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       # taz.de -- Tierzuchtberater über Weidehaltung: „Schafe haben maßgeblich zur Evolution beigetragen“
       
       > Nicht nur bei den Schaftagen Niedersachsen ist Klaus Gerdes ein gefragter
       > Experte: Er berät Halter zu gefährdeten Rassen und tröstet sie bei
       > Rissen.
       
   IMG Bild: Schafe arbeiten, wo andere Urlaub machen: vierbeiniger Deichschutz im Wangerland
       
       taz: Herr Gerdes, wie hat sich die Schafzucht gewandelt? 
       
       Klaus Gerdes: Die [1][Hochleistungszucht], also dass eine Kuh zum Beispiel
       10.000 Liter Milch gibt, so etwas gab es bei der Schafszucht nie.
       [2][Schafhalter] sind immer etwas gemäßigter gewesen. Trotzdem haben früher
       ökonomische Interessen die Zucht dominiert. In den 1960ern sind viele auf
       leistungsfähige Fleischrassen wie das niederländische Texelschaf
       umgestiegen, während einheimische Rassen weniger gezüchtet wurden.
       Mittlerweile wird auf Nachhaltigkeit gezüchtet. In Niedersachsen gehören 80
       Prozent aller eingetragenen Zuchtschafe zu einer gefährdeten Rasse. Das
       Landwirtschaftsministerium fördert die Zucht von zehn Schafsrassen, die vom
       Aussterben bedroht sind.
       
       taz: Welche Ziele verfolgt die Zucht? 
       
       Gerdes: Das primäre Ziel ist, die Rassen so zu erhalten, wie sie sind und
       wie sie hier immer verbreitet waren. Die Schafe erfüllen [3][wichtige
       Aufgaben] für uns: in der Landschaftspflege, Deichpflege, im Küstenschutz.
       Wir haben 2.000 Kilometer Fluss- und Seedeiche in Niedersachsen, Bremen und
       an der Küste. Die werden mithilfe von Schafen gepflegt. Doch dafür müssen
       diese auch geeignet sein: Ein auf Fleisch gezüchtetes Texelschaf würde in
       der Lüneburger Heide verhungern.
       
       taz: Der Mensch braucht das Schaf also? 
       
       Gerdes: Schafe haben maßgeblich zur Evolution beigetragen. Früher haben wir
       auf Wolle gezüchtet. Das Wildschaf hat dunkle Wolle, um besser getarnt zu
       sein. Durch eine Mutation gab es weiße Schafe, die von Menschen gezüchtet
       wurden, weil man weiße Wolle färben kann. Ohne Schafswolle hätten wir keine
       Kleidung gehabt, keine Segel, die die Schifffahrt ermöglicht haben. Wir
       hatten sehr lange in Deutschland eine wollverarbeitende Industrie. Übrigens
       gibt es auch in der Bibel kein Tier, das öfter genannt wird, als das Schaf.
       
       taz: Gibt es viele Hobbyzüchter*innen? 
       
       Gerdes: Ja. Von den 11.500 Schafhaltern in Niedersachsen sind etwa 80
       Prozent Hobbyschafhalter. Gerade die kleine Haltung mit fünf bis zehn
       Tieren hat in Niedersachsen schon immer Tradition gehabt. Viele Schafrassen
       haben die Region, aus der sie kommen, im Namen: das Bentheimer Landschaf
       beispielsweise, oder das ostfriesische Milchschaf. Letzte Woche haben wir
       150 ostfriesische Milchschafe in die Mongolei verkauft.
       
       taz: Was wollen die Menschen in der Mongolei mit ostfriesischen Schafen? 
       
       Gerdes: Ihre Milch! Das ist die einzige Milchschafrasse, die wir haben.
       Leider haben wir in Niedersachsen keine Molkerei, die Milch von Schafen
       oder Ziegen annimmt. Das fehlt uns total.
       
       taz: Kann der Schafhalter die Milch nicht selbst verarbeiten? 
       
       Gerdes: Es gibt in Niedersachsen weniger als zehn Betriebe, die Schafe
       melken. Die müssen die Tiere halten, sie melken, die Milch zu Käse und
       Joghurt verarbeiten und dann am Wochenende auch noch ihre Produkte auf den
       Märkten verkaufen. Und der [4][Kuhbauer]? Da kommt alle zwei Tage der
       [5][Milchtankwagen] auf den Hof gefahren, hält seinen Saugrüssel in den
       Milchtank, nimmt die Milch mit und überweist ihm das Geld. Sobald ein
       Schafhalter einen Liter von seinem Nachbarn dazukauft, gilt er rechtlich
       als Molkerei. Eine EU-Molkerei muss unendlich viele Vorgaben erfüllen. Das
       hält die Schafhalter leider davon ab, zu wachsen und die Milch von anderen
       Betrieben mitzuverarbeiten. Diese Bürokratie macht uns das Leben schwer.
       
       taz: Und was ist mit dem Wolf? 
       
       Gerdes: [6][Der Wolf] beschäftigt mich schon seit über zehn Jahren. Wir
       hatten Jahre mit über 1.000 [7][gerissenen Schafen] in Niedersachsen. Im
       vergangenen Jahr waren es weniger, etwa 600. Auch das sind zu viele pro
       Jahr. Ich habe die Schafhalter weinend am Telefon, weil da morgens in ihrer
       Weide tote oder schwer verletzte Schafe liegen. Nicht wenige Züchter von
       [8][gefährdeten Schafrassen] haben von heute auf morgen mit der
       Schafhaltung aufgehört aufgrund von Übergriffen durch den Wolf. Die wollen
       Spaß haben an der Schafhaltung. Die wollen nicht davon reich werden. Durch
       Schafzucht wird keiner reich. Aber die wollen kein Wolfsfutter erzeugen.
       
       30 Jul 2026
       
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