# taz.de -- Die Wahrheit: Wie lutschig!
> Eine Ausfahrt ins Fränkische offenbart mehr als Hopfenlastiges und
> Biergärten, nein, auch süßliche Erlebniswelten lassen einen nicht los.
Bei einem Ausflug ins flache Mittelfranken fahren wir unverhofft an der
Fabrik jener viel gelutschten Bonbons vorbei, bei denen stets ein
weiß-rotes Zipfelchen aus dem Papier ragt wie ein Hemdende aus einem
offenen Hosenschlitz. Das soll der Handhygiene dienen, befand einst Dr. S.,
Stammvater dieser fränkischen Bonbonkocherdynastie.
Da hat man also sein Leben lang diese Drops im Mund und mitunter auch den
Papierstreifen. Weil die Dinger oft zu lange in der Hosentasche stecken,
weshalb Lutschobjekt und Hülle miteinander verschmelzen. Und dann fährt man
mir nichts dir nichts an deren Produktionsstätte vorbei. Und das ist keine
schnöde Bonbonfabrik. Nein, das ist eine eigene Welt, eine
Bonbon-„Erlebniswelt“!
Weil es Sonntag war, werden wir nie erfahren, was diese Lutscherlebniswelt
drinnen in Gänze zu bieten hat. Deshalb sind wir auch auf unsere Fantasie
angewiesen: Lutschen bis der Arzt kommt. Wessen Drops ist am schnellsten
gelutscht? Haha.
Wir stellen uns unsere eigenen Hustendropsgeschmäcker zusammen:
Zwiebel-Paprika, Wasabi-Erdnuss, Feta-Melone. Und für alle echten
Einheimischen: Brezen-Kellerbier und die neue Limited Edition
Bratwurst-Kraut. Und zum Schluss geht es auf die große Bonbonrutsche: Wer
klebt am längsten in der Kurve der Erlebniswelt fest?
## Gehöriger Bonbonappetit
Der vorbeigleitende Blick durch die großen Fabrikscheiben sorgt dann für
Ernüchterung. In Plexiglasfächern lagert das buntverpackte Bonbonsortiment,
wohl für die individuelle Mische. Da fühlt man sich dann wie ein Kind im
Bonbonladen und fängt sich gehörigen Bonbonappetit ein. Zähne geputzt aber
wird immer noch zuhause!
Diese fränkische Süßkramwelt scheint voll auf Kinder fokussiert. Nicht
umsonst steht vor dem Werk eine überdimensionale Büste jenes lustigen
Jüngelchens im bunten Ringelpulli, bekannt aus jedem Quengelregal in der
Apotheke. Und während sich die Kids ihre Tüte voll Kräuterdrops
zusammenstellen, dürfen die Eltern im Café unterm Bonbonbaum heimischen
Kaffee genießen. Wenn das mal kein Muckefuck ist mit dem Extraschuss
fränkischen Eukalyptusextrakts.
Tja, manch vermeintliche Sehenswürdigkeit besichtigt man einfach besser aus
der Ferne. Das gilt auch für ein „Bratwursthotel“, für das bei unserer
Weiterfahrt ein Auto vor uns wirbt. Und flugs überkommt uns die
Vorstellung, dass man dort im Schlafrock ruht auf Laken mit Grillstreifen,
den Kopf sanft gebettet auf einem Senfkissen.
Tatsächlich bietet das Hotel laut Internet „Bratwurst-Themenzimmer“ mit
Fleischwarenmotivtapeten, gehäkelten Wurstkissen und an der Decke
baumelnden Würsten. Im dazugehörigen Restaurant gibt es alles, wonach die
Wurstlust so jiepert vom Bratwurstcarpaccio über Bratwurstauflauf bis hin
zum Bratwursteis. Flankiert wird das alles von Bratwurstbier und
farbenfrohem Bratwurstschnaps.
Dann doch lieber in Franken geernteter Kaffee unterm Bonbonbaum.
22 Jul 2026
## AUTOREN
DIR Thilo Bock
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