# taz.de -- Die Affäre Spahn: Was, wenn sein Rücktritt ein Macht-Move war?
> Gerade wird die Geschichte von Spahns Niederlage erzählt – Friedrich Merz
> habe gewonnen. Dabei könnte Spahn mehrfach profitieren. Und mit ihm die
> AfD.
IMG Bild: Kann sich Jens Spahn drei oder sieben oder mehr Jahre zurückhalten und seinen Plan als Kanzler entwickeln?
Politik ist eine große Geschichte, und es scheint, als hätten viele
verlernt, wie diese Geschichte geht, wie sie sich erzählen und wie sie sich
verstehen lässt. Sie haben verlernt, das Epische zu sehen, wenn es sich
ereignet. Sie haben verlernt, in Kategorien von Macht und Verrat zu denken.
Und sie haben damit auch verlernt, die Veränderung zu gestalten, die
möglich ist, wenn sich Brüche in dieser Geschichte auftun.
Die Geschichte von [1][Jens Spahn] ist – oder wäre – so ein Moment. Diese
Geschichte [2][seines Rücktritts] wird gerade in den Kommentaren und
Leitartikeln vorzugsweise mit einer Form von Verwunderung erzählt, die
eigentlich der beste Weg zur Erkenntnis sein müsste: Wie bitte konnte das
einem Profi wie Spahn passieren? Wie konnte er sich so im Vaterglück
verlieren und blind werden für die Widersprüche oder Heuchelei in seiner
Argumentation – [3][öffentlich gegen die Leihmutterschaft und privat
dafür]? Wie konnte er nicht sehen, dass er hierüber stürzen würde?
Diese Kaskade an Fragen kann man auch als Angebot an Antworten lesen, wenn
man denn will. Die Grundannahme wäre hier: Wenn es so unplausibel scheint,
könnte es ja plausibel sein. Gerade wird die Geschichte von Spahns
Niederlage erzählt – Friedrich Merz habe dabei gewonnen, der nun, so heißt
es, [4][eine Kabinettsumbildung planen könnte, es sei ein Machtbeweis, ein
Befreiungsschlag.]
Unklar ist, wie es ein Beweis der eigenen Stärke sein soll, wenn Merz von
einem der wichtigsten Parteikollegen neun Monate oder mehr hintergangen
wird. Unklar ist auch, ob Merz überhaupt einen Plan hat.
## Drei Fliegen mit einer Klappe
Anders gesagt: Wenn Jens Spahn drei Schachzüge vor dem doch sehr einfach
gefassten Friedrich Merz her denkt, dann wäre dieser Rücktritt als
Fraktionschef eine gute Möglichkeit für ihn, gleich mehrere Probleme auf
einmal zu lösen.
Erstens wäre Spahn die wenig vielversprechende Bindung an diesen
Letzte-Patrone-der-Demokratie-Kanzler los, gegen den er selbst mehrfach
kandidiert hat, und auch an diese Untergangsregierung mit der
12-Prozent-Partei SPD. Zweitens hätte er durchs Kinderglück die Erinnerung
an die Villa- und [5][die Masken-Affäre] überspielt. Und drittens könnte
sich Spahn drei oder sieben oder mehr Jahre zurückhalten und seinen Plan
als Kanzler einer Post-AfD- (oder AfD-)Zeit entwickeln.
Erst einmal aber hilft die Affäre Spahn, die auch eine Affäre Merz ist, vor
allem der AfD. Wieder einmal ist es ein Eindruck von Hilflosigkeit und
Überforderung der herrschenden Eliten, der bleibt. Wieder einmal ist es ein
Blick in das Mittelmaß der derzeit Regierenden, der zu Schockmomenten und
fast schon gewohnter Verzweiflung bei denen führt, die noch an eine
demokratische Variante ohne AfD glauben wollen. Wieder einmal sind es die
politischen und medialen Scheuklappen, die den Blick auf den Horizont
versperren.
Dabei ist es manchmal eigentlich gar nicht so schwer. Friedrich Merz etwa
rutscht regelmäßig rhetorisch aus, indem er sagt, was er denkt. So war das
zum Beispiel, als er vor Jahren in einem Interview nach Jens Spahn gefragt
wurde und antwortete, er habe nichts gegen Homosexuelle, das sei
Privatsache – außer es gehe um Kinder, da höre der Spaß für ihn auf. Was
die Frage aufwirft, wie jemand wie Jens Spahn mit jemanden zusammenarbeiten
konnte, der wie Friedrich Merz [6][Homosexualität recht leger mit
Pädophilie verbindet.]
## Eine ganz andere Geschichte
Ähnlich nun ließ sich Merz in dem sogenannten Sommerinterview nach dem
Rücktritt von Spahn zu dem Satz verleiten, der Aufruhr habe wohl auch mit
der „Person“ von Jens Spahn zu tun.
Merz implizierte damit nicht nur, dass der zweitmächtigste Mann der CDU ein
Charakterproblem habe – was zu der Frage führt, wie Merz mit jemandem
zusammenarbeiten konnte, den er für nicht besonders vertrauenswürdig hält.
Er insinuierte damit auch, dass es jenseits der objektiven Verfehlungen von
Spahn auch subjektive Gründe gegeben habe, was vor dem Hintergrund der
früheren Aussage wiederum wenigstens latent homophob klingt.
Entlang dieser Brüche nun ließe sich eine andere Geschichte erzählen – über
Merz, der immer weniger in der Lage scheint, seine Funktion als Kanzler
auszufüllen. Über Spahn, aus dessen Kränkung heraus sich eine Geschichte
von Rache und Resilienz spinnen lässt. Und über eine politische Klasse in
Auflösung, weil wesentliche Akteure nicht in der Lage sind, sich wenigstens
an die Narrative zu halten, die für sie vorbereitet wurden.
## Ein Ameisenblick
Was sich bei alldem wieder einmal zeigt: Es hat sich an vielen Stellen ein
Ameisenblick auf Politik etabliert, der sowohl Handelnde wie Beobachtende
betrifft.
Das Spiel der Macht wirkt in Berlin oft wie ein Laientheater. Aber die
Beschreibung durch die meisten Medien wirkt auch nicht von viel mehr
Tiefsinn oder Weitblick getragen. Besonders deutlich wird das, wenn ein
sichtbar überforderter Kanzler in einer historisch herausfordernden
Situation agiert und Ende Juli immer noch so getan wird, als würde der
September dieses Jahr ausfallen.
Wenn aber in Sachsen-Anhalt, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt
sein wird, wird es sehr schwer sein, nicht die Frage zu stellen, ob Merz
und Klingbeil und Co die Richtigen sind für diese Zeit. Bislang war Jens
Spahn immer einer der Namen, die genannt worden wären. Nun fehlt er für
eine Weile.
Die Situation der SPD ist allerdings auch nicht vielversprechender – die
innerparteiliche Schmerztoleranz für schlechte Wahlergebnisse hat
mittlerweile offenbar zu einer vollkommenen Gefühlslähmung geführt.
Wir leben in außergewöhnlichen Zeiten. Aber noch fehlen uns die Worte, so
scheint es, um auf der Höhe der Herausforderungen und Kämpfe zu schreiben,
zu sprechen, zu reden und zu agieren. Und weil aus diesem sprachlichen ein
politisches Vakuum wird, wird es gefährlich.
21 Jul 2026
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## AUTOREN
DIR Georg Diez
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