# taz.de -- Wie Reiche die Energiewende bremst: Scharfe Kritik an Plänen der Wirtschaftsministerin
> Der Entwurf für das Erneuerbare-Energien-Gesetz liegt vor – und nicht nur
> Fachverbände äußern Bedenken. Auch Stimmen aus CDU und SPD werden laut.
IMG Bild: Erntet Kritik: Bundesministerin für Wirtschaft und Energie Katherina Reiche CDU
Sie wurden lange erwartet und lösen wenig Begeisterung aus:
[1][Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU)] hat Entwürfe für
die Novellierung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) und die
Neuregelungen zum Stromnetz vorgelegt. Darin enthalten sind schwerwiegende
Einschnitte, etwa für Betreiber Erneuerbarer-Energie-Anlagen. Verbände und
Opposition üben deshalb harsche Kritik. Sie fürchten, dass die Energiewende
dadurch ausgebremst wird.
Am Freitag hatte Reiche ihre Entwürfe in die Anhörung gegeben. Nur bis
Mittwoch haben Verbände nun Zeit, Stellung zu der sehr komplexen Materie zu
nehmen. Der gesamte Zeitplan ist knapp: Ende des Jahres läuft das
derzeitige EEG aus. Gibt es bis dahin keine neue, von der EU genehmigte
Fassung, sind die Finanzierungsgrundlagen für neue Anlagen völlig unklar.
Dann würde ein abrupter Stopp des erneuerbaren-Ausbaus drohen.
Laut den Gesetzentwürfen, die der taz vorliegen, hält die Bundesregierung
an dem Ziel fest, dass bis 2030 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren
Quellen stammen soll. Der Ausbau der Erneuerbaren und der Netzausbau solle
aber synchronisiert werden, heißt es aus Ministeriumskreisen.
Bislang waren [2][nur geleakte Entwürfe zu den geplanten Änderungen]
bekannt. Darin ging es unter anderem um die Redispatch-Entschädigung. Das
ist ein fester Betrag, den Betreiber erhalten, wenn das Netz ihren Strom
nicht aufnehmen kann – zum Beispiel, weil zu viel Sonne scheint und
zugleich die Stromnachfrage gering ist. Diese Ausgleichszahlung macht die
Erträge kalkulierbar, was für Banken oft entscheidend für die Gewährung von
Krediten ist.
## Der Paradigmenwechsel kommt
Reiche hatte dies zunächst ganz streichen wollen. Der Plan stieß auf
massive Kritik, woraufhin die Ministerin [3][Kompromissbereitschaft gezeigt
hat.] In Zukunft sollen die Netzbetreiber Gebiete als „kapazitätslimitiert“
ausweisen, in denen Anlagen oft ausgeschaltet werden. Dort können weiterhin
erneuerbare Anlagen errichtet werden, aber die Betreiber sollen auf einen
Teil der Redispatch-Entschädigung verzichten.
Das soll bis zu 20 Prozent der jährlichen Stromvergütung betreffen können
und bis zu sechs Jahre möglich sein. Das Ministerium bleibt damit bei einem
Paradigmenwechsel: Das Risiko eines unzureichenden Netzausbaus wird
teilweise auf Betreiber von erneuerbaren Anlagen übertragen. Gleichzeitig
bekommen die Netzbetreiber mehr Macht, etwa bei den Anschlussbedingungen.
## Keine feste Einspeisevergütung mehr
Für ab 2027 laufende Solaranlagen mit weniger als 25 Kilowatt installierter
Leistung soll es keine dauerhafte feste Einspeisevergütung mehr geben.
Eigentümer:innen sollen den Strom selbst vermarkten. Statt einer
kompletten Streichung der Einspeisevergütung ist jetzt eine Übergangsfrist
bis 2029 vorgesehen. Danach soll die Direktvermarktung beginnen. Sie wird
über Dienstleister erfolgen, die den Strom an der Börse verkaufen. Diese
Preise sind nicht kalkulierbar.
Der Bundesverband Erneuerbare Energien (BEE) findet das falsch. „Die Pläne
bremsen private Investitionen, halten Haushalte länger in fossiler
Abhängigkeit und gefährden zehntausende Arbeitsplätze“, sagt
BEE-Präsidentin Ursula Heinen-Esser. Die Christdemokratin war von 2018 bis
2022 Umweltministerin in NRW. Der Ausbau der Erneuerbaren werde
ausgebremst, kritisiert sie. „Statt verlässlicher Investitionsbedingungen
schafft die Bundesregierung neue Unsicherheit“, sagt sie.
Der BEE hält die Einschnitte bei der Entschädigung für abgeschaltete
erneuerbare Anlagen für zu weitgehend. „Bei einer Anlagenlaufzeit von rund
20 Jahren entsprechen sechs Jahre noch immer einem Drittel dieser Dauer“,
sagt Heinen-Esser. Das sei für Projekte potenziell existenzbedrohend. Die
Veränderungen am geleakten Entwurf seien „Augenwischerei“. Positiv wertet
der Verband, dass die Bundesregierung die ausgeschriebenen Mengen für
Windenergie an Land und Freiflächensolaranlagen wollen.
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) sieht eine erhebliche Schieflage in den
Gesetzentwürfen. „Die Bundesregierung verlagert die Folgen eines
unzureichenden Netzausbaus auf diejenigen, die die Energiewende überhaupt
erst möglich machen“, so Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner.
Vorgaben für Netzbetreiber zu Transparenz und Digitalisierung blieben in
den Entwürfen vielfach unverbindlich, während Betreiber:innen
erneuerbarer Anlagen stärker in die Pflicht genommen würden. „Diese
Schieflage ist fatal, denn nicht der Ausbau der Erneuerbaren, sondern der
verschleppte Netzausbau ist zum Nadelöhr der Energiewende geworden“, sagt
er.
## Kritik auch aus der SPD
Aus der mitregierenden SPD kommt ebenfalls Kritik an Reiches Plänen. „Im
Ergebnis müssen beide Gesetzesentwürfe einen beschleunigten Umstieg auf
erneuerbare Energien ermöglichen – und dies ist immer noch nicht der Fall“,
sagt Nina Scheer, energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion.
Gerade in Zeiten massiver Energiekrisen und Hitzewellen würden mehr
Erneuerbare und mehr Anreize gebraucht. „Neu gesetzte regulatorische
Hemmnisse sind hiermit unvereinbar“, erklärt sie.
Auch nach Auffassung der Grünen droht der Ausbau der Erneuerbaren abgewürgt
zu werden. Katherina Reiche verteile die Risiken nicht fair zwischen
Netzbetreibern und Betreibern von erneuerbaren Anlagen, sagt der grüne
Bundestagsabgeordnete und frühere Wirtschaftsstaatssekretär Michael
Kellner. „Diejenigen, die zu langsam sind, werden geschont und diejenigen,
die die Energiewende vorantreiben wollen, werden gebremst.“
Die Energiewende sei in Deutschland erfolgreich, weil Millionen Menschen
daran mitwirken. Das sei möglich, weil mit dem EEG ein unkomplizierter Weg
der Teilhabe geschaffen worden sei. „Das soll jetzt komplizierter werden“,
kritisiert er. „Davon profitieren nicht die Bürgerinnen und Bürger, sondern
die Konzerne.“
Die wirtschaftspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Janine
Wissler, wirft Katherina Reiche vor, die Erneuerbaren unwirtschaftlicher zu
machen. „Das ist für Anbieter von erneuerbaren Energien eine Katastrophe.“
Jahrzehntelang seien fossile Energien hierzulande „gepampert“ worden – bei
Erneuerbaren werde dagegen auf die Bremse gedrückt, obwohl sie die
kostengünstigste Art der Energiegewinnung seien. Wissler: „Das ist
angesichts der Hitzewellen und der globalen Wirtschaftslage wirklich
niemandem zu erklären.“
20 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Katherina-Reiche/!t6100268
DIR [2] /Nach-dem-Leak-zum-Netzausbau-Gesetz/!6155963
DIR [3] /Umstrittene-Energiepolitik-der-Regierung/!6186120
## AUTOREN
DIR Anja Krüger
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