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       # taz.de -- SPD-Wahlkampf in Berlin: Krach noch viel zu leise
       
       > Linke und CDU liefern sich im Wahlkampf ein Wettrennen um Platz eins.
       > Ganz hinten liegt die SPD. Was heißt das für Spitzenkandidat Steffen
       > Krach?
       
   IMG Bild: Steffen Krach bei der Vorstellung seiner Plakatkampagne im Kreuzberger Lido
       
       Früher Nachmittag auf der Schloßstraße in Steglitz. Vor einem Pärchen am
       Stehtisch eines Imbisses taucht plötzlich Steffen Krach auf. Der jugendlich
       wirkende Mann mit dem Kurzhaarschnitt schiebt den beiden gut gelaunt einen
       Flyer zu. „Mein Berlin-Versprechen“ ist darauf zu lesen. Es ist ein
       100-Tage-Programm mit elf Versprechen, die Steffen Krach in Aussicht
       stellt. Punkt 1: „Keine Baustellen-Einrichtung ohne Aktivität“.
       
       Im wohlhabenden Südwesten Berlins hat Steffen Krach, der Spitzenkandidat
       der SPD für die Wahl zum Abgeordnetenhaus am 20. September, wenig Probleme,
       ins Gespräch zu kommen. Auch das Pärchen hört ihm zu. Der Mann ist
       Berliner, lebt mit seiner Frau in Chile. Krach rät ihm, Briefwahl zu
       beantragen. Dann zieht er weiter.
       
       Zu diesem Zeitpunkt kennt der Frontmann der SPD noch nicht die [1][jüngste
       Umfrage] von Infratest Dimap. Vergangenen Freitag wurde sie vom RBB
       veröffentlicht. Nur noch auf 12 Prozent würde die Berliner SPD kommen,
       sollte schon am Sonntag gewählt werden. Bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus
       2021 waren es mit 21,4 Prozent fast doppelt so viel. An der Partei Willy
       Brandts hängt inzwischen die Rote Laterne. Sie flackert nur noch schwach.
       
       Steffen Krach will von solchen Zahlen nichts wissen. „Noch ist nichts
       entschieden“, sagt er der taz auf der Schloßstraße. „Die Leute wollen keine
       unrealistischen Versprechen, sondern eine realistische Politik.“ Zu der
       gehören wohl auch die Baustellen der Stadt, auf denen sichtlich nicht
       gearbeitet wird. Versprechen 2 und 3: Der Sperrmüll soll wieder abgeholt
       werden und das E-Scooter-Chaos beendet.
       
       Zehn bis zwölf Wahlkampftermine wie den in Steglitz absolviert Steffen
       Krach derzeit täglich, dabei beginnt der Plakatwahlkampf erst Anfang
       August. Doch der SPD-Kandidat will aufholen. Nicht nur beim Umfrageergebnis
       seiner Partei. Auch bei seiner eigenen Bekanntheit. Nur 33 Prozent der
       Berlinerinnen und Berliner wissen, wer er ist.
       
       ## Aufbruchstimmung ist verpufft
       
       Das ist zwar mehr als die Bekanntheit der Linken-Kandidatin Elif Eralp (27
       Prozent) und des Grünen Werner Graf (24 Prozent). Aber reicht das als
       Startpunkt für eine Aufholjagd? Nur so zum Vergleich: [2][In den Wahlkampf
       zur Wiederholungswahl 2023 startete Franziska Giffey mit einer Bekanntheit
       von 97 Prozent].
       
       Als Steffen Krach von den Delegierten der SPD auf einem Landesparteitag im
       November 2025 nominiert wurde, lagen viele Hoffnungen auf dem 46-Jährigen.
       Einer von außen zeigte sich da der zerstrittenen Partei, aber auch einer,
       der Berlin kennt: Von 2014 bis 2021 hat der gebürtige Hannoveraner in
       Berlin als Staatssekretär für Wissenschaft gearbeitet. Ein Rückkehrer also,
       einer, der weiß wie der Laden läuft, aber nicht zum abgenutzten Personal
       der Hauptstadt-SPD gehört.
       
       „Riesenglücksfall“ und „Gewinnertyp“: Das waren die Worte, die auf dem
       Parteitag über Krach zu hören waren. Auch „Aufbruchsvibe“ gehörte dazu.
       Steffen Krach, so schien es damals, kann der blutleeren SPD in der
       Hauptstadt wieder neues Leben einhauchen.
       
       Dann der erste Dämpfer. Im März stellte Krach im hippen Indieschuppen Lido
       in Kreuzberg seine Plakatkampagne vor. „Wieder Berlin“ lautet der Claim. Er
       spielt mit dem Berlingefühl, das Krach vorgefunden hat, als er 2002 mit 23
       Jahren nach Berlin gezogen war. „Eine unglaubliche Dynamik war da“,
       schwärmte er im Lido. „Berlin war ein Zentrum der Kreativen und Mutigen.
       Jeder wollte dorthin.“
       
       Und dann ging Krach Kai Wegner an. Sprach von „Ambitionslosigkeit“ im Roten
       Rathaus, zum Beispiel bei der Bewerbung Berlins um die Expo oder die
       Olympischen Spiele. „Wer soll ins Rote Rathaus einziehen, um den Mut in
       diese Stadt zurückzubringen?“, fragte Krach.
       
       Aus heutiger Sicht sind von diesem Termin zwei Dinge hängen geblieben.
       Erstens: Die Kampagne fiel durch. Viel zu Retro, meinten die einen zu
       „Wieder Berlin“. Andere witzelten „Nie wieder Berlin“.
       
       ## Ohne Kai Wegner fehlt der Gegner
       
       Was zweitens hängen bleibt: Mit Kai Wegner ist Steffen Krachs
       Sparringspartner aus dem Ring geschlichen. Nachdem bekannt geworden war,
       dass Wegner entgegen allen früheren Angaben am Tag des Stromausfalls erst
       um 12.45 Uhr das erste Telefonat geführt hatte, ging Krach, sonst eher kein
       Lautsprecher, auf maximale Distanz. Sprach nicht mehr von der
       „Ambitionslosigkeit“, sondern formulierte eine Kampfansage: „Ich werde es
       in keiner Konstellation zulassen, dass Kai Wegner in einem künftigen Senat
       eine Rolle übernehmen kann.“
       
       Ein Tabubruch war das, denn in Personalangelegenheiten anderer Parteien hat
       sich bislang noch kein Koalitionspartner eingemischt. Zwar tat Kai Wegner
       Krach den Gefallen und legte die Spitzenkandidatur kurz darauf nieder.
       „Berlin kann wieder aufatmen, ein quälender Prozess ist zu Ende“,
       kommentierte Krach Wegners Rückzug.
       
       Doch allzu groß war die Freude in der SPD darüber nicht. Mit Wegner ging
       ausgerechnet derjenige, auf den Krach bislang seinen Wahlkampf
       zugeschnitten hatte.
       
       Krach selbst kann also nicht aufatmen. Selbst das Kalkül des
       Spitzenkandidaten, auf Distanz zur Koalition mit der CDU zu gehen und damit
       auch zur eigenen Partei, ist bislang nicht aufgegangen. Mehr
       Mobilitätswende, keine Wohnungen auf dem Tempelhofer Feld, ein neuer
       Mietendeckel: All das wird sicher die Sondierungen erleichtern, wenn es
       nach der Wahl zu Gesprächen mit Grünen und Linkspartei kommt.
       
       Eine Trendwende in den Umfragen haben diese Absetzbewegungen bislang aber
       nicht gebracht. Auch wenn der Kandidat gerne von außen das Spielfeld
       beackern möchte, bleibt er doch ein Gefangener seiner Partei, wird
       mitverantwortlich gemacht für den Stillstand und den Rückschritt, den
       Berlin unter CDU und SPD erlebt.
       
       ## SPD setzt nun auf Krachs Erfahrung
       
       „Die Linken versprechen gerade alles“, sagt Steffen Krach auf dem Weg zum
       Walther-Schreiber-Platz. „Wir stehen dagegen für eine seriöse und
       realistische Politik.“ Ist Steffen Krach dabei, einen neuen Gegner
       ausfindig zu machen?
       
       Krach weiß natürlich, dass die Linkspartei einen Lauf hat. Schon Kai Wegner
       hat die Partei als schärfsten Rivalen der CDU ausgemacht. Auch
       Finanzsenator Stefan Evers, der nach Wegners Rückzug für die CDU als
       Spitzenkandidat ins Rennen geht, hat sich sogleich auf die Linkspartei
       eingeschossen, warnt vor einem „linksgrünen Bündnis“.
       
       Auch wenn das in Steglitz nicht zu spüren ist, steht Berlin vor einem
       polarisierenden Lagerwahlkampf. Auf der einen Seite die Linkspartei, die
       vor allem auch von den U-18-Erstwählern profitieren dürfte. Und auf der
       anderen Seite die CDU, von der Steffen Krach glaubt, dass sie mit Stefan
       Evers nach rechts rücken wird.
       
       Wie die SPD stecken auch die Grünen in dieser Sandwichsituation. Doch die
       haben immerhin einen Markenkern. Wer weniger Autos und mehr Fahrradstraßen
       will, wählt Grün.
       
       Aber warum sollte man SPD wählen, Steffen Krach?
       
       Steffen Krach nennt auf der Steglitzer Schloßstraße seine Jahre als
       Staatssekretär in Berlin und sein Amt in Hannover, das er 2021 angetreten
       hat. Als Regionspräsident leitete er einen [3][Kommunalverband mit 1,1
       Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern]. Der Spin, den auch Krachs
       Wahlkampfteam verbreitet, lautet: Steffen Krach hat Erfahrung. Und: Schaut
       euch mal die Mitbewerber an. Welche Erfahrung haben die denn?
       
       Bislang ist diese Erzählung nicht bei den Wählerinnen und Wählern
       angekommen. Mehr noch: Statt Krach zu machen, wie einer der SPD-Claims
       lautet, ist die SPD mit ihrem scheinbar unverbrauchten und erfahrenen
       Spitzenkandidaten sang- und klanglos abgerutscht. Einen Krach-Bonus, wie
       ihn die Delegierten des Parteitags im November erhofften, hat es zu keiner
       Zeit gegeben.
       
       Vielleicht muss die SPD gerade schmerzlich erfahren, dass sie trotz eines
       Kandidaten, der wieder nach Berlin zurückgekehrt ist, aus der Nummer mit
       der CDU nicht rauskommt. Dass die Partei, die seit 1989 in jeder
       Landesregierung saß, am 20. September die Quittung bekommen könnte.
       
       Und Steffen Krach gleich mit. Seine neue Hoffnung im Wahlkampf heißt
       deshalb Evers. Nicht nur nach rechts führe der die CDU. Er mache sie auch
       unsozialer als bisher. „Hände weg von den Familien!“, fordert Steffen Krach
       einen Tag nach seinem Wahlkampfeinsatz in der Berliner Schloßstraße. Zuvor
       hatte der CDU-Kandidat die Abschaffung des kostenlosen Schulessens für alle
       verlangt.
       
       „Stefan Evers lässt jetzt endgültig die Maske fallen und fährt mit der CDU
       einen Frontalangriff auf die Familien in Berlin“, kritisiert Krach. Gut
       möglich, dass er bald noch lauter wird.
       
       20 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://www.rbb24.de/politik/berlin-wahl-2026/beitraege/berlin-trend-sonntagsfrage-abgeordnetenhaus-wahl.html
   DIR [2] https://www.bz-berlin.de/berlin/so-punkten-die-spitzenpolitiker-bei-den-berlinern
   DIR [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Region_Hannover
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Uwe Rada
       
       ## TAGS
       
   DIR Schwerpunkt Wahlen in Berlin
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