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       # taz.de -- Politologe über Korruption in Russland: „Wer an die Macht kommt, füllt sich die Taschen“
       
       > Der Kreml verdirbt seine Bürger, indem er einen Kult der Korruption
       > predigt, sagt der Politologe Fjodor Krascheninnikow. Und doch sei
       > Veränderung möglich.
       
   IMG Bild: Taschen vollmachen ist das Konzept: Präsident Putin auf einer Jacht
       
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       [2][7X7 Horizontal Russia] öffnet mit dem folgenden Beitrag ein Fenster
       nach Russland. [3][Den ganzen Text lesen Sie hier auf Russisch].
       
       Nach dem Zerfall der Sowjetunion ist es den russischen Regierungen nie
       gelungen, mit seinen Bürger:innen ehrlich über die Zukunft des Landes zu
       sprechen. Stattdessen bot der Kreml immer neue Ersatzideologien an: einen
       „Kult der Stabilität“, die Verklärung der Sowjetzeit [4][und Errichtung
       neuer Stalin-Statuen] und geopolitische Mythen von der „belagerten
       Festung“. Das unabhängige russische Onlinemedium 7x7 sprach mit dem
       Politologen und Regionalforscher Fjodor Krascheninnikow darüber, warum der
       Kreml den Blick nach vorn scheut – und womit echter Wandel beginnen muss.
       Eine gekürzte Version des Interviews. 
       
       7x7: Herr Krascheninnikow, in Russland steht der Staat nicht im Dienst
       seiner Bürger. Exemplarisch zeigt sich das beim Zahlen von Steuern, das die
       Menschen nicht als persönlichen Beitrag zum Gemeinwesen wahrnehmen. Wie ist
       es dazu gekommen?
       
       Krascheninnikow: Steuern wurden nie als Beitrag der Bürger zum Staat
       verstanden. Im Gegenteil, sie galten als Pflicht, für die man nichts
       zurückbekommt. Die in einigen westlichen Ländern und Gesellschaften
       verbreitete Vorstellung, dass die Behörden den Steuerzahlern Rechenschaft
       schuldig sind, gab es in Russland in der Form nicht. Die Menschen in
       Russland wissen oft nicht, wie viel Steuern sie tatsächlich zahlen. Wenn
       ihnen gesagt wird, der Staat habe Milliarden für etwas ausgegeben, dann
       betrachten sie dieses Geld nicht als ihr eigenes.
       
       Sie glauben, das seien die Steuern der Reichen, von Gazprom oder den
       Banken. Deshalb antworten viele, wenn man ihnen erzählt, dass Putin einen
       Palast besitzt: „Na und? Soll er etwa in einer Chruschtschowka (Plattenbau)
       wohnen?“ Dem Staat ist es gelungen, die Vorstellung zu verankern, dass er
       den Bürgern für ihre Steuern nichts schuldet. Der Kreml verdirbt seine
       Bürger, indem er einen Kult der Korruption predigt. Wer erst einmal an die
       Macht kommt, soll sich die Taschen füllen. Ein Beamter? Der muss reich
       leben.
       
       7x7: Warum ist die Toleranz gegenüber Korruption unter den Russen so groß? 
       
       Krascheninnikow: Toleranz gegenüber Korruption wird oft anerzogen. Viele
       Russen glauben, man könne sich eben ein bisschen bereichern. Sie können
       sich nicht vorstellen, dass ein Beamter fünf Paläste, zwanzig Jachten und
       Immobilien auf der ganzen Welt besitzen kann. Hinzu kommen noch Kinder,
       Enkel, Geliebte und Liebhaber, die ebenfalls versorgt werden wollen. Ein
       Mensch, der sich aus dem Staatshaushalt bedient, wird niemals freiwillig
       aufhören. Er kennt keine Grenzen. Aufhören kann nur ein Unternehmer, der es
       leid ist, weiter Geld zu verdienen und stattdessen lieber mit einem
       Panamahut am Pool liegen möchte.
       
       7x7: Reformen sind ohne den Staat unmöglich. Aber wie bringt man ihn dazu,
       selbst zum Ausgangspunkt des Wandels zu werden? 
       
       Krascheninnikow: Die Struktur des Putin-Staates muss zerfallen oder sich
       verändern. Das wird ganz automatisch passieren, denn Putin ist sterblich
       wie jeder andere Mensch auch. Die Geschichte lehrt uns: Welche
       Machtpyramide Diktatoren auch errichten, nach ihrem Tod gerät alles aus den
       Fugen. Die Menschen, die nach Putins Tod an die Macht kommen, werden
       deshalb ein Interesse daran haben, etwas zu unternehmen.
       
       Entscheidend ist, wie stark die Gesellschaft sie unter Druck setzen kann,
       damit Veränderungen in Gang kommen. Dann müssen auf demokratischem Weg
       Politiker an die Macht gelangen, die den Staat von innen heraus
       modernisieren und in den Dienst der Bürger stellen können. Von außen ist
       das unmöglich. Solange die Menschen im System die Möglichkeit haben, nichts
       zu verändern, werden sie nichts unternehmen.
       
       7x7: Woher stammt der Mythos, Russland könne keine Demokratie werden und
       sei dazu bestimmt, als „belagerte Festung“ inmitten feindlicher Mächte zu
       existieren? 
       
       Krascheninnikow: Diese Erzählung ist schon alt. Sie wurde von Menschen
       erfunden, die selbst resigniert hatten, ist also eine Art
       Selbstrechtfertigung für ihre Passivität. Und es gab ihn nicht nur in
       Russland, sondern auch in anderen Ländern.
       
       Franco schwor jahrzehntelang, Demokratie passe nicht zu den Spaniern. Nach
       seinem Tod entschieden sich die Spanier trotzdem für Demokratie. Mussolini
       erklärte den Italienern zwanzig Jahre lang, die Demokratie sei ihrem Volk
       fremd. Doch auch die Italiener leben hervorragend in einer Demokratie. In
       Südkorea und Taiwan gab es autoritäre Herrscher; als die Gesellschaft
       demokratisiert wurde, gab es keine Massenproteste, die die Diktatur
       zurückforderten. Was ich sagen will: Es gibt keinen angeborenen
       Mechanismus, der Menschen daran hindert, in einer Demokratie zu leben.
       
       7x7: Woran sollte man denken, wenn man über die Zukunft in Russland
       spricht? 
       
       Krascheninnikow: Dass es die ideale Zukunft nicht gibt. Viele Demokratien
       funktionieren, aber keine von ihnen ist fehlerfrei. Das bedeutet aber
       nicht, dass man, nur weil das Ideal unerreichbar ist, alles hinschmeißen
       und gar nichts mehr unternehmen sollte. Vielleicht wird Russland eines
       Tages eine unvollkommene Demokratie sein. Auch der Föderalismus wird seine
       Schwächen haben.
       
       Man muss sich ein realistisches, erreichbares Ziel setzen: einen Politiker
       suchen, der einem vielleicht zu 80 Prozent gefällt, aber nicht zu 100; eine
       Partei wählen, deren Programm einen im Großen und Ganzen überzeugt, auch
       wenn es nicht in jedem Punkt den eigenen Erwartungen entspricht. Die
       Menschen in Russland müssen lernen, die Realität des Lebens gelassener zu
       akzeptieren und zu verstehen, dass es das Ideal nicht geben wird, ein gutes
       Leben aber trotzdem erreichbar ist.
       
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       22 Jul 2026
       
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