# taz.de -- Deutsche Rüstungsindustrie: Panzer statt Autos
> Rüstungskonzerne werben um Fachkräfte und Fabriken der kriselnden
> Autobranche. Zulieferer bauen Panzer- und Drohnenteile. Rettet das die
> Autoindustrie?
IMG Bild: Was wird in Zukunft hier produziert? Protest gegen die Werkschließung bei VW in Osnabrück im Dezember 2025
Im VW-Werk Osnabrück ist Schluss mit dem Autobau, wenn 2027 die Produktion
des T-Roc Cabrio endet. Einen Anschlussauftrag hat der Konzern den 2.300
Beschäftigten dort nicht in Aussicht gestellt. Erst zeigten Rheinmetall und
der Panzerbauer KNDS Interesse an einer Übernahme des Werks, inzwischen
wird der israelische Rüstungskonzern Rafael als Nachfolger gehandelt.
Die deutsche Autoindustrie ist in einer beispiellosen Absatz- und
Beschäftigungskrise, während [1][das 3,5-Prozent-Ziel der Nato] und die
weltweite Aufrüstung der Rüstungsbranche volle Auftragsbücher und
Planungssicherheit bescheren. Unter dem Schlagwort „Auto2Defence“ wirbt
diese gezielt darum, frei werdende Fabriken und Fachkräfte für die
Rüstungsproduktion zu übernehmen.
Wie das aussehen kann, zeigt die Geschichte der Alstom-Zugfabrik in
Görlitz. Vor rund einem Jahr hat KNDS das Werk mitsamt Belegschaft
übernommen, nachdem der französische Waggonhersteller die Produktion nach
Osteuropa verlegt hatte. Mittlerweile läuft die Umstellung von der Zug- zur
Panzerproduktion auf Hochtouren.
„Die Leute sind motiviert, die haben sehr viel Know-how“, sagt Florian
Hohenwarter, Chef von KNDS Deutschland und selbst ehemaliger
Mercedes-Manager. „Die haben vorher geschweißt, die werden jetzt schweißen.
Die haben vorher große, schwere, regulierte Produkte produziert und das
werden sie zukünftig auch machen.“
## Rüstungsbranche lernt von der Autoindustrie
Die Produktion skalieren und schnell hohe Stückzahlen produzieren, das
könne man von der Autoindustrie lernen, meint Hohenwarter. KNDS stellt, wie
viele andere Rüstungsproduzenten, momentan von der Einzel- auf
Serienfertigung um. Seit April arbeitet das deutsch-französische
Unternehmen dafür mit dem Autozulieferer Dräxlmaier zusammen. Gemeinsam
produzieren sie zukünftig den Radpanzer Boxer. Die Missionsmodule – also
den Aufsatz auf dem Fahrzeug – baut Dräxlmaier in Landau an der Isar, KNDS
fertigt das Fahrzeug und übernimmt die Endmontage. Bis zu zehn Panzer pro
Monat sollen in München so bald vom Band rollen.
Auch Schaeffler, einer der größten deutschen Autozulieferer, ist ins
Rüstungsgeschäft eingestiegen und kooperiert mit den Drohnenherstellern
Helsing und Delair. Und der Zulieferer ZF Friedrichshafen baut sein
bestehendes Militärgeschäft aus und produziert Panzer-Lenkgetriebe.
Wie viel Potenzial für die Zulieferindustrie im Militärgeschäft steckt,
[2][hat das Branchennetzwerk Automotive Thüringen untersucht]: Es sind vor
allem Komponenten wie Kurbelwellen, Steuergeräte und Elektronikbauteile,
die genauso im Pkw wie in Panzern oder Drohnen zum Einsatz kommen können.
Allerdings ist der Markt trotz Sondervermögen und Aufrüstungszielen
vergleichsweise klein. Um die Aufträge konkurrieren zahllose Zulieferer.
Rüstung sei deshalb eine Ergänzung, aber bei Weitem kein Ersatz für das
Automobilgeschäft, so die Autoren.
Auch auf Beschäftigungsebene ist Auto2Defence kaum der viel beschworene
Rettungsanker für die kriselnden Autobauer. Rund 20.000 Menschen arbeiten
in der eng definierten Rüstungsindustrie, gegenüber fast 800.000 in der
Autobranche. Seit 2019 sind [3][rund 100.000 Autoarbeitsplätze
weggefallen], bis 2035 erwartet der Verband der Automobilindustrie den
Abbau von 225.000 Stellen.
## Rüstungsunternehmen greifen Fachkräfte ab
Von arbeitslosen Fachkräften wiederum profitiert die Rüstung. So hat
Rheinmetall Continental-Mitarbeitern aus Gifhorn, deren Jobs durch die
Werkschließung wegfallen, eine Beschäftigung am nahen Standort Unterlüß
angeboten. Statt Bremsen fertigen die Arbeiter jetzt Munition.
In den Belegschaften regt sich derweil vereinzelt Widerstand – und die
Gewerkschaft IG Metall steckt im Dilemma. In ihrer Satzung sind Frieden und
Abrüstung verankert, zugleich vertritt sie die Beschäftigten der
Wehrindustrie und steht durch den Stellenabbau erheblich unter Druck. In
diesem Spannungsfeld bewege sie sich schon immer, erklärt die Gewerkschaft,
die aktuelle Weltlage mache das nur besonders deutlich.
Dass Autowerke auch anders genutzt werden können, zeigt eine [4][Kurzstudie
im Auftrag der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Umweltorganisation Robin
Wood]. Das VW-Werk Osnabrück, das bereits Kleinbusse gefertigt hat und mit
einer Entwicklungsabteilung ausgestattet ist, könnte teilautonome Fahrzeuge
für den ÖPNV fertigen. Dafür, so die Autor*innen, müsste das Land
Niedersachsen allerdings das Werk übernehmen und der öffentliche Nahverkehr
deutlich besser finanziert werden, etwa mit Geld aus dem Sondervermögen für
Infrastruktur und Klimaneutralität.
22 Jul 2026
## LINKS
DIR [1] /Nato-Gipfel-in-Ankara/!6194379
DIR [2] https://www.automotive-thueringen.de/publication/dual-use-produkte-und-leistungen-chancen-fuer-die-automobilindustrie-02-2026/
DIR [3] /Krise-der-Industrie-in-Deutschland/!6181687
DIR [4] https://www.rosalux.de/veranstaltung/es_detail/QTS1S/kleinbusse-statt-kriegsgeraet?cHash=61752f3aae9a13108a24316afb6e3709
## AUTOREN
DIR Ronja Morgenthaler
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