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       # taz.de -- Gedenktag für Drogentote: „Zu spät erreicht, zu selten geschützt“
       
       > Immer mehr und vor allem junge Menschen sterben wegen Drogenmissbrauch.
       > Eine Gedenkveranstaltung in Berlin fordert mehr Prävention, weniger
       > Repression.
       
   IMG Bild: Etwa 100 Menschen haben sich am Oranienplatz zum Gedenken an die 300 Drogentoten 2025 in Berlin versammelt
       
       Wenige Gehminuten vom Kotti haben sich am Oranienplatz rund 100 Leute zum
       Gedenken versammelt. „Das Kottbusser Tor zeigt wie kaum ein anderer Ort,
       was öffentlicher Raum in dieser Stadt bedeuten kann: Zuflucht, Konflikt,
       Unsichtbarkeit, Solidarität – und eben viel zu oft auch Verlust“, leitet
       Marc Seidel seinen Redebeitrag ein.
       
       Seidel spricht für die Selbstvertretungsgruppe Junkies, Ehemalige und
       Substituierte (JES e. V.) anlässlich des internationalen Gedenktags für
       verstorbene Drogengebrauchende. Zu der Veranstaltung aufgerufen hatte ein
       Aktionsbündnis aus Vereinen der Drogensuchthilfe.
       
       [1][Jährlich steigen die Zahlen drogenbedingter Todesfälle]. In Berlin
       verloren laut Senatsverwaltung für Gesundheit und Pflege vergangenes Jahr
       rund 300 Menschen ihr Leben aufgrund von Überdosierungen und anderen Folgen
       des Konsums von illegalisierten Substanzen. Im Jahr zuvor waren es 294
       Menschen. Auch bundesweit stieg die Zahl der Drogentoten erneut.
       
       Dirk Schäffer hat überall auf dem Oranienplatz bunte Schmetterlinge auf den
       Boden gesprüht: [2][Letztes Jahr wurden 294 Schmetterlinge aus Papier
       aufgehängt – für jeden Toten einen]. Schäffer geht von einer hohen
       Dunkelziffer aus, er ist Referent für Drogen und Strafverfolgung der
       Aids-Hilfe. Einen Grund dafür, dass die Todeszahlen mit jedem Jahr steigen,
       trotz eines „eigentlich guten Hilfesystems hier in Berlin“, vermutet er
       darin, dass es einen Trend zu synthetischen Substanzen gebe: „Die sind
       deutlich potenter, schwer dosierbar und haben viele Nebenwirkungen.“
       
       Betroffen sind vermehrt junge Menschen: Jeder vierte Drogentote ist jünger
       als 30 Jahre, heißt es in einer Pressemitteilung des
       Bundesdrogenbeauftragten Hendrik Streeck (CDU). Das sei seit 2021 ein
       Anstieg um mehr als die Hälfte. „Junge Menschen mischen Medikamente,
       Alkohol und andere Substanzen, oft ohne die tödlichen Risiken der
       Kombinationen zu kennen“, sagt er.
       
       Schäffer sieht Jugendliche auch durch die sozialen Medien und Songtexte, in
       denen das Konsumieren synthetischer Drogen verherrlicht werde, gefährdet.
       Zudem sei der Zugang zu Drogen immer einfacher geworden: „Niemand muss mehr
       hier zum Kotti gehen, man kann Substanzen einfach im Internet bestellen,
       zwei Tage später kriege ich das geliefert.“ [3][Es brauche mehr Prävention
       und frühere Aufklärung an Schulen.]
       
       Das Motto der Gedenkveranstaltung lautet: „Verändern, um Leben zu retten!“
       Damit solle darauf hingewiesen werden, dass Angebote stetig
       weiterentwickelt werden müssten und eine andere Drogenpolitik in Gang
       gesetzt werden müsse, sagt Seidel: „Das Sterben ist das Ergebnis von
       Verhältnissen, die vermeidbar wären.“ Niedrigschwellige Hilfe
       bereitzustellen sei eine Frage von politischem Willen.
       
       „Gib mir 5“ – fünf Maßnahmen für eine „menschenwürdige Drogenpolitik“, ist
       auf einem Banner vor einem der Stände der Veranstaltung zu lesen. Der
       Verein akzept e. V. hat eine Kampagne gestartet, in der er
       niedrigschwelligen Zugang zu Hilfesystemen fordert, erklärt eine Frau an
       dem Stand. Zum Beispiel zu Substitution, also der ärztlich kontrollierten
       Vergabe von legalen Ersatzstoffen, etwa für Heroin. Auch mehr Möglichkeiten
       zum Drugchecking, wo Substanzen auf Reinheit und mögliche gefährliche
       Inhaltsstoffe überprüft werden, lautet eine der fünf Forderungen.
       
       Seidel betont: „Menschen sterben nicht nur an Substanzen. Sie sterben an
       einem System, das sie zu spät erreicht, zu hart bestraft und zu selten
       schützt.“
       
       21 Jul 2026
       
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