# taz.de -- Debatte um „Die Odyssee“: Nolan auf Irrfahrt im besetzten Land
> Christopher Nolans neuer Film wurde zum Teil in der besetzten Westsahara
> gedreht. Das scheint den genialen Filmemacher wenig zu interessieren.
IMG Bild: Szene aus dem Film Odyssee, der teilweise in der Westsahara gedreht wurde
Es gab kaum einen Weg vorbei an Christopher Nolans neuem Film [1][„Die
Odyssee“], der seit letztem Donnerstag in den Kinos läuft. Ein Marketing
Budget von 125 Millionen US-Dollar und eine Starbesetzung mit Elliot Page,
Matt Damon, Zendaya, Tom Holland, Anne Hathaway und Robert Pattinson schrie
einem quasi ins Gesicht: Geh ins Kino!
In Vergessenheit geriet dabei die Debatte, die bereits letztes Jahr
diskutiert wurde: Christopher Nolan drehte Teile seines Films in der
völkerrechtswidrig besetzten Westsahara, einem Gebiet, das als „die letzte
Kolonie Afrikas“ bezeichnet wird. Bis heute wird jegliche Äußerung oder
Einordnung seitens Nolan vermisst.
Ziemlich genau vor einem Jahr rief das [2][Sahara International Film
Festival „FiSahara“] Christopher Nolan und den Cast dazu auf, die
Dreharbeiten in Dakhla, einer Küstenstadt in Westsahara, zu stoppen.
Bereits seit 1975 besetzt Marokko große Teile der Westsahara, direkt nach
dem Abzug der Kolonialmacht Spanien.
Eigentlich hätte es damals ein Referendum geben sollen, bei dem die
Bevölkerung über die Unabhängigkeit und Zukunft des Landes hätte abstimmen
können. Das ist bis heute nicht passiert. Es folgte ein jahrzehntelanger
bewaffneter Konflikt mit der Unabhängigkeitsbewegung Frente Polisario und
die Vertreibung der indigenen Sahrauis.
## Gutes Marketing für Marokko
Zu den Vertriebenen gehören auch die Macher:innen des „FiSahara“
Filmfestivals, die in ihrer Heimat keine Filme drehen können, sondern aus
einem Flüchtlingslager im Südwesten Algeriens agieren. „Der einfache Akt,
eine Kamera zu halten, kann in meinem Heimatland Westsahara ein Vergehen
sein“, schreibt auch der Journalist Mohamed Sleiman Labat in [3][einem
Kommentar] für den Guardian.
Denn wenn nicht Christopher Nolan die Kamera hält, sondern ein sahrauischer
Filmemacher wie Labat, dann kann das im Gefängnis enden. Reporter ohne
Grenzen bezeichnen deshalb die Westsahara auch als [4][„Wüste für den
Journalismus“].
Während Marokko also internationale Pressevertreter:innen und
Menschenrechtsorganisationen die Einreise verweigert, stehen dem Tourismus
inklusive Yoga-Retreats, Surfcamp und Luxusresort sowie der Filmbranche
alle Türen offen. Eine Strategie, die von imperialistischen Staaten gern
angewendet wird, um von territorialen Konflikten und
Menschenrechtsverletzungen abzulenken und gleichzeitig die eigene Besatzung
zu legitimieren. In anderen Worten: Gutes Marketing.
## Die gelebte Odyssee der Sahrauis
Seit letztem Sommer fordert das Filmfestival deshalb von Nolan eine
[5][Solidarisierung mit den Sahrauis] und das Aufklären über die Besatzung
Marokkos. An dem Aufruf beteiligten sich zahlreiche Journalist:innen,
Aktivist:innen und Filmemacher:innen. In den aktuellen Filmkritiken ist
nur wenig davon zu hören.
Während Nolands Verfilmung von Homers Epos Themen wie Vertreibung,
Familientrennung und den Kampf um die Rückkehr in die Heimat behandelt,
grenzt es an Ironie, dass sich diese Parallelen in der real gelebten
Odyssee der Sahrauis widerspiegeln. Dabei ist die Frage nicht, ob eine
einflussreiche Person wie Christopher Nolan diesen kulturell aufgeladenen
und komplexen Konflikt mit einem Statement hätte lösen können.
Es stellt vielmehr die Verantwortlichkeit weißer, reicher, privilegierter
Menschen in den Mittelpunkt, die auch dann nicht handeln wollen, wenn ihnen
die Fakten auf einem Silbertablett serviert werden. Selbst wenn das
Rechercheteam der „Odyssee“ von dem [6][Konflikt in der Westsahara] vor den
Dreharbeiten nichts wusste, hatten Nolan, Universal Pictures und auch die
Schauspieler:innen ein Jahr lang Zeit, sich zu äußern.
Oder – wie „FiSahara“ forderte – die gedrehten Szenen auf besetztem Gebiet
im finalen Schnitt nicht zu zeigen. Jemand wie Nolan, der sich damit
brüstet, menschliche Konflikte und philosophische Fragen in seinen Filmen
zu zentrieren, um damit gesellschaftliche Diskurse anzuregen, verkennt hier
seine Chance, bei einem aktuellen Konflikt Stellung zu beziehen. Und das
Publikum feiert ihn weiterhin als genialen Filmemacher. Denn er hat doch
als erster einen ganzen Blockbuster auf der analogen IMAX-70-mm-Filmkamera
gedreht.
21 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Die-Odyssee-von-Christopher-Nolan-Matt-Damon-auf-epischer-Irrfahrt/!6196047
DIR [2] https://festivalsahara.org/en/news/fisahara-nolan-the-odyssey/
DIR [3] https://www.theguardian.com/film/2026/jul/16/the-odyssey-sahrawi-people-christopher-nolan-western-sahara
DIR [4] https://rsf.org/sites/default/files/rapport_sahara_-_final_pdf2.pdf
DIR [5] /Sahraui-ueber-Westsahara-Resolution/!6126069
DIR [6] /Westsahara/!6122811
## AUTOREN
DIR Selina Hellfritsch
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