# taz.de -- Massenprotest in Indien: „Kakerlakenbewegung“ fordert Regierung Modi heraus
> In Delhi demonstrieren Zehntausende gegen die mutmaßliche Korruption im
> Bildungswesen. Die Regierung hat die Versammlungen verboten.
IMG Bild: Die Polizei geht am Montag gewaltsam gegen die Demonstrierenden vor, die den Rücktritt des Bildungsministers fordern
In den vergangenen Tagen sind immer mehr regierungskritische Menschen an
den Jantar Mantar gezogen, den zentralen Protestplatz in Indiens
Hauptstadt. Etwa 20.000 Demonstrierende wollten am Montag von dort aus
friedlich zum Parlament marschieren, wo die Monsun-Sitzungsperiode begann.
Doch Barrikaden und Einsatzkräfte versperrten ihnen den Weg, hinzu kam eine
lokale Internetsperre.
Nahe Metrostationen waren geschlossen worden, die Regierung hatte ein
Versammlungsverbot erlassen. Das hielt aber viele Demonstrierende nicht
davon ab, Richtung Parlament zu ziehen, zum Teil begleitet von
Politiker:innen der Opposition. Sie wurden an Polizeibarrikaden mit
Tränengas und Schlagstöcken zurückgedrängt und zum Teil verletzt. Am Mittag
trafen [1][Saurav Das und Ashutosh Ranka], Sprecher der
„Kakerlaken-Volkspartei“ (CJP – Cockroach Janta Party), die zu dem Protest
aufgerufen hatte, den Familien- und Gesundheitsminister Jagat Prakash
Nadda. Damit nahm die Regierung erstmals offiziell Kontakt mit der CJP auf.
Der Funktionär der regierenden hindunationalistischen Volkspartei (BJP) von
Premierminister Narendra Modi forderte ein Ende der Proteste.
Ranka wiederholte die Forderung der Bewegung, die seit Wochen die
Entlassung des Bildungsministers verlangt, und sagte: „Die Polizei von
Delhi soll unverzüglich aufhören, mit Gewalt gegen Demonstrierende
vorzugehen.“
Mit dem Hungerstreik des bekannten Klimaaktivisten Sonam Wangchuk hatte die
Jugendprotestbewegung CJP neue Aufmerksamkeit erlangt und ihrer Forderung
nach dem Rücktritt von Bildungsminister Dharmendra Pradhan Nachdruck
verliehen. Denn rund 2,2 Millionen Bewerber:innen hatten aufgrund
geleakter Prüfungsaufgaben die landesweite Aufnahmeprüfung fürs
Medizinstudium wiederholen müssen. Die CJP wirft der Regierung Korruption
und Betrug vor. Die Prüfungsaffäre, die nicht die erste ihrer Art ist,
brachte den Frust vieler junger Menschen über ein als ungerecht empfundenes
Bildungssystem zum Vorschein.
## Hungerstreik beflügelt Protestbewegung
Seit Wangchuk am Samstag, dem 21. Tag seines Hungerstreiks, gegen seinen
Willen ins Krankenhaus zwangseingeliefert wurde, ist die Protestbewegung
weiter gewachsen. Solidaritätsbekundungen folgten in Städten wie Mumbai
oder Jaipur. Zwei Tage zuvor hatte der Oberste Gerichtshof die Regierung
aufgefordert, „alles zu tun“, um das Leben des 59-Jährigen zu retten.
Nach [2][Angaben des Safdarjung-Krankenhauses] wurde Wangchuk „dehydriert
und schwach“ eingeliefert und hatte bereits mehrere Kilo an Gewicht
verloren. Eine intravenöse Behandlung sowie Medikamente lehnte er aber ab.
Seine Ehefrau spricht von „rechtswidriger Freiheitsberaubung“.
Wangchuk kündigte an, seinen Hungerstreik fortzusetzen, bis die Regierung
Verantwortung für das Versagen im Bildungssystem übernehme, das Thema im
Parlament diskutiert werde oder Regierungsvertreter ihn träfen.
„Sie haben ihn (Wangchuk) nur weggebracht, um die Demonstration zu
beenden“, klagte Anish Gawande, Sprecher der Oppositionspartei NCP aus
Westindien. Mit ihrem Eingreifen habe die Regierung jedoch anerkannt, dass
der Protest politische Bedeutung habe.
Prüfungsleaks, steigende Bildungskosten und die hohe Zahl von Suiziden
unter Studierenden gehörten zu den drängendsten Problemen des Landes,
erklärte Oppositionsführer Rahul Gandhi von der Kongress-Partei [3][auf der
Plattform X]. „Keine noch so große Gewalt kann Indiens Studierende – und
die, die an sie glauben – davon abhalten, das anzusprechen“, so Gandhi.
## „Schwarzer Tag für die Demokratie“
„Studierende wurden geschlagen. Der heutige Tag wird als schwarzer Tag für
die Demokratie in unsere Geschichte eingehen“, kritisierte die nordindische
Abgeordnete Dimple Yadav (SP) das Vorgehen der Behörden. Sie marschierte
mit den Protestierenden und ist eine von vielen politischen Stimmen, die
der Bewegung inzwischen ihre Unterstützung ausgesprochen haben.
Die Meldung, dass Bildungsminister Pradhan vom Innenminister einbestellt
wurde, sorgte am Abend kurzzeitig für Hoffnungen. Doch bis
Redaktionsschluss blieb der von den Demonstrierenden verlangte Rücktritt
jedoch aus.
Längst geht der Protest der CJP über die Prüfungsaffäre und Sonam Wangchuk
hinaus. Entstanden als Reaktion auf einer Beleidigung des Obersten Richters
Indiens, der arbeitslose Jugendliche als Kakerlaken bezeichnet hat, erwies
sich die im Internet entstandene Bewegung bisher als erstaunlich
widerstandsfähig.
20 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] https://www.thequint.com/news/breaking-news/cjp-leaders-das-ranka-meet-nadda-delhi-protest
DIR [2] https://www.ndtv.com/india-news/dehydrated-and-weak-sonam-wangchuk-refusing-treatment-says-hospital-11788544
DIR [3] https://x.com/RahulGandhi/status/2078423893510127833?ref_src=twsrc%5Etfw%7Ctwcamp%5Etweetembed%7Ctwterm%5E2078423893510127833%7Ctwgr%5E1776aaea7afde9cbb898680da4b5456a12f7efd6%7Ctwcon%5Es1_&ref_url=https%3A%2F%2Fwww.dw.com%2Fen%2Findia-news-cjp-to-call-for-modis-resignation-after-sonam-wangchuk-forcefully-shifted-to-hospital%2Flive-78015662
## AUTOREN
DIR Natalie Mayroth
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