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       # taz.de -- Mutmaßliche Polizeigewalt in Köln: „Pedro wurde wie ein Objekt behandelt“
       
       > Pedro C. hat nach einem Polizeieinsatz irreparable Hirnschäden. Jetzt
       > werfen Videos weitere Fragen zum Vorgehen der Beamten auf.
       
   IMG Bild: Ein Streifenwagen der Polizei in Köln im Einsatz
       
       Vor gut drei Monaten fiel der Kölner Pedro C. nach einem Polizeieinsatz ins
       Koma. Inzwischen ist klar, dass er irreparable Hirnschäden davongetragen
       hat und dauerhaft pflegebedürftig ist. Die Frage, wie es dazu kommen
       konnte, aber bleibt bis heute offen. Simón Barrera González, der Anwalt von
       Pedro C., hofft auf baldige Antworten. Zumal durch Videoaufnahmen einige
       neue Erkenntnisse nun ans Licht gekommen sind.
       
       Was war passiert: Am 8. April sollte C. [1][in eine psychiatrische Klinik
       gebracht werden]. Doch er wehrte sich, verschanzte sich in seiner Wohnung
       in Köln-Deutz. Freund:innen von C. riefen ärztliche Hilfe, und diese die
       Polizei. 90 Minuten später erlitt C. einen Herzinfarkt und musste
       reanimiert werden.
       
       Seit jenem Tag versuchen viele, die Ereignisse zwischen dem Eintreffen der
       Polizei und C.s Herzstillstand zu klären: sein Anwalt, das
       Solidaritätsnetzwerk „Justice for Pedro“, die Staatsanwaltschaft Köln – und
       die Presse. Auch die taz [2][hatte berichtet.]
       
       So war es über den Fall hinaus auch um grundsätzliche Fragen gegangen, etwa
       rassistische Motive der Polizei, den ungenügenden Umgang mit Menschen in
       psychischen Ausnahmesituationen sowie übermäßige Polizeigewalt. So sah der
       Polizeiforscher Thomas Feltes in C.s Fall ein „Paradebeispiel“, wie
       Einsatzkräfte besser nicht mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen
       umgehen sollten.
       
       ## Ermittlungen nur nach öffentlichem Druck
       
       Nach dem Einsatz übernahm die Polizei Bonn die Vorermittlungen, um einen
       möglichen Anfangsverdacht auf rechtswidriges Verhalten zu prüfen. Im Mai
       erklärte die Staatsanwaltschaft Köln, der die Pressehoheit in diesem Fall
       obliegt, es gebe keine Hinweise auf „übermäßige, rechtswidrige
       Polizeigewalt“. Kritiker wie Feltes hielten diese Einschätzung für
       voreilig. Ende Juni kündigte die Staatsanwaltschaft dann an, weitere
       Beweismittel sammeln zu wollen. Viel spricht dafür, dass es öffentlicher
       Druck war, der die Behörden dazu brachte.
       
       „Ohne Öffentlichkeit passiert nichts“, sagt Paula, eine Freundin von C. und
       Mitglied bei „Justice for Pedro“. Für sie war nach dem Einsatz klar, dass
       sie handeln musste. Politisch aktiv ist sie ohnehin, nimmt vieles
       persönlich, sagt sie. Aber: „Das hier ist halt wirklich persönlich.“
       
       Paula wollte die Geschichte ihres Freundes in die Öffentlichkeit bringen –
       nicht die Version der Staatsanwaltschaft, sondern ihre eigene. Das große
       Ziel ist Gerechtigkeit, doch zunächst ging es darum, Gehör zu finden. Weil
       viele der hunderten Mails des Netzwerks an die lokale Politik und Behörden
       unbeantwortet blieben, organisierte das Team Demonstrationen, verteilte
       Flyer und suchte den Kontakt zur Presse. Von Anfang an unterstützte sie
       Barrera González, C.s Anwalt.
       
       Er versteht nicht, warum die Staatsanwaltschaft noch immer bloß vor
       ermittelt, nicht schon im Rahmen eines tatsächlichen Ermittlungsverfahrens.
       Neue Informationen gebe es nämlich kaum, sagte er der taz. Die
       Bodycam-Aufnahmen und Zeug:innenberichte hätten schon im April für
       einen Anfangsverdacht gereicht, findet Barrera González. Zunächst konnte er
       allerdings kaum arbeiten, da ihm über Wochen die Akteneinsicht verweigert
       wurde. Stattdessen konzentrierte er sich auf Pressearbeit und versuchte, –
       wie Paula – das aus seiner Sicht falsche Bild der Staatsanwaltschaft zu
       korrigieren.
       
       ## Gefesselt und mit Spuckmaske
       
       Die Behörden stellten den Fall so dar: C.s „geistiger Zustand“ und die von
       ihm ausgehende Gefahr hätten eine Fixierung unvermeidlich gemacht. Sechs
       Polizist:innen seien verletzt worden. Zudem habe C. unter
       Wahnvorstellungen gelitten und unter Drogeneinfluss gestanden. Barrera
       González widerspricht: Die Fixierung sei überzogen gewesen, der
       Drogeneinfluss vorgeschoben. Ein ärztliches Gutachten, das der taz
       vorliegt, stützt seine Aussage. Auch Polizeiforscher Feltes kritisierte die
       Fixierung. Es habe andere Wege gegeben, um die Sicherheit aller zu
       gewährleisten.
       
       Freund:innen von C., darunter sein Partner Julian, waren am Einsatztag
       anwesend. Sie hörten nur C.s Schreie, durften aber auf Anweisung der
       Polizei nicht helfen. Nun sind sie auf die Transparenz der
       Ermittlungsbehörden angewiesen. „Das sollte nicht sein müssen“, sagt Paula
       von, „Justice for Pedro“.
       
       Entscheidend für die Bewertung des Einsatzes sind die Bodycam-Aufnahmen.
       Bis vor Kurzem hatten nur die Behörden Zugriff darauf. Anfang des Monats
       konnte Barrera González sie nach langem Drängen einsehen. Zwei Stunden
       Material sah er sich an. „Ich bin einiges gewohnt“, sagt er, „aber das hat
       mich sprachlos gemacht.“
       
       Die Aufnahmen zeigen laut Barrera González, wie C. gefesselt, mit zwei
       Spuckmasken (Hauben, die Umstehende vor ansteckenden Krankheiten schützen
       sollen) versehen und auf eine Trage geschnallt wurde. Zudem verabreichte
       ihm eine Rettungsärztin ein starkes Beruhigungsmittel. All das war dem
       Anwalt bekannt. Doch die Aufnahmen enthüllten mehr: So beleidigte laut
       Barrera González ein Beamter C. als „Spacko“, eine Beamtin schlug vor, ihm
       einen Zopf abzuschneiden, um die Masken besser anbringen zu können. „Das
       zeigt Entmenschlichung“, sagt Barrera González. „Pedro wurde wie ein Objekt
       behandelt.“
       
       ## Stigmatisierung wegen HIV?
       
       Auch Witze über HIV seien zu hören. C., der HIV-positiv ist, nimmt
       Medikamente und ist damit kaum ansteckend. Die Ärztin, die ihn behandelte,
       erfuhr von C.s Freund:innen von seiner Erkrankung, um ihm keine falschen
       Medikamente zu verabreichen. Von ihr wussten die Polizist:innen von C.s
       Infektion. Barrera González sieht in der Eskalation des Einsatzes nicht nur
       Rassismus und übermäßige Gewalt, sondern auch die [3][Stigmatisierung von
       HIV-positiven Menschen]. „Für sie war er nur ein menschliches Virus“, sagt
       er. Medizinisch habe es dafür keinen Grund gegeben.
       
       Zu den Beschreibungen des Anwalts der Videos wollte sich die
       Staatsanwaltschaft auf Nachfrage nicht äußern. Sie stellt fest: „Weder
       Polizei noch Staatsanwaltschaft haben irgendein Interesse daran, den
       Vorfall zu beschönigen, einseitig zu betrachten oder intransparent zu
       agieren.“
       
       Insofern nehme sich die Staatsanwaltschaft aktuell die „nötige Zeit, um die
       im Raum stehenden Fragen zu klären und zu prüfen, ob die Ergebnisse
       strafrechtliche Folgen haben“, heißt es. Wie lange dieser Vorgang dauern
       wird, sei momentan allerdings nicht abzuschätzen.
       
       Zumal Anwalt Barrera González kurz vor Redaktionsschluss noch ein Video
       veröffentlicht hat. Gut 315.000 Menschen haben es Stand Montag gesehen.
       Auch auf dem Account von „Justice for Pedro“ klicken es hunderttausende an.
       
       Nachdem das Handy von C. zunächst von der Polizei beschlagnahmt wurde,
       bekam es nun der Anwalt. Auf dem Telefon fand er ein Video, das C. selbst
       vor Eintreten der Polizei aufgenommen hatte. Dort ist zu sehen, wie eine
       Rettungsärztin und ein Beamter im Flur stehen, C. sie fragt, warum er sie
       einlassen solle, dann die Tür öffnet und wenige Augenblicke später das Bild
       verwackelt. „Hilfe“, schreit C. noch, und „Gewalt“. Dann bricht das Video
       ab.
       
       Eigentlich ist es Barrera González nicht erlaubt, dieses als Beweismittel
       geltende Video zu veröffentlichen. Weil es aus seiner Sicht aber deutlich
       zeigt, dass die Polizist:innen in ihrer Darstellung des
       „fremdaggressiven“ C. gelogen haben, nehme er dieses Risiko in Kauf, sagt
       er. Welche Strafe ihm droht, ist unklar.
       
       Auch ob es je zu einem Verfahren kommt und ob die Familie, Freund*innen
       und der Anwalt von Pedro C. Gerechtigkeit erfahren, ist weiterhin ungewiss.
       Für Barrera González steht eines aber schon jetzt fest: „Es ist ein
       Trauerspiel des Rechtsstaats.“
       
       20 Jul 2026
       
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