URI: 
       # taz.de -- Beziehungsdrama „Dreams“: Die schönen Räume wirken entleert
       
       > Der Regisseur Michel Franco erzählt im Beziehungsdrama „Dreams“ in
       > kühlen, analytischen Bildern von einem ungleichen Paar. Gesprochen wird
       > wenig.
       
   IMG Bild: Ein Vakuum um sie herum: Fernando (Isaac Hernández) und Jennifer (Jessica Chastain) in „Dreams“
       
       Es beginnt mit einem Lkw, in dem mexikanische Migrant*innen
       eingeschlossen sind. Der Schleuser öffnet die Klappe, und ein junger Mann
       taumelt in die Nacht, in Richtung San Francisco, die Skyline im Blick. Was
       als Migrationsdrama beginnt, nimmt eine Abbiegung ins Schlafzimmer.
       Fernando (Isaac Hernández) legt sich nackt ins Bett der offensichtlich sehr
       wohlhabenden Jennifer (Jessica Chastain), sie kommt nach Hause, die beiden
       schlafen miteinander.
       
       Migration wird in „Dreams“, dem neuen Film des mexikanischen Regisseurs
       Michel Franco, nicht als Sozial-, sondern als Beziehungsdrama erzählt. Ein
       Liebesverhältnis, das von einer radikalen Gegensätzlichkeit bestimmt ist.
       Der eine Partner ist in wesentlichen Belangen das Gegenteil des anderen und
       umgekehrt.
       
       Die Beziehung von Jennifer und Fernando ist eine einzige Polarität. Er ist
       Migrant aus Mexiko, jung, ein talentierter Balletttänzer und arm. Sie
       gehört zur amerikanischen Upper Class, ist Anfang 50, ihre steinreiche
       Familie fördert soziale und kulturelle Projekte. Eins davon ist eine
       Ballettschule in Mexiko-Stadt, an der Jennifer Fernando kennenlernt und
       ihm, wie man so sagt, verfällt.
       
       Man ahnt, dass das nicht gutgehen kann. Nicht, weil Altersgefälle und alle
       anderen Unterschiede die Liebe per se unmöglich machen würden. Aber das
       offensiv unromantische Beziehungsdrama „Dreams“ macht schnell klar, dass
       die finanzielle und soziale Machtposition bei Jennifer auf einer anderen
       Ebene mit einer bedrückenden Machtlosigkeit und Fremdbestimmung einhergeht:
       Jennifer steht nicht zu ihrem Partner und verheimlicht ihn vor ihrer
       Familie und vor Geschäftspartnern.
       
       Freundinnen und Freunde scheint Jennifer nicht zu haben. Franco wird, als
       Illegaler, in einer örtlichen Ballettkompanie engagiert. Dann aber macht
       der Familienpatriarch klar, was erlaubt und erwünscht ist und was nicht.
       Jennifer versucht, Franco in Mexiko zu halten. Eine erzwungene
       Fernbeziehung, ein temporäres gemeinsames Leben, separiert von ihrem
       sonstigen.
       
       ## Alles spricht gegen das Paar
       
       Der Grund für das Scheitern ist unübersehbar, wie schon in [1][Michel
       Francos Dystopie „New Order – Die neue Weltordnung“], das Gefälle von Arm
       und Reich. Die unterschiedliche Klassenlage, die Kluft zwischen den
       unterschiedlichen gesellschaftlichen Universen, aus denen die beiden kommen
       (die Welt der High Society vs. die Welt der Illegalen), der
       Altersunterschied (das Paar wirkt, von außen, als würde Jennifer sich einen
       jungen Fuckboy halten): Alles, was jenseits der intimen Vertrautheit zu
       zweit da ist, spricht gegen das Paar. Alle Konflikte, die die beiden haben,
       resultieren aus der Unfähigkeit, die gemeinsame Liebe über die eigenen
       Privilegien zu stellen.
       
       Wie setzt man ein soziales Machtgefälle ins Bild? Das Genrekino erzählt von
       Macht gern mit und durch Sexszenen. Vielleicht, weil Sex nicht nur im BDSM
       von der Erotisierung von Dominanz und Unterwerfung mitbestimmt ist
       (Konsensualität als erotische Praxis zu erzählen, scheint dagegen im Kino
       noch schwierig oder ist zumindest selten).
       
       „Dreams“ hat vom deutschen Verleih den schön-doofen Untertitel
       „Gefährliches Verlangen“ verpasst bekommen. Darin – und nur darin –
       erinnert der Film an die High-Gloss-Erotikthriller der neunziger Jahre, in
       denen ein Mann, meist gespielt von Michael Douglas, von einer Femme fatale,
       der er obsessiv verfallen ist, in die Nähe des Wahnsinns getrieben wird. In
       „Dreams“ kehrt sich das klassische Mann-Frau-Verhältnis um: Jessica ist wie
       die Michael-Douglas-Figuren in „Basic Instinct“ oder „Eine verhängnisvolle
       Affäre“ abhängig vom Objekt ihres Begehrens.
       
       In dieser Hinsicht ist „Dreams“ außerdem verwandt mit dem 2024 erschienenen
       [2][„Babygirl“, in dem eine von Nicole Kidman gespielte CEO ein
       BDSM-Verhältnis mit einem Praktikanten anfängt]. Die Machtgefälle geraten
       in den Sexszenen in Bewegung, vorübergehend, und die Erotisierung
       funktioniert hier gerade über die vorübergehende Umkehrung: Die
       Privilegierten sind, durch ihr Begehren, abhängig von den Körpern der
       Nichtprivilegierten. Es ist kein Zufall, dass es in diesen Filmen, anders
       als im vergleichsweise schlichten „50 Shades of Grey“-Franchise, Chefinnen
       sind, die von Männern, die sozial graduell (wie in „Babygirl“) oder
       unüberwindbar (wie in „Dreams“) schlechter gestellt sind, dominiert werden.
       Was genau Fernando von Jessica will, bleibt dagegen offen.
       
       ## Die Machtumkehrung wird zum Racheakt
       
       Das jeweilige Stadium der Beziehung kristallisiert sich in vier Sexszenen.
       Liebevoller Sex am Anfang, der zeigt, warum die beiden aneinander
       festhalten, ein mit statischer Kamera gefilmter spontaner Ausbruch nach
       langer Trennung (ein Fick auf der Treppe), eine Dirty-Talk-Fantasie, in der
       Jessica ihren Geliebten als gleichwertig, aber auch als roh und schmutzig
       imaginiert und sich selbst als Unnahbare, deren Unnahbarkeit vom virilen,
       jungen Mann überwunden wird; beide übernehmen in ihrer Fantasie
       abwechselnd-spielerisch den dominanten Part. Und eine letzte, in der die
       Machtumkehrung zu einem Racheakt wird.
       
       Da geht es dann nicht mehr um eine Fantasie, sondern um eine
       gesellschaftliche Realität, die sich nicht romantisch, durch „die Kraft der
       Liebe“, abstellen oder überwinden lässt, sondern sich am Schluss mit aller
       Gewalt zurückmeldet. Das alles erzählt „Dreams“ nicht in der
       High-Gloss-Ästhetik der Neunziger, sondern in kühlen, analytischen Bildern.
       
       Dass es Jennifer auch darum geht, die in ihrer sozialen Welt herrschende
       emotionale Leere zu füllen, wird nicht über die Dialoge vermittelt, es wird
       eh angenehm wenig gesprochen in diesem Film. Sondern über die
       Inneneinrichtung von Jessicas Apartment, über die entleert wirkenden
       schönen Räume, durch die sie sich bewegt, über die körperliche
       Distanziertheit, die in ihrer Familie herrscht. Der mexikanische Migrant,
       der als Balletttänzer lebendig, viril, leidenschaftlich, aber auch zärtlich
       wirkt, wird zur Projektionsfläche, auf die die Wünsche gekippt werden, die
       in der erkalteten Welt, in der Jennifer lebt, nicht verwirklicht werden
       können.
       
       ## Sexszenen als Bestandsaufnahmen
       
       [3][Diese analytische Kühle findet man auch in den anderen Filmen Michel
       Francos], etwa im erwähnten „New Order“, dessen Plot auch eine Steilvorlage
       für ein Action-Spektakel hätte abgeben können. „Dreams“ könnte seinen Plot
       auch als Anlass für die Aneinanderreihung von Softcore-Szenen nehmen, der
       Film wäre zugänglicher und weniger spröde, als er jetzt ist. Stattdessen
       fungieren die Sexszenen sozusagen als Bestandsaufnahmen. Und sind
       entsprechend unerotisch gefilmt.
       
       Diese Kühle überträgt sich auf die Zuschauerinnnen und Zuschauer. Das kann
       auch zu einem Eindruck der Langeweile führen. Der löst sich allerdings auf,
       wenn man auf Details achtet: die Interaktionen zwischen den Angehörigen
       verschiedener Klassen, die Rolle, die Fernando in den Ballettszenen
       einnimmt, die unangenehme Dynamik zwischen Vater, Tochter und Sohn, die der
       Film ins Bild setzt.
       
       „Dreams“ ist weniger ein Erotikdrama, das von der Klassengesellschaft
       erzählt, als ein filmischer Essay über Klassen-, Macht- und
       Geschlechterverhältnisse, der sich in den Genrekoordinaten des Erotikdramas
       entfaltet. Und mit seiner analytischen Kühle die Sensationen und
       Versprechen des eigenen Genres unterläuft.
       
       21 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
   DIR [1] /Thriller-New-Order-in-den-Kinos/!5788422
   DIR [2] /Film-Babygirl-mit-Nicole-Kidman/!6062340
   DIR [3] /Regisseur-Michel-Franco-ueber-seinen-Film-Sundown/!5856856
       
       ## AUTOREN
       
   DIR Benjamin Moldenhauer
       
       ## TAGS
       
   DIR Spielfilm
   DIR Mexiko
   DIR USA
   DIR Macht
   DIR soziale Klassen
   DIR Beziehung
   DIR Filmkritik
   DIR Erinnerungen
   DIR Mexiko
   DIR Film
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
   DIR Regisseur Michel Franco über „Memory“: „Geplant war das nicht“
       
       Zum zweiten Mal hat Michel Franco in den USA gedreht. In „Memory“
       betrachtet er das Thema Erinnerung aus gegensätzlichen Perspektiven.
       
   DIR Regisseur Michel Franco über seinen Film „Sundown“: „Ich spiele mit Erwartungen“
       
       Michel Franco hat einen Streifen über Kriminalität in Mexiko gedreht. Ein
       Gespräch über Gangster in Uniform und den einstigen Urlaubsort Acapulco.
       
   DIR Thriller „New Order“ in den Kinos: Neue Ordnung des Alten
       
       Arme wollen Rache: Der mexikanische Regisseur Michel Franco beschreibt im
       Thriller „New Order“ einen brutalen Aufstand in der näheren Zukunft.