# taz.de -- Verfassungsrechtlerin kritisiert CDU: Brosius-Gersdorf für Legalisierung von Leihmutterschaften
> Frauke Brosius-Gersdorf, die wegen der Union nicht Verfassungsrichterin
> wurde, äußert sich zu Leihmutterschaften. Laut ihr müssten sich Frauen
> entscheiden dürfen.
IMG Bild: Prof. Frauke Brosius-Gersdorf
afp | Die Verfassungsrechtlerin und ehemalige Kandidatin für das
Bundesverfassungsgericht, [1][Frauke Brosius-Gersdorf], plädiert für eine
Legalisierung von Leihmutterschaften in Deutschland. Das geltende Verbot
sei „dann paternalistisch und mit dem Menschenbild des Grundgesetzes nicht
vereinbar, wenn Frauen sich freiwillig entscheiden, Leihmutter zu sein“,
sagte Brosius-Gersdorf der Zeit. „Man darf Frauen und insofern auch
Leihmütter nicht gegen ihren erklärten Willen vor sich selbst schützen.“
Der [2][bisherige Unions-Fraktionschef Jens Spahn (CDU)] und sein Mann
hatten vergangene Woche öffentlich gemacht, dass sie Eltern eines in den
USA von einer Leihmutter zur Welt gebrachten Kindes wurden. Dieses
Verfahren ist in Deutschland verboten. Außerdem hatte die CDU erst Anfang
des Jahres auf ihrem Parteitag einen Beschluss gefasst, in dem
Leihmutterschaft weiterhin abgelehnt wird. Als Konsequenz aus der Debatte
um die Geburt seines Sohnes durch eine Leihmutter [3][trat Spahn am
Wochenende als Fraktionschef zurück].
Der Staat müsse zwar Regelungen schaffen, die sicherstellten, dass Frauen
über die medizinischen und psychosozialen Risiken einer Leihmutterschaft
aufgeklärt würden, sagte Brosius-Gersdorf. „Wenn sie sich dann aber
trotzdem freiwillig dafür entscheiden, darf der Gesetzgeber ihnen das nicht
verbieten.“ Das dürfe er schließlich auch in anderen Bereichen nicht: Es
gebe ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben, ein Recht auf Rauchen und
Alkoholtrinken, auf Hochrisikosport. „Deswegen sehe ich gute Gründe dafür,
die Leihmutterschaft auch in Deutschland zu legalisieren“, sagte die
Juristin.
Brosius-Gersdorf kritisiert in dem Zusammenhang die Haltung von CDU und
CSU. „Die Position der Union zur Leihmutterschaft ist von einem
Menschenbild geprägt, das nicht dem Grundgesetz entspricht.“ Die
Christdemokraten sprächen mit dem Verbot der Leihmutterschaft und auch der
Eizellspende in Deutschland Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung ab. „Die
Union will einen paternalistischen Staat, der am besten weiß, was für
Frauen und auch für potentielle Leihmütter gut ist. Unser Grundgesetz ist
aber eine freiheitliche Verfassung, die auf dem Menschenbild des
selbstbestimmt und autonom handelnden Individuums beruht.“
## Spahn: „doppelbödig und politisch unglaubwürdig“
Dass sich Jens Spahn vor dem Hintergrund, selbst eine Leihmutter in den USA
in Anspruch genommen zu haben, nicht von der Position der Union öffentlich
distanziert habe, bezeichnete die Juristin als „doppelbödig und politisch
unglaubwürdig“. Es sei „wirklich schade, dass Herr Spahn nicht die Kraft
und den Mut aufgebracht hat, seine Haltung zur Leihmutterschaft nun
öffentlich zu korrigieren“, sagte Brosius-Gersdorf. „Insofern finde ich
seinen Rücktritt konsequent.“
Grundsätzlich verteidigte die Verfassungsrechtlerin die Entscheidung Spahns
und seines Ehemanns, für ihren Kinderwunsch den Weg über die USA gegangen
zu sein. „Mein erster Gedanke war: Ich freue mich für Jens Spahn und seinen
Ehemann, dass sie Eltern geworden sind“, sagte sie. „Mich hat es auch nicht
überrascht, dass die beiden dafür eine Leihmutter im Ausland in Anspruch
genommen haben. Das ist nun mal für homosexuelle Paare der einzige Weg, um
eine eigene Familie zu gründen.“
In den USA und anderen Ländern gebe es für die Leihmutterschaft strenge
Voraussetzungen, zum Beispiel die Bedingung, dass die betroffenen Frauen
keine Schulden haben und dass sie berufstätig sind. „Diese und weitere
Vorkehrungen schützen vor Zwang und Ausbeutung. Warum sollte das nicht auch
in Deutschland möglich sein?“
Dass ihre geplante Wahl zur Verfassungsrichterin vor einem Jahr am
Widerstand der Union gescheitert war, nimmt Brosius-Gersdorf Spahn nicht
mehr übel. „Er hat sich dafür entschuldigt, wie die Richterwahl gelaufen
ist“, sagte Brosius-Gersdorf. „Das muss man anerkennen, andere Menschen
haben das nicht vermocht.“
20 Jul 2026
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