zertifiziert. In meinem Hausflur, beim Arzt, sogar im Club:
Soziophobie ist in. Lieber den Unfall von außen betrachten als sich
zuständig fühlen. Dafür gibt es schließlich Leute mit Soft Skills im
Lebenslauf.
Ausgerechnet [2][Empathie soll Menschen von Maschinen unterscheiden.]
Ständig sitzen Expert*innen in Polit-Sendungen, um KI die Fähigkeit zur
Empathie abzusprechen. Meistens lächeln sie dabei wie Politiker*innen, die
ihre menschenfeindliche Sozialpolitik rechtfertigen: leicht gequält, als
würden sie sich selbst nicht glauben, und irgendwie erleichtert, als hätten
sie die Grenze zwischen Mensch und Maschine gerade noch geschlossen.
## Nörgeln statt reden
Hm, erst heute Mittag fiel mir auf, dass ich den ganzen Morgen mit keinem
Menschen gesprochen hatte. [3][Nur mit ChatGPT.] Warum hypen alle die
KI-Frage? Weil sie so die Menschenfrage umgehen können?
Onkel Jürgen würde sagen: „Früher haben die Leute noch miteinander
geredet.“ Ja, habt ihr. Um an uns herumzunörgeln. An Grillabenden habt ihr
Unmengen Bier getrunken und euch gegenseitig auf die Schulter geklopft für
die Kreativität eurer Beleidigungen. Wegen unserer Frisuren, unserer
Wünsche, unserer Vorstellungen eines anderen Lebens.
Ihr hattet Eigenheime, Autos und Urlaube, die ihr euch nur leisten konntet,
weil Löhne stabil und Kredite billig waren – nicht, weil ihr so fleißig
wart. Empathischer war diese Welt nicht. Aber stand Empathie bereits in
Stellenanzeigen?
## Ein Leben ohne Mitgefühl
Womöglich ist es wie beim Straßenbau. Erst wird das Land so umgebaut, dass
ohne Auto nichts mehr geht. Danach gilt das Auto als Lösung. Heute ist das
Leben so organisiert, als käme es ohne Mitgefühl aus. Danach wird es als
Kompetenz verkauft.
Fuck, ich klinge wie Onkel Jürgen.
Der Kurierfahrer wird auf die Trage gehoben. Doch was ist mit dem Mann, der
mit dem Rollator an jeder Bordsteinkante nicht weiterkommt? Mit der Mutter,
die nicht weiß, ob ihre Kinder in Gaza noch leben? Mit der Person, die
keine Arbeit findet und deshalb depressiv ist? Mit der Person, die Arbeit
hat und deshalb depressiv ist?
Der Krankenwagen fährt davon. Die Person im 27. Stock steht noch am
Fenster. Ich winke ihr. Hoffentlich sieht sie mich nicht.
19 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Philipp Rhensius
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DIR Kolumne Was macht mich?
DIR Einsamkeit
DIR Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
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