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       # taz.de -- Krise des Einzelhandels: Damit der Pralinenladen bleibt
       
       > Kleine Geschäfte schließen, größere Ketten eröffnen Filialen. Denn nur
       > sie können die hohen Mieten zahlen. Andere Länder gehen dagegen vor –
       > aber wie?
       
   IMG Bild: Brauchen wir in Deutschland einen Milieuschutz für Läden?
       
       Plötzlich hängt da das Schild „Wir schließen“, die Fenster sind nicht
       geputzt. Der Bäcker, der so lange da war: zu. Der Bastelladen, bei dem sich
       schnell Kleber, Deko, auch das Schulheft kaufen ließen: weg. Das
       Traditionscafé: dicht. Kleine Geschäfte, in denen die Besitzerin, der
       Inhaber hinter Theke oder Kasse stehen, verschwinden. Lässt sich das
       retten?
       
       Das Ladensterben ist nicht neu. Alles und jedes lässt sich im
       Internetkaufhaus bestellen und nach Hause liefern. Erst kam Corona, dann
       stiegen die Energiepreise. Aber das ist es nicht allein.
       
       Esther Kempa hat seit fast 25 Jahren einen kleinen Laden, die „Chocolaterie
       Estrella“ in Berlin, Akazienkiez. Das Viertel ist angesagt, es bummelt sich
       dort gut. Zu Kempa kommen nicht nur Anwohner, sondern auch Berlinbesucher
       aus der Ferne. Sie kaufen ihre Pralinen, die Kempa aus einer Bamberger
       Manufaktur bekommt oder selbst macht. Kundschaft hat sie, das macht ihr
       keine Sorgen – die Gewerbemieten und die Entwicklung in ihrer Straße schon.
       Mit einem neuen Mietvertrag Mitte der 2020er Jahre muss sie bereits 40
       Prozent mehr zahlen. Sie meint: „Da werden Preise genommen, die können sich
       nur noch Handelsketten leisten.“
       
       Sie beobachtet, wie sich ihre Umgebung verändert. Nebenan hat ace & tate,
       ein niederländisches Brillenunternehmen eröffnet, gegenüber die
       Bio-Bäckereikette Zeit für Brot. Die Kaffeekette Lap ist in ihre Straße
       gezogen, der Burgerladen Burgermeister ebenso. Der sagt von sich: „Wir
       eröffnen nicht Stores. Wir skalieren ein System.“ Heißt: Sie expandieren.
       
       ## Vermieter überfordern Ladenbesitzer
       
       Sie alle sind die Neuen im Stadtteil. Das ist in Berlin nicht anders als in
       Hamburg, Düsseldorf, Freiburg, München, Potsdam: Es eröffnen Shops, Stores,
       Imbisse, die immer gleich aussehen.
       
       „Wo Immobilienbesitzer das Gefühl haben, da geht mehr, erhöhen sie ihre
       Ladenmieten“, sagt Ricarda Pätzold vom [1][Deutschen Institut für
       Urbanistik] mit Sitz in Berlin. Pätzold leitet dort den Forschungsbereich
       Stadtentwicklung. Vermieter überforderten damit die alteingesessenen
       Ladenbesitzer. „Handelsketten aber“, sagt Pätzold, „haben andere
       Möglichkeiten, weil sie etwa ihre Waren in größeren Mengen und damit zu
       günstigeren Preisen einkaufen oder auch nicht so verkaufsstarke Standorte
       quersubventionieren können.“
       
       In Summe wandelten sich ganze Viertel, bliebe „oft nicht mehr viel übrig
       von dem, was diejenigen, die dort wohnen, wirklich brauchen.“ Nicht nur der
       Fleischer, der Friseur, die Änderungsschneiderei oder die Kneipe für ein
       schnelles Bier, den kurzen Tratsch, verschwänden, auch kleine Theater,
       Kitas, Jugendtreffs. Orte fürs Alltägliche gehen verloren.
       
       ## Fast kein Schutz für Gewerbemieter
       
       Anders als Deutschland gingen andere Länder dieses Problem bereits an, sagt
       der Berliner Rechtsanwalt Moritz Heusinger, der sich bundesweit einen Namen
       als Experte [2][für Gewerbemieten] gemacht hat. Da läuft hierzulande aus
       seiner Sicht einiges schief. „Für Mieter von Läden ist Deutschland
       europaweit am härtesten“, sagt er, „für sie gibt es fast keinen
       gesetzlichen Schutz.“
       
       Unterschreibe ein Mieter eines Gemüseladens hierzulande eine
       Vertragslaufzeit von fünf Jahren, müsse er auch solange Miete zahlen.
       Selbst wenn das Geschäft nicht laufe, könne er den Vertrag nicht kündigen.
       Werde die Dauer des Mietvertrages aber nicht festgelegt, könne ein Mieter
       jederzeit rausfliegen, ohne Grund gekündigt werden. Das ist das eine.
       
       Das andere: Rentiert sich der Laden, will der Mieter auch nach Ende der
       fünf Jahre bleiben, kann der Vermieter laut Heusinger sagen: „Ja, Sie
       können bleiben, aber die Miete steigt.“ Es gebe keine Grenze. Und dann?
       „Bleiben oder raus“, so der Anwalt. Allenfalls die Elektronikkette
       Mediamarkt könne da verhandeln, die in Shoppingmalls die Besucher anzieht,
       sonst niemand.
       
       Frankreich zum Beispiel regele es so: Sage ein Mieter, er wolle seinen
       Gewerbemietvertrag mit den dort üblichen drei Jahren Laufzeit verlängern,
       könne ein Vermieter das kaum verneinen. Denn der müsse dann etwa
       Umzugskosten und Verdienstausfall durch den Verlust von Kunden zahlen. Die
       Regelung sei allerdings nicht wirklich nachahmenswert, meint Heusinger:
       „Häufig landen die Vertragspartner vor Gericht, das dann über die Höhe des
       Schadenersatzes entscheiden muss, das ist sehr aufwändig.“
       
       ## Milieuschutz für Läden
       
       Seine Vorschläge: Deutschland führt eine Begrenzung von Mieterhöhungen ein.
       Oder: Es kommt ein Milieuschutz für Läden, damit Alteingesessene nicht
       einfach verdrängt werden. In Dänemark zum Beispiel, sagt der Jurist,
       könnten Gemeinden festlegen, dass sich in einer Straße nur Handwerker
       ansiedeln könnten.
       
       Schon heute sei es in Deutschland möglich, einen Kneipen- oder
       [3][Hotelstopp zu verhängen], um in einem Viertel verwurzelte Händler zu
       schützen. Das lasse sich erweitern. „Denkbar sind Änderungen des
       Gewerbemietrechts im Bürgerlichen Gesetzbuch, des Bauplanungsrechts und des
       Gaststättenrechts“, so Heusinger, „dann könnte man sagen, in der Straße XY
       soll sich nur Gewerbe im Lebensmittelbereich außer Bäckereien ansiedeln.“
       
       Dafür müsste der Bund die Gesetzesgrundlage schaffen. Esther Kempa würde
       das mehr Sicherheit geben. Sie sagt: „Stadtviertel können wir nur retten,
       wenn es endlich ein Gewerbemietrecht mit Rechten und Pflichten für beide
       Seiten gibt.“
       
       Allerdings hat es schon vor längerer Zeit Vorstöße im Bundestag gegeben,
       das Gewerbemietrecht zu regulieren, von den Grünen, auch von den Linken.
       Heusinger selbst wurde dazu von den [4][Abgeordneten als Sachverständiger]
       gehört. Getan hat sich bislang nichts. Warum sollte sich das ändern?
       Heusinger sagt: „Der Druck hat zugenommen, immer mehr Städte verlieren ihre
       Läden.“
       
       20 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] https://difu.de/
   DIR [2] /Gewerbemieten/!t5701522
   DIR [3] /Tourismuswachstum-in-Berlin/!6086024
   DIR [4] https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2021/kw20-pa-recht-mietrecht-regelungen-838874
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Hanna Gersmann
       
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       unantastbar.