# taz.de -- Tagebuch aus der Ukraine: Sehr viel Kindheit, sehr wenig Eltern
> Auf 30 Kinder, die auf Adoption warten, kommt in der Ukraine gerade mal
> eine Familie, die sie aufnehmen will. Dafür gibt es nachvollziehbare
> Gründe.
IMG Bild: Kinder aus einem Waisenhaus in Lwiw beim Nikolausfest im Dezember 2025
In der Ukraine wird viel über Reformen gesprochen. Das liegt auch daran,
dass der Krieg die Modi, wie die Gesellschaft, ihre Familien und ihre
sozialen Zusammenhänge bislang organisiert gewesen sind, weitgehend
zerstört hat.
Ein Beispiel, das gar kein Randthema behandelt, ist dies: In den Medien und
öffentlichen Debatten taucht seit einiger Zeit immer wieder die
[1][Information] auf, dass auf ein zur Adoption bereites Ehepaar oder eine
entsprechende Einzelperson in der Ukraine fast 30 Kinder kommen. Das
bedeutet: Ende 2025 verzeichnete die staatliche Statistik 59.350 Waisen und
Kinder ohne elterliche Fürsorge. Denen standen lediglich 2.097 registrierte
Paare oder Menschen, die sich um die Adoption eines Kindes bemühen und die
Verantwortung übernehmen wollen. Rein rechnerisch kommen damit rund 28
Kinder auf einen potenziellen Adoptivelternteil.
Diese Zahl erweckt den Eindruck, als seien die Kinderheime überfüllt mit
Kindern, die sofort bereit wären, in eine Familie zu ziehen, sobald sich
nur genügend Interessenten finden. Die Realität sieht allerdings etwas
anders aus. Die überwiegende Mehrheit dieser Kinder kann derzeit rechtlich
nicht adoptiert werden. Sie leben bereits in Pflegefamilien oder stehen
unter der Obhut von Verwandten – meist Großmütter, Großväter, Tanten oder
Onkel. Offiziell haben sie den Status „Waisen“ oder „ohne elterliche
Fürsorge“, aber: sie haben ein Zuhause. Die Statistik sähe vermutlich
anders aus, wenn auch Ausländer Kinder aus der Ukraine adoptieren dürften.
Wegen des Krieges ist die [2][internationale Adoption] jedoch derzeit
[3][gesetzlich verboten].
Julia Nikandrova ist Expertin für Jugendhilfe und leitete viele Jahre die
Abteilung für Kinderangelegenheiten des Stadtrats von Odessa. Die Ukraine
dürfe „nicht einfach die Schleusen öffnen“, erklärt sie bestimmt. Der Staat
habe derzeit selbst keinen vollständigen Überblick über die Lage im
Kinderschutz.
Eine emotionale Entscheidung nach dem Motto „Jedes Kind braucht Eltern“
wäre gefährlich. „Wir dürfen das Schicksal unserer Kinder nicht aufs Spiel
setzen, um später die Folgen korrigieren zu müssen.“ Nikandrova führt aus:
„Ein Kind sollte in einer Familie aufwachsen. Die entscheidende Frage ist
nur: in welcher Familie, unter welchen Bedingungen und auf welchem Weg
kommt es dorthin?“ Schon innerhalb der Ukraine sei eine wirksame Kontrolle
nicht immer möglich. Im Ausland aber verliere der Staat erst recht den
Überblick.
## Der Krieg und die Traumatisierung von Jugendlichen
Seit Jahren wird in der Ukraine über die Reform des Heimsystems diskutiert.
Immer häufiger wird die Forderung erhoben, Kinderheime abzuschaffen. Doch
viele der betroffenen Kinder sind [4][schwer traumatisiert]. Manche leiden
unter Suchterkrankungen, zeigen autoaggressives Verhalten oder laufen immer
wieder von zu Hause oder aus Einrichtungen weg. Andere benötigen eine
Rund-um-die-Uhr-Betreuung durch ein Team von Fachkräften.
Wer ist heute bereit, ein solches Kind in einer gewöhnlichen Pflege- oder
Adoptivfamilie aufzunehmen? Pflegefamilien, die für Jugendliche mit
schweren Verhaltensauffälligkeiten spezialisiert sind, gibt es in der
Ukraine kaum. Zudem gibt die Gesetzgebung nur wenige Möglichkeiten an die
Hand, gefährdete Kinder vor sich selbst zu schützen.
Und noch ein weiteres Problem kommt hinzu: Nach ukrainischem Recht dürfen
Geschwister nicht getrennt werden. Wer ein Kind adoptieren möchte, erfährt
daher oft, dass es drei oder vier Geschwister hat. Eine so große
Geschwistergruppe aufzunehmen, können jedoch nur die wenigsten Familien.
Trotz dieser Schwierigkeiten werden in der Ukraine jedes Jahr etwas mehr
als Tausend Kinder adoptiert. Weitere Tausende kommen unter Vormundschaft
oder in andere familienbasierte Betreuungsformen. Über eine Wiederaufnahme
internationaler Adoptionen wird derzeit in der Ukraine nicht ernsthaft
diskutiert. Voraussichtlich wird dieses Thema erst [5][nach dem Ende des
Krieges] auf die politische Tagesordnung kommen.
Hinter jeder Zahl steht ein Kind – mit einer eigenen Geschichte, eigenen
Bedürfnissen und ganz unterschiedlichen Chancen, eine Familie zu finden.
Wer wirklich im Interesse dieser Kinder handeln will, sollte deshalb nicht
bei der Statistik beginnen, sondern bei der Frage, wer diese Kinder sind
und welche Unterstützung jedes einzelne von ihnen braucht.
[6][Tatjana Milimko] ist Chefredakteurin des ukrainischen
Onlinenachrichtenportals [7][USI.online] und Alumna der taz panterstiftung
([8][Workshops für Journalist:innen aus Osteuropa])
Aus dem Russischen von [9][Tigran Petrosyan].
Durch Spenden an die [10][taz panterstiftung] werden unabhängige und
kritische Journalist:innen vor Ort und im Exil im Rahmen des Projekts
„Tagebuch Krieg und Frieden“ finanziell unterstützt.
24 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] https://hmh.news/en/31270/in-ukraine-there-are-59350-orphans-and-children-without-parental-care-opendatabot/
DIR [2] https://mfa.gov.ua/en/consular-affairs/international-adoption
DIR [3] https://www.dw.com/de/adoptionen-in-der-ukraine-ein-zuhause-f%C3%BCr-kinder-im-krieg/a-70312330
DIR [4] /Tagebuch-aus-der-Ukraine/!6174284
DIR [5] /Tagebuch-aus-der-Ukraine/!6118008
DIR [6] /Tatjana-Milimko/!a127521/
DIR [7] https://usionline.com/
DIR [8] /Osteuropa-Workshops/!vn6047722/
DIR [9] /Tigran-Petrosyan/!a22524/
DIR [10] /Panter-Stiftung/Spenden/!v=95da8ffb-144e-4a3b-9701-e9efc5512444/
## AUTOREN
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