# taz.de -- Kernfusion zur Energiegewinnung: Investoren greifen nach den Sternen
> Risikokapitalgeber stecken so viel Geld in Kernfusion wie nie zuvor.
> Manches Start-up kommuniziert bereits abenteuerliche Zeitpläne.
IMG Bild: Der in Bau befindliche internationale Versuchs-Kernfusionsreaktor ITER in Frankreich
Start-ups, die Kernfusion zur Marktreife bringen wollen, konnten weltweit
in den vergangenen zwölf Monaten Kapital in Höhe von 4,48 Milliarden
US-Dollar einwerben – 69 Prozent mehr als im Vorjahr. Das geht aus dem
[1][Global Fusion Industry Report] des Branchenverbandes Fusion Industry
Association (FIA) hervor.
Seit dem ersten Report im Jahr 2021 habe die Branche, die weltweit 56
Unternehmen umfasst, schon 14,24 Milliarden US-Dollar akquirieren können.
Das meiste Geld konnte bisher die Firma Commonwealth Fusion Systems an Land
ziehen, eine Ausgründung des Massachusetts Institute of Technology (MIT).
Nach Branchenangaben arbeiten im Sektor Kernfusion heute weltweit mehr als
16.000 Menschen.
Die Investoren werden aktuell durch das Thema KI beflügelt, denn die
Geldgeber erwarten einen massiv wachsenden Strombedarf. Unterdessen gehen
die Start-ups zum Teil bereits mit abenteuerlichen Zeitplänen hausieren:
Das US-amerikanische Start-up Helion Energy zum Beispiel will schon im Jahr
2028 Strom liefern, speziell an Microsoft. So richtig glauben mag das die
Mehrheit der Fusionsforscher aber nicht.
Ein Indiz, wie weit die Fusion noch von der Marktrelevanz entfernt ist, ist
das Schweigen der Wirtschaftsberatungsgesellschaften. Angefragte
Unternehmen, die ansonsten im Energiesektor sehr firm sind, machen keine
Aussagen zum Risikoprofil der einschlägigen Investitionen. In der
Öffentlichkeit kennt man schließlich seit Jahrzehnten die sarkastisch
formulierte „Fusionskonstante“, wonach die Stromerzeugung durch einen
Fusionsreaktor immer dreißig oder sogar noch fünfzig Jahre in der Zukunft
liegt.
## Start-ups legen Tempo vor
Gleichwohl ist unverkennbar, dass die Start-ups gerade ein Tempo vorlegen,
das die staatlich finanzierte Grundlagenforschung nie kannte. Die
Milliarden, die Investoren in die private Fusionsbranche stecken sowie das
starke Engagement einzelner Staaten wie China hätten dem Forschungsfeld
„eine nie dagewesene Dynamik gebracht“, sagt Sibylle Günter,
wissenschaftliche Direktorin des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik
(IPP) in Garching und Greifswald. Nachdem „zuletzt wichtige
wissenschaftliche Meilensteine in der Fusionsforschung erreicht“ worden
seien, halte sie persönlich „die Realisierung eines ersten Kraftwerks
innerhalb von zwei Jahrzehnten für machbar, wenn wir jetzt Gas geben“.
Die privaten Unternehmen, die um das Geld der Investoren buhlen, zeigen
sich naturgemäß forscher – zumindest nach außen: 71 Prozent der
Fusionsunternehmen gehen laut FIA-Umfrage davon aus, dass die erste
Fusionsanlage in den 2030er Jahren kommerziell Strom liefern wird.
Trotz des erheblichen Anstiegs der Investitionen durch Risikokapitalgeber
bleibt die „Finanzierung nach wie vor die größte kurzfristige
Herausforderung“, erklären zwei Drittel der befragten Unternehmen. Die
benötigte Summe zur Entwicklung eines Fusionskraftwerks beziffern die
Unternehmen auf 100 Millionen bis 10,9 Milliarden US-Dollar. Demnächst soll
frisches Kapital auch über die Börse kommen: Zwei Unternehmen, TAE
Technologies und General Fusion, bereiten sich gerade darauf vor, 2026 an
die Technologiebörse Nasdaq zu gehen.
Auch vier deutsche Start-ups gibt es, drei davon sitzen im Großraum
München, eines in Darmstadt. Zu den Firmen zählen Proxima Fusion und Gauss
Fusion, die beide auf die Magnetfusion setzen. Dort wird ein bis zu 150
Millionen Grad heißes Plasma in starken Magnetfeldern eingeschlossen.
Entsprechende Forschung gibt es in Greifswald am Forschungsreaktor
Wendelstein 7-X des IPP (Bautyp: Stellarator) oder in Garching (Bautyp:
Tokamak). Auch der in Bau befindliche internationale Fusionsreaktor ITER in
Frankreich ist ein Tokamak.
Unterdessen setzen die beiden weiteren deutschen Firmen, Marvel Fusion und
Focused Energy, auf eine Laserfusion, bei der winzige Brennstoffkügelchen
mit Laserpulsen beschossen werden.
Doch trotz der großen Dynamik in der Forschung und der großzügigen
Investoren ist der Weg zur praktischen Anwendung noch weit. Manche
technischen Aspekte sind noch ungelöst. Das fängt zum Beispiel damit an,
dass die Herkunft des nötigen Brennstoffs noch nicht geklärt ist.
Ein Fusionsreaktor erzeugt Energie, indem er die beiden Isotope des
Wasserstoffs, Deuterium und Tritium, zu Helium verschmilzt – ein Prozess,
der sich an die Vorgänge im Innern der Sonne und anderer Sterne anlehnt.
Deuterium, der „Schwere Wasserstoff“, ist reichlich verfügbar, weil etwa
eines von 6.400 Wasserstoffatomen ein Deuterium-Atom ist. Tritium hingegen,
„Überschwerer Wasserstoff“ genannt, ist radioaktiv und damit instabil. Es
muss zuvor erzeugt werden, was im Fusionsreaktor durch Neutronenbestrahlung
von Lithium gelingen kann, eine Art Brutprozess. Dieses Verfahren ist
technisch noch nicht praktikabel umgesetzt.
Auch lässt sich das Plasma, in dem die Fusion stattfinden soll, noch nicht
ausreichend stabil aufrechterhalten. Aber so funktionieren eben die
Kapitalmärkte: Oft bewegt die Fantasie die Milliarden.
19 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.fusionindustryassociation.org/fusion-industry-reports/
## AUTOREN
DIR Bernward Janzing
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