# taz.de -- Buch über den Spanischen Bürgerkrieg: Idealisten, Zyniker und gekränkte Irre
> Zwischen den Fronten: Paul Ingendaay beschreibt den Spanischen
> Bürgerkrieg mit überraschenden Volten und einer Vorliebe für literarische
> Aperçus.
IMG Bild: Republikanische Milizkämpfer 1936 zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs
„Spaniens Himmel breitet seine Sterne / Über unsre Schützengräben aus.“
Dieses Kampflied des Kommunisten Ernst Busch, mit der Musik von Paul
Dessau, zeugt von einer einmaligen historischen Konstellation. Eine
vergleichbare internationale Solidarität wie mit dem linksliberalen Spanien
zwischen 1936 und 1939 hatte es bis dato nicht gegeben. Thomas Manns Kinder
spielten ihrem Vater im Schweizer Exil voller Begeisterung die Schallplatte
Buschs vor. Der Spanische Bürgerkrieg war wie ein Symbol, und auch aus
heutiger Sicht verdichtet er das gesamte 20. Jahrhundert.
Eine reaktionäre Militärclique gegen uneinige, verstreute demokratische
Kräfte, eine radikalisierte Rechte gegen eine sich radikalisierende Linke –
hier wurden die inneren Sprengsätze disparater Staatswesen mit
unterschiedlichsten Interessen deutlich erkennbar. Was sich nach der
Ausrufung einer Republik 1932 in Spanien abspielte, war wie ein
gesellschaftspolitisches Versuchslabor.
Mythisch geworden ist der Spanische Bürgerkrieg aber auch wegen der
internationalen Brigaden aufseiten der Republik, an denen sich zahlreiche
Künstler und Intellektuelle beteiligten und die ihre Kreise zwangsläufig
bis in das Musikzimmer der Familie Mann zogen.
Der ausgewiesene Spanienkenner Paul Ingendaay arrangiert in bester
journalistischer Form historische Ereignisse und literarische Quellen, so
wie es in letzter Zeit häufiger erfolgreich praktiziert wurde. Sein Buch
ist eine Collage aus verschiedenen Perspektiven, doch dieser Autor erweist
sich als wirklicher Aficionado und Kenner. Er überblickt auch die
entlegensten Randgebiete.
## Der Präsident ignoriert zu lange die Anzeichen
Der Text besteht aus kurzen, chronologisch angeordneten Abschnitten, die
durch eine Datumszeile markiert sind, etwa „Madrid, 16. Juni 1936: Wütende
Reden im spanischen Parlament“, oder „Havanna, März 1939: Hemingway
krempelt die Ärmel hoch“. Die Kapitel sind auf ganz spezielle Weise
intoniert. Direkte Berichte aus dem Kriegsgeschehen wechseln sich mit
subjektiven Erlebnissen ab, und der Glamour von Paaren wie Ernest Hemingway
und Martha Gellhorn oder Robert Capa und Gerda Taro spielt dazwischen eine
eigene Rolle.
Atmosphärisch ist die Sache von Anfang an klar. Auf der einen Seite steht
der ehrgeizige Karrieremilitär Francisco Franco, der das nordafrikanische
Kolonialheer Spaniens anführt und einen starren, restaurativen Ehrenkodex
hat, in dem humane Werte keinerlei Rolle spielen. Die andere Seite wird
repräsentiert von dem Präsidenten der Republik. Manuel Azaña ist ein
bürgerlicher Intellektueller, der vor allem vermitteln und das spanische
Volk nicht spalten will. Er ignoriert viel zu lange alle Anzeichen, wie
ernst es die aufständischen Militärs meinen.
Noch zwei Jahre nach Ausbruch des Bürgerkriegs, als die Rechtsradikalen
schon weit vorgerückt sind, sagt Azaña: „Ich spreche für alle, selbst für
jene, die nicht hören wollen.“ Franco hingegen „will den Gegner wirklich
vernichten“, schreibt Ingendaay, er ertrage es nicht, auch nur eine
Handbreit Terrain preiszugeben.
Auch wenn man weiß, dass sich die Geschichte nicht wiederholt: Es gibt
Strukturen, die sich ähneln. Einmal zitiert der Autor den Journalisten
Manuel Chaves Nogales, der 1933 ein Interview mit [1][Joseph Goebbels]
geführt hat – dieser sei ein überaus gefährlicher Mann „vom Typ des
gekränkten Irren“. Manches in diesem Buch wirkt ziemlich aktuell.
Entscheidend für den Spanischen Bürgerkrieg wird, dass die Republik von
England oder Frankreich nach dem Prinzip der Nichteinmischung nicht
unterstützt wird, dass Franco aber militärisch massiv von den
faschistischen Ländern Deutschland und Italien profitiert. Der deutsche
Industrielle Johannes Bernhardt, der in Spanisch-Marokko unter anderem als
Vertreter von Mannesmann tätig ist, stellt die Verbindung zu Adolf Hitler
her. Die deutsche Legion Condor wird mit ihren Luftangriffen einen
wesentlichen Anteil am Kriegsgeschehen haben.
## Ein Herz für Dichter
Sehr charakteristisch für Ingendaays Buch sind die Schlaglichter aus dem
Leben der beteiligten Kulturgrößen. Seine besondere Sympathie gilt Dichtern
wie Federico García Lorca oder Miguel Hernández, die unideologisch, aber
instinktiv auf der richtigen Seite sind und zu Opfern des Irrsinns werden.
Geschliffene Kurzporträts gelten George Orwell und [2][John Dos Passos],
die die Situation richtig einschätzen und den von Josef Stalin dominierten
kommunistischen Akteuren schnell misstrauen.
Ernest Hemingway erscheint dagegen eher als geschäftstüchtiger Zyniker. Das
Schicksal Arthur Koestlers, der Erfahrungen mit der franquistischen
Menschenverachtung macht, im Gefängnis landet und knapp dem Tod entrinnt,
nimmt einen besonderen Raum ein. Koestler durchschaut auch bald die Taktik
der sowjetischen Akteure, die die idealistischen, nicht moskautreuen Linken
genauso als Gegner bekämpfen wie die Franco-Truppen.
Eine republikanische Haltung jenseits der Extreme wird bei Ingendaay
untergründig zu einer möglichen Utopie. Er hebt am liebsten Personen
zwischen den Ideologien hervor, wie den Jesuitenpater Fernando Huidobro,
die moralische Instanz Simone Weil oder den konservativen Dichter und
Universitätsrektor Miguel de Unamuno. Sie stehen für Menschlichkeit abseits
der kruden Politik. Da könnte man mitunter auch andere Akzente setzen.
Manchmal wagt sich der Autor in diesem Fahrwasser auch zu Bemerkungen wie
der über den satirischen englischen Schriftsteller Evelyn Waugh vor: Dieser
habe sich „elegant und schneidend wie immer“ im Zweifelsfall für Franco
ausgesprochen.
Und dem offenkundig charismatischen jungen Falangistenführer José Antonio
Primo de Rivera, der mit 33 Jahren von einem republikanischen Gericht zum
Tode verurteilt wird, attestiert er, dass bei ihm später vielleicht „sogar
Mäßigung“ möglich gewesen wäre. Ingendaay urteilt unabhängig und subjektiv,
das gehört zu seiner zugleich zupackenden und differenzierten
Herangehensweise. Dass er gelegentlich äußerst köstliche, tatsächlich
ironische Aperçus und Genrebilder zu Thomas Mann einstreut, passt sehr gut
dazu.
22 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Helmut Böttiger
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