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       # taz.de -- Die Wahrheit: Lästlinge im Nahbereich
       
       > Nachbarn sind im Grenzbereich des Seins angesiedelte Wesen, die an und
       > für sich niemand braucht.
       
   IMG Bild: Als die Erde noch wüst war, war er nicht da: der grillende Nachbar Foto: ap
       
       Eine absehbare Folge der weltweiten Veränderungen von nahezu allem ist,
       dass wir mehr Nachbarn haben werden. Also Menschen, deren Nähe sich eher
       aus den Umständen ergibt, als dass man sie sich ausgesucht hätte. Und zwar
       überall: im Haus, auf der Straße, im Supermarkt, beim Internisten oder im
       Fahrstuhl, der aus technischen Gründen ein so nicht geplantes längeres
       Spontanpäuschen für seine fünfzehn engtanzähnlich mit den Weichteilen
       bereits aneinander festbackenden Insassen einlegt, und zwar exakt zwischen
       der sechsten und der siebenten Etage, so dass man auch bei gewaltsam
       geöffneter Fahrstuhltür weder in die eine Etage nach oben noch in die
       andere nach unten dem Kennenlernerlebnis entkriechen kann.
       
       Der Nachbar, so stünde es, wenn es ihn noch gäbe, im Brockhaus (Band Li bis
       Nö), ist ein „Lästling im Nahbereich“. Das ist knapp, doch nur scheinbar
       präzise, weil es den Sachverhalt unzulässig verkürzt. Denn wieso nur im
       „Nahbereich“?
       
       Potenziell ist jeder ein Lästling, der sich innerhalb eines Umkreises von,
       sagen wir, einer Tagesreise, aufhält. Die „Tagesreise“ ist in diesem
       Zusammenhang ein sehr schönes Maß, weil es nicht auf die
       Entfernungskilometer abstellt, die je nach benutztem Verkehrsmittel
       unterschiedlich schnell zu überwinden wären, sondern auf die hier allein
       maßgebliche noch zu erwartende Dauer der belästigungsfreien Zeit. Morgens
       aufstehen und wissen, frühestens am Abend könnte jemand Störendes am
       Horizont erscheinen – das ist eine Vorwarnzeit, die ihren Namen verdient.
       
       Aus erdgeschichtlicher Sicht waren die nachbarschaftsfreien Jahre
       zweifellos die besten. Die Erde war wüst und war leer – das eine, also
       „wüst“, vielleicht nicht so ansprechend für die Augen der Landlust- und
       Mein schöner Garten-Abonnenten, aber das andere: ein Traum! Keiner da, der
       grillte, mähte, kiffte, stank, soff, brüllte, sich ein Ei lieh, die
       Einfahrt zuparkte oder sich in der Wohnküche mit praktischen Übungen auf
       die staatliche Sprengmeisterprüfung vorbereitete – so als gäbe es nur ihn
       auf der Welt.
       
       93 Prozent aller Gerichtsverfahren in Deutschland sind
       Nachbarschaftsstreitigkeiten. Die Zahl ist selbstredend frei erfunden, was
       in der heutigen Zeit die auf sie gestützte Behauptung selbstverständlich
       nicht im Geringsten schwächt: Nachbarn sind wie Heuschrecken, die man
       ungestraft noch nicht mal rösten darf. Das skurrilste Verfahren war die
       Klage des einen gegen den anderen, sich nackt im eigenen Garten bewegenden
       Nachbarn wegen – was anerkennenswert fein formuliert ist – „optischer
       Luftverschmutzung“.
       
       Wie lassen sich derartige Konfliktlagen entschärfen oder gar vermeiden? Die
       Antwort lautet: Gar nicht! Diese Grunderkenntnis ignorierend, gibt es seit
       Jahren einen „Tag der Nachbarschaft“ – eine mäßig originelle Kopie der
       „Langen Nacht der Museen“, nur halt tagsüber und mit dem Unterschied, dass
       man aus einem Museum einfach wieder herausgehen kann, wenn es einem nicht
       gefällt.
       
       ## Verdienter Nachbar des Volkes
       
       Dieser Tag folgt der vergeblichen Idee, Dinge, die man nicht vermeiden kann
       oder besser noch verbieten, schönzureden und zu sentimentalisieren. Vom
       „Tag der Nachbarschaft“ ist es nicht mehr weit bis zum „Nachbar des Jahres“
       beziehungsweise für jene Landesteile, in denen man sich gerade ganz viel
       rückbesinnt, zum „Verdienten Nachbar des Volkes“.
       
       Die Wahrheit aber ist: Solange es Nachbarn gibt, wird es auch
       Nachbarschaftshierarchien geben. Eine Karriere als Nachbar beginnt dort, wo
       jeder Aufstieg beginnt: ganz unten. Der Weg an die Spitze ist steinig. Oben
       sitzend, bestimmt man dafür dann die Regeln: Von strengen
       Nachbarschafts-Castings über die zu nichts verpflichtende Nachbarschaft auf
       Probe bis zu Nachbarschaftsberechtigungs-scheinen, die selbstredend auch
       wieder entzogen werden können, wenn Zweifel an der persönlichen Eignung und
       sittlichen Reife des Nachbarschafts-Bewerbers aufkommen, wobei Hörensagen
       und Hausflur-Denunzationen den strengen Anforderungen genügen, die an einen
       Vollbeweis zu stellen sind.
       
       So kann der Umgang mit Nachbarn auch viel Freude bereiten.
       
       21 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Robert Niemann
       
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