# taz.de -- Rücktritt von Jens Spahn: Absturz eines Machtmenschen
> Jens Spahn war der mächtigste Christdemokrat nach dem Kanzler. Er hat
> viele Krisen überstanden. Jetzt ist er über eine Leihmutterschaft
> gestürzt.
IMG Bild: Immer noch Bundestagsabgeordneter und neuerdings Vater: Jens Spahn
Als es eigentlich schon vorbei ist, versucht Jens Spahn noch, den
öffentlichen Blick umzulenken. Weg vom Verlust der Glaubwürdigkeit, weg von
den Vorwürfen der Doppelmoral, die mit immer größerer Wucht in den
vergangenen Tagen auf ihn eingeprasselt waren. Hin zu Kinderfreude und
Familienglück.
„Mir ist in den letzten Tagen bewusst geworden, dass mein persönliches
Glück, gemeinsam mit meinem Mann eine Familie zu gründen und Vater zu
werden, nicht vereinbar ist mit meinem politischen Amt“, schreibt Spahn in
der Mitteilung an die Abgeordneten von CDU und CSU, in der er am
Samstagmittag seinen Rücktritt als Fraktionsvorsitzender erklärt. Das
klingt ein bisschen so, als ginge es um die Probleme der Vereinbarkeit von
Beruf und Familie, die viele Eltern kennen.
Selbst als Spahn den „Spagat zwischen meiner persönlichen Entscheidung zu
einem Kind durch Leihmutterschaft und der nachvollziehbaren Erwartung an
mich als Vorsitzenden unser Fraktion“ anspricht, heißt es lediglich: Dieser
sei größer geworden, als er erwartet habe. Was man wohl so deuten muss: Der
im Umgang mit Krisen durchaus erfahrene Spahn dachte, dass er durchkommt
mit seiner Entscheidung, gemeinsam mit seinem Mann in den USA mit Hilfe
einer Leihmutter ein Kind zu bekommen. Obwohl Leihmutterschaft in
Deutschland verboten ist. Obwohl die CDU strikt gegen Leihmutterschaft ist
und diese Ablehnung auf ihrem Parteitag im Februar noch einmal mit einem
Beschluss bekräftigt hat. Und obwohl Spahn selbst sich zur Leihmutterschaft
in der Vergangenheit kritisch geäußert hat.
Es hätte durchaus Auswege aus dem persönlichen Dilemma gegeben, das man
Spahn nicht absprechen kann: Er hätte sich auf dem Parteitag äußern und
deutlich machen können, dass sich seine Meinung geändert hat – und er
deshalb dem Antrag nicht zustimmen kann. Aber Spahn schwieg. Die Leihmutter
in den USA war zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger, Spahns Wiederwahl als
Fraktionschef im Mai dagegen stand noch bevor. Selbst der Kanzler ahnte
nichts vom Meinungswandel und der Familienplanung seines Fraktionschefs.
## Auch Merz überrumpelt
Friedrich Merz erfuhr von der Geburt des Kindes erst wenige Tage, bevor
Spahn und sein Mann diese am vergangenen Mittwoch via Bild öffentlich
machten. Merz gratulierte; die Sprengkraft, die in dieser Nachricht steckt,
hat also nicht nur Spahn dramatisch unterschätzt. Mit einer so großen
Empörungswelle habe er nicht gerechnet, gab Merz am Sonntag im vorab
bekannt gewordenen ZDF-Sommerinterview zu: „Zumindest nicht in diesem
Umfang“.
Doch es braute sich in der Partei schnell ein Sturm der Empörung zusammen,
in Chatgruppen und den sozialen Netzwerken, in Mails und am Telefon. Der
Landesvorsitzende aus Mecklenburg-Vorpommern und der Generalsekretär aus
Sachsen-Anhalt forderten öffentlich Spahns Rücktritt. Beide stecken aktuell
in schwierigen Wahlkämpfen mit einer starken AfD, beide wissen: Was Spahn
hier macht, bestätigt im Kern den Hass gegen die politische Klasse, mit dem
die AfD so erfolgreich zu Felde zieht. Also: Die da oben predigen Wasser
und saufen Wein.
In Telefonschalten wurde schnell klar: Die Landeschefs der CDU sind
mehrheitlich der Ansicht, dass Spahn nicht zu halten sei. Ähnlich äußerte
sich intern der Bundesvorstand der Frauen-Union am Freitagabend in einer
regulär stattfindenden Onlinesitzung. Das liegt auch daran, dass die
menschliche Fortpflanzung für die CDU ein ganz besonderes Thema ist. Eines,
das die Partei mit ihrem christlichen Menschenbild im Kern bewegt. Ein Kind
gegen Geld austragen zu lassen, das geht für die meisten
Christdemokrat:innen einfach nicht.
Danach drängte Merz Spahn zum Rücktritt. „Die Entscheidung ist richtig und
war unvermeidlich“, teilte der Kanzler, der auch CDU-Chef ist, in einer
eilig verschickten Presseerklärung am frühen Samstagnachmittag kühl mit.
Und weiter: „Glaubwürdigkeit ist in der Politik das höchste Gut.“
## Ist Merz froh, Spahn los zu sein?
Mit Jens Spahn ist der nach dem Kanzler mächtigste CDU-Politiker
zurückgetreten, ein begnadeter Netzwerker und Strippenzieher, dem auch
Kritiker bescheinigen, ein politisches Ausnahmetalent zu sein. Ob Merz froh
ist, Spahn los zu sein, ist schwer zu sagen. Als er diesen 2025 als
Fraktionschef vorschlug, waren viele überrascht, auch in den eigenen
Reihen. An der Fraktionsspitze braucht der Kanzler Loyalität, doch genau
das galt nie als Spahns Kernkompetenz.
In den ersten 14 Monaten der Koalition hat Spahn eine ambivalente Rolle
gespielt. Dass es zunächst gar nicht rund lief, lag auch an ihm. Der
Tiefpunkt dabei: [1][Das Scheitern der Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf zur
Richterin am Bundesverfassungsgericht][2][.] Die Mehrheit in der
Unionsfraktion stand entgegen vorheriger Zusagen nicht, als Fraktionschef
war das Spahns Verantwortung. Die Koalition zog deshalb mit einer
veritablen Krise in ihre ersten Sommerferien. Auch in der Causa
Brosius-Gersdorf hat die menschliche Fortpflanzung eine entscheidende Rolle
gespielt, genauer gesagt: das Thema Abtreibung.
Inzwischen aber hatte sich die Zusammenarbeit mit Matthias Miersch
stabilisiert, Spahns Counterpart von der SPD – die beiden sprachen in den
vergangenen Monaten vor allem gut übereinander. Selbst Kritiker in der
eigenen Fraktion sagen, dass Spahn die Fraktion zuletzt gut geführt habe.
Auch dass er deren Position gegenüber dem Kanzler deutlich vertrat, ist gut
angekommen. „In der Erarbeitung der großen Reformvorhaben der letzten
Wochen war Jens Spahn eine wichtige Stütze der Koalition“, heißt es in der
Presseerklärung des Kanzlers.
Spahn, schwuler Katholik aus dem Münsterland, sitzt seit 24 Jahren im
Bundestag, mehr als sein halbes Leben. Der ehemalige Gesundheitsminister
gilt als konservativ und ehrgeizig, provokativ und mitunter skrupellos. Als
einer, der stetig – und immer wieder erfolgreich – daran gearbeitet hat,
seine Partei weiter nach rechts zu verschieben. Spahn hat zahlreiche
Affären bereits überstanden, vermutlich ist er auch deshalb davon
ausgegangen, dass das auch dieses mal wieder gelingt. Und vielleicht ist
auch deshalb der Unmut in der Basis so groß.
## Ein Villakauf und ein Maskenskandal
[3][Da ist zum Beispiel der Kauf einer Villa im Berliner Stadtteil Dahlem
für rund vier Millionen Euro, dessen Finanzierung zumindest Fragen
aufwarf.] Da ist das Spendendinner zur Coronazeit, bei dem sich Spahn mit
einem Dutzend Unternehmer in Leipzig traf, obwohl er als
Gesundheitsminister wegen der Ansteckungsgefahr vor persönlichen
Zusammenkünften warnte. Mehrere Teilnehmer spendeten später 9.900 Euro an
Spahns örtlichen Kreisverband, ab 10.000 Euro müssen Spenden gemeldet
werden. [4][Und da sind natürlich Spahns Maskendeals, also die viel zu
umfangreichen und viel zu teuren Bestellung von Masken während der
Pandemie], schlecht gemanagt ausgerechnet von einem Unternehmen aus Spahns
Heimat. Der Schaden beträgt Milliarden.
Spahn ist auch für seine Kontakte zu, nun ja, illustren politischen
Persönlichkeiten auf der rechten Seite des politischen Spektrums bekannt.
Er bewunderte den früheren österreichischen Kanzler Sebastian Kurz,
zelebrierte seine Freundschaft mit dem ehemaligen US-Botschafter Richard
Grenell, ist gut bekannt mit Ex-Bild-Chef und heutigen Nius-Betreiber
Julian Reichelt. Er reiste zum Parteitag der Republikaner in die USA,
betonte thematische Gemeinsamkeiten mit Donald Trump. Jüngst wurde bekannt,
dass Spahn zwischen 2018 und 2024 an fünf so genannten Dialog-Treffen des
Techunternehmers Peter Thiel teilnahm, der aus seiner Verachtung für die
Demokratie keinen Hehl macht.
Auch soll Spahn eine der treibenden Kräfte gewesen sein, als die
Unionsfraktion im Januar 2025 gemeinsam mit der AfD einen Antrag zur
Verschärfung der Migrationspolitik durch den Bundestag gebracht hat.
Während andere vor der Normalisierung der extrem rechten Partei warnten,
empfahl Spahn der Union via Bild kurz danach mit der AfD als
Oppositionspartei so umzugehen „wie mit jeder anderen Oppositionspartei
auch“. Mit Äußerungen wie dieser ist Spahn zum Hoffnungsträger derer in
seiner Partei geworden, die sich mehr Flexibilität im Umgang mit der AfD
wünschen – und ein Ende der Brandmauer.
Der Politikwissenschaftler Thomas Biebricher, der sich viel mit der CDU und
dem Rechtsdrift konservativer Parteien beschäftigt hat, traut Spahn bereits
seit Längerem zu, die CDU irgendwann in Richtung AfD zu öffnen. [5][„Jens
Spahn gehört zu den gefährlichsten Personen im CDU-Orbit“, so hat er es der
taz bereits im Januar 2025 gesagt.] Und: „Von Jens Spahn kann man sich
vorstellen, dass er bereit wäre, die Christdemokratie in etwas zu
transformieren, was nicht mehr Christdemokratie ist.“
## Spahn will Bundestagsmandat behalten
Merz muss nun in Absprache mit CSU-Chef Markus Söder eine Nachfolge für den
Fraktionsvorsitz finden, das soll vor dem Beginn seines Urlaubs gelingen,
der Ende des Monats beginnt. Am Montag berät das CDU-Präsidium. Unklar ist
bislang, ob es eine kleine Lösung geben wird oder doch gleich eine ganze
Personalrochade – wenn etwa Kanzleramtschef Thorsten Frei auf den
Fraktionsvorsitz wechseln und selbst ersetzt werden müsste.
Über diese Variante wird im politischen Berlin schon länger spekuliert. Für
die eine oder andere Position werden auch Innenminister Alexander Dobrindt
(CSU) gehandelt, auch der Bundestagsabgeordnete Günter Krings,
CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann und Gesundheitsministerin Nina
Warken. Für Merz kann die Neuaufstellung beides werden: Ein Neustart in
eine erfolgreichere Kanzlerschaft. Oder eine Wiederholung des Schlamassels
zu deren Beginn.
Und Jens Spahn? Spahn ist nur vom Fraktionsvorsitz zurückgetreten, sein
Bundestagsmandat will er offenbar behalten. Von hier könnte er durchaus zu
gegebener Zeit seine Rückkehr in die Spitzenpolitik planen. Dann würde auch
das rhetorische Manöver in seinem Rücktrittsschreiben Sinn ergeben. Einen
Fehltritt wegen eines leidenschaftlichen Kinderwunschs würde die Partei
wahrscheinlich leichter verzeihen. Spahn ist 46 Jahre alt, er kann warten.
19 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Sabine am Orde
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